Oh nein. Nein, nein, nein. Ein schrecklicher Verdacht verfestigt sich in Averys Kopf und in dem verzweifelten Versuch, ihn mit mehr Alkohol auszulöschen, nuckelt er an dem Eis in seinem verwässerten Gin Tonic.
»Ich denke nicht, dass Sie wollen, dass ich darauf antworte, Avery«, sagt Lacroix und es ist so seltsam, ihn seinen Vornamen aussprechen zu hören, seltsam und noch etwas anderes. Und oh, Avery ist am Arsch. Er ist verdammt noch mal am Arsch. »Ich sehe Sie in ein paar Tagen auf der Arbeit und wir werden so tun, als wäre das hier nie passiert. Nicht wahr.«
Das ist schon wieder so eine Frage, die nicht wirklich eine Frage ist, aber dieses Mal nickt Avery. »Na klar, Malin«, antwortet er und versucht es gewohnt draufgängerisch. Er hat Lacroix noch nie beim Vornamen genannt. Es ist komisch.
Lacroix antwortet, indem er seine Aussprache korrigiert, Harlan freundlich zunickt und sich dann abwendet. Avery ist neidisch. Es wäre echt nett, so offen Fuck you sagen zu können, ohne anzudeuten, dass die eigenen Kollegen für Geld Schwänze lutschen.
Harlan mustert ihn mit einem Gesichtsausdruck, der oft bedeutet, dass er etwas sagen wird, was Avery nicht hören möchte. Alles, was er allerdings tut, ist, der Kellnerin Bescheid zu geben, dass sie gerne zahlen möchten (und ihre Nummer zu ergattern – der Schlawiner), bevor er die Rechnung begleicht. Er nimmt Avery auch mit nach Hause, aber statt ihn mit ins Bett zu nehmen, stellt er ein Glas Wasser neben das Gästebett und widersteht Averys ungelenken Verführungsversuchen. Was gut ist, denn sobald sein Kopf das Kissen berührt, holen seine schlaflosen Nächte und die Kombination aus Stress, Alkohol und Junkfood ihn ein, und er schläft tief und fest.
Avery überzeugt sich selbst davon, dass es ihn nicht nervös macht, wieder zur Arbeit zu gehen und Lacroix zu sehen. Er entscheidet sich dafür, dass er das am besten zeigen kann, indem er ihm aus dem Weg geht.
Es funktioniert. Hauptsächlich, weil sie nicht viel Zeit miteinander verbringen. Avery sieht ihn hin und wieder im Vorbeigehen und sie tauschen ein kühles Nicken aus. Dann blickt Avery als Erster weg, weil Lacroix das zu erwarten scheint.
Er ist auch ein wenig verschnupft, was Harlan angeht. Am Tag nach seiner peinlichen, von Gin Tonic befeuerten verbalen Entgleisung hat Harlan immer noch Nein gesagt, als er etwas von ihm wollte. Er hat Avery bei sich bleiben lassen, ihm Abendessen gekocht und sogar einen blöden Horrorfilm ausgeliehen. Aber er hat sich absolut geweigert, einer von Averys patentierten Verführungsstrategien zum Opfer zu fallen, die da wären: Ich klettere dir auf den Schoß oder Ich biete an, in der Dusche deinen Rücken zu waschen.
Als beides nicht so funktioniert hatte wie erwartet, hat er versucht, Harlan abzufüllen. Das hat nicht mit Sex geendet, allerdings damit, dass Harlans Dialekt sich deutlich weniger nach einem Südstaaten-Gentleman und mehr nach einem ungehobelten Hinterwäldler angehört hat, was Avery echt spitze und urkomisch fand. Er log und sagte, dass es heiß war, einfach um zu sehen, ob das funktionieren würde, aber Harlan schlug ihn mit einem Kissen und sagte ihm, dass er sich verpissen sollte.
Letztendlich entschloss er sich, einfach zu fragen, warum sie nicht vögelten, da sie schließlich beide nicht in einer Beziehung waren und hin und wieder miteinander geschlafen hatten, seit sie sich kennengelernt hatten. Avery war ein Erstsemester am College gewesen und hatte einen Sommerjob angenommen, bei dem er auf einer Baustelle aushalf, um zu verstehen, wie es war, Dinge zu bauen und die Materialien anzufassen. In diesem Sommer fasste er letztendlich viele Materialien an, vor allem Baumwollshirts, die er Harlan auszog.
Er lernte zwei Dinge. Wenn man Gebäude entwirft, kann man dabei in einem klimatisierten Raum sitzen und rauchen. Und manchmal steht er auf Schwänze. Es war ein wenig überraschend, aber als er es seiner Mutter gestand – mit einer weniger direkten Formulierung –, sagte sie: »Nun ja, natürlich magst du Jungs, Liebling. Hast du das wirklich nicht gewusst? Dein Vater und ich dachten… Na ja, ich freue mich, dass du es endlich herausgefunden hast.« Dann traten seine Eltern PFLAG bei und seine Mutter backte Kekse für den Kuchenverkauf.
Seine Eltern waren wirklich verdammt großartig.
Harlan hingegen war nicht so großartig. Er konnte sich tatsächlich Averys hartnäckigen Fragen widersetzen und sagte nur: »Ich glaube einfach nicht, dass es eine gute Idee ist.«
Avery wollte wissen, warum es eine schlechte Idee war. Harlan sagte ihm, dass er es schon noch herausfinden würde. Avery erinnerte ihn daran, dass er neunzehn Jahre gebraucht hatte, um diese ganze Ich stehe auf Schwänze-Sache herauszufinden. Dabei hatte Harlan ihm geholfen, also warum konnte er ihm nicht auch hier eine helfende Hand reichen? Oder einen Mund. Irgendetwas. Sie mussten ja nicht vögeln, wenn Harlan nicht wollte –
Und an diesem Punkt hatte Harlan Averys Schultern mit beiden Händen gepackt und ihm mit ernster Stimme gesagt, dass er nach Hause gehen sollte, weil er die Katze füttern musste. Er wusste Averys Witz anscheinend nicht zu schätzen. »Oh, verstehe. Du willst mich nicht ficken, weil du dir wegen der Mieze Gedanken machst.«
Also nannte er Harlan stattdessen Foghorn Leghorn – er hatte seit der Nacht in der Bar versucht, sich an den Namen dieses verdammten Hahns zu erinnern – und ließ sein nasses Handtuch auf dem Gästebett liegen. Ha! Man musste sich an den kleinen Dingen erfreuen. Aber so was von.
Harlan würde es ihm schon noch sagen. Er ist so etwas wie Averys weiser, allwissender Berater – mit einem Südstaatenakzent und einem Mund, der für Blowjobs wie gemacht war – und Avery weiß die Fähigkeit seines Freundes, rational zu denken und zusammenhängende Gedanken zu fassen, immer zu schätzen. Er muss nur anfangen, sie mit ihm zu teilen.
Aber Harlan antwortet auf keine von Averys viertausend Nachrichten, die alle ungefähr lauten: im ernst was meinst du?? Und der nagende Gedanke, dass er etwas übersieht, macht ihn genauso verrückt wie die Tatsache, dass er nicht flachgelegt worden ist.
Eines Abends wird es ihm ein bisschen zu viel. Sicher ist er ein Anhänger des Spice Channel, verschiedener Zeitschriften für Erwachsene, des Internets und was nicht sonst noch alles, aber verdammt. Er will einen echten Menschen. Also geht er am Donnerstagabend nach der Arbeit ins Fitnessstudio, duscht sich und macht sich auf in die Bar, die er hin und wieder frequentiert, wenn ihm nach einem Kerl zumute ist und sein üblicher Fickkumpel nicht verfügbar ist. Oder sich seltsam aufführt und ihm ausweicht.
Avery ist vielleicht neurotisch und aufbrausend, aber gleichzeitig auch charmant und zielstrebig. Er glaubt nicht, dass er Probleme haben wird, einen Tanzpartner für den Abend zu finden. Allerdings wird es etwa eine Stunde nach seiner Ankunft schmerzhaft deutlich, dass er seine Tanzkarte zu Hause gelassen hat – versteckt unter einem Haufen Zeitschriften und überfälligen Rechnungen auf seiner Küchentheke. Es ist nicht so, als gäbe es keine heißen und sogar interessierten Leute, aber keiner von ihnen lässt ihn ja, nimm mich mit nach Hause und fick mich denken.
Das macht ihn nur noch entschlossener. Also ist er jetzt einer von diesen Widerlingen, die herumschleichen wie ein Jagdhund um ein Kaninchen. Oder wie auch immer man das nennen würde, wenn ein bisexueller Kerl auf bedeutungslosen Sex aus ist und dabei ungewöhnlich wählerisch ist.
Er ist drauf und dran, aufzugeben und nach Hause zu seinem Laptop und seiner rechten Hand zu fahren, als er jemanden am Ende der Bar sieht, der ihm bekannt vorkommt. Sein Herz schlägt ihm bis zum Hals und plötzlich hat er den Geschmack von ruhelosem Verlangen und Angst auf der Zunge. Der Mann ist deutlich über eins achtzig, gut gekleidet und hat weißblondes Haar. Eine halbe Sekunde lang ist Avery sich sicher, dass es sich bei dem Mann um Lacroix handelt.
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