„Letztendlich kehrten aber zehn Reliquien auf ihren angestammten Platz zurück, nicht wahr?“, fragte Torben nach.
„Ganz richtig, mein Sohn“, meldete sich auch Frau Kern nun wieder zu Wort. „Das sogenannte Bergkristall-Reliquiar und ein Umhängekreuz fehlen allerdings bis heute.“ Sie lächelte geheimnisvoll. Torben spürte förmlich, dass sie genau wegen dieses Umstandes hier waren. Er fragte sie ganz direkt: „Spannen Sie mich bitte nicht weiter auf die Folter. Was wissen Sie darüber?“
„Über die Umstände des letztendlichen Verschwindens in den Vereinigten Staaten weiß ich gar nichts. In den Zeitungen stand nur, dass beide Gegenstände in Dallas abhandengekommen sein sollen. Mehrere Zeugen berichteten, sie weit nach Kriegsende noch im Besitz von Meador gesehen zu haben. – Allerdings“, ihr spitzbubenhaftes Lächeln kehrte zurück, „habe ich als junges Mädchen eine Beobachtung gemacht, die mit eben diesen beiden Gegenständen in Verbindung stehen könnte.“
Bedeutungsvoll nahm Frieda Kern noch einen Schluck aus der Teetasse und begann danach zu erzählen: „Natürlich sprach es sich sehr schnell herum, dass Carl viel Zeit mit einem US-amerikanischen Offizier verbrachte. Während einige ihn für diesen Umgang mit dem Feind verachteten oder wieder andere ihn um seine neuen, guten Beziehungen beneideten, überwältigte mich ein völlig anderes Gefühl, nämlich Eifersucht! Was treibt wohl ein erwachsener Mann mit einem zarten Jungen, der halb so alt wie er selbst ist? Wieso verbringt er seine Freizeit mit ihm? Auch wenn es Carl nicht gemerkt hat, ich habe gespürt, welche Neigungen Meador hatte.
Es machte mich zu dieser Zeit jedenfalls völlig verrückt, mir vorstellen zu müssen, was Meador mit meinem Carl jeden Nachmittag, wenn sie verschwanden, anstellte. Also passte ich sie eines Morgens ab und verfolgte ihren Jeep mit meinem alten und viel zu großen Damenrad. Glücklicherweise schien es Meador nicht eilig zu haben und mir gelang es dadurch, an ihnen dranzubleiben. Natürlich wurde der Abstand zwischen uns immer größer und irgendwann verlor ich sie gänzlich aus den Augen.
Außer Atem wie ich war und völlig betäubt von dem Gedanken an meine Jugendliebe, kam mir aber Aufgeben nicht einmal ansatzweise in den Sinn. Ich folgte der Straße, einem ungepflasterten Feldweg, immer weiter. An Kreuzungen versuchte ich anhand von frischen Fahrspuren, die richtige Richtung zu erahnen und drang dabei in den Wald über den Altenburger Höhlen vor, viel weiter, als jemals zuvor. Ich wusste, dass es Gerüchte gab, dass sich hier noch versprengte deutsche Soldaten aufhalten sollten, die unter anderem Waffendepots bewachten. Mein Sinn für Gefahr kehrte allmählich zurück, und ich begann langsam, wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Gerade als ich umkehren wollte, erblickte ich jedoch in einiger Entfernung Meadors Wagen und schöpfte wieder neuen Mut. Er stand, abwärts des Weges geparkt, nur einhundert Meter von mir entfernt. Meador war außerhalb des Autos, und Carl konnte ich hinter der Frontscheibe im Inneren entdecken. Es schien, als wäre er in ein Buch vertieft. Er nahm nichts von seiner Umgebung wahr.
Zu meiner völligen Überraschung lief aber Meador plötzlich und scheinbar zielgerichtet los. Über der Schulter hing ihm lose ein Rucksack, der offensichtlich leer war. Ich konnte erkennen, wie er langsam den kleinen Hang des Hügels hinaufkletterte. Ab und an stützte er sich dabei an einem Baum ab. Bei diesen Gelegenheiten blickte er sich regelmäßig um, als ob er sicher gehen wollte, nicht verfolgt zu werden.
Ich war damals völlig verwirrt, weil ich mich wohl getäuscht hatte und gleichzeitig doch unendlich erleichtert, dass Meador mit meinem geliebten Carl gar kein geheimes Schäferstündchen verbrachte. Aber was machte er dann mitten in dieser Einöde?
Um der Frage nachzugehen, versteckte ich schnell mein Fahrrad in einem Graben hinter einem Gebüsch und folgte Meador vorsichtig. Das war übrigens nicht so einfach, wie es sich jetzt vielleicht anhört. Ich nutzte dafür umgestürzte Baumstämme, Gestrüpp und Bodensenken, immer darauf bedacht, dass er mich nicht sah oder hörte. Plötzlich – ich war vielleicht sechzig Meter von ihm entfernt – blieb er in einer kleinen Vertiefung, ähnlich einem Trichter, stehen. Er hantierte kurz an irgendetwas herum und war einen Moment später wie vom Erdboden verschluckt.
Als ich auf diese Stelle zu robbte, schlug mir das Herz bis zum Hals, da Meador ja jederzeit wieder auftauchen konnte. Aber nichts dergleichen geschah und so erreichte ich …“
Frau Kern brach mitten im Satz ab und griff erneut zur Tasse.
Torben, ungeduldig wie immer, fragte sofort nach: „Was erreichten Sie?“
„Was glauben Sie denn, was sie gefunden hat?“ Der Professor lächelte, als er das sagte. „Sie wird den geheimen Zugang zu den Altenburger Höhlen gefunden haben, den Meador genutzt hat, um nach und nach den Domschatz zu stehlen, während der Haupteingang von seinen Kameraden bewacht wurde. Nicht wahr, meine Liebe?“
„Ganz recht!“, bestätigte Frau Kern schmunzelnd die Vermutungen Professor Meinerts. „Ich fand damals einen Belüftungsschacht, der vermutlich künstlich in den Berg getrieben worden war, weil man ja die Höhlen auch als Luftschutzbunker nutzen wollte. Eigentlich war dieser Zugang mit einem schweren Eisengitter verschlossen, aber das stand jetzt offen und selbst ein Schloss konnte ich nirgends sehen. Der Schacht war schmal, gerade breit genug, dass sich ein erwachsener Mann noch durchzwängen konnte. Und Meador war genau dies offensichtlich gelungen.
Zufrieden mit meiner Entdeckung zog ich mich wieder zurück und versteckte mich in der Nähe hinter einigen mit Moos überzogenen Felsen. Ich brauchte Geduld, denn erst etwa eine Stunde später sah ich von dort, wie zunächst Meadors Kopf aus dem Loch hervorschaute und kurz darauf der restliche Körper folgte. Ich beobachtete ihn, wie er das Gitter wieder schloss und mit einigen Zweigen und Laub tarnte. Sein Rucksack schien mir jetzt prall gefüllt zu sein. Er zündete sich eine Zigarette an und machte sich offensichtlich gut gelaunt auf den Rückweg zu seinem Auto.
Ich folgte ihm wieder genauso vorsichtig und mit einigem Abstand. Wenig später sah ich, wie Meador, nachdem er seine Beute im Kofferraum verstaut hatte, gemeinsam mit Carl wegfuhr. Als ich mir relativ sicher war, dass sie nicht doch umdrehten, lief ich zum Lüftungsschacht zurück.
Dort angekommen, gelang es mir mit viel Mühe, das Gitter aufzudrücken. Ich blickte in die Dunkelheit, und mir schlug kühle und leicht modrige Luft entgegen, die mich frösteln ließ. Ich wollte unbedingt wissen, was dort unten war. An Ungeheuer und Monster glaubte ich sowieso nicht – nicht nach diesem Krieg – und Meador war wieder weggefahren. Vor wem sollte ich also Angst haben? Und so kletterte ich langsam die in die Felswand getriebenen Eisensprossen hinunter, die schon mit einer Rostschicht überzogen waren, immer darauf bedacht, auf dem nassen Metall nicht auszugleiten.
Es war ein schöner Frühlingstag Anfang Mai, sodass mir die mittlerweile hoch am Himmel stehende Sonne halbwegs Licht spendete. Außerdem sagte ich mir, sollte es zu dunkel werden, würde ich eben einfach umdrehen. Aber ich hatte Glück, als ich nach etwa zehn Metern wieder festen Boden spürte, stieß ich mit meinem Fuß an einen Gegenstand, der mit einem leisen, metallischen Klicken zur Seite rollte. Ich tastete danach und konnte es kaum fassen. Es war eine Taschenlampe! Meador musste sie zurückgelassen haben, vielleicht für seinen nächsten Besuch.
Sie funktionierte, und so konnte ich mich umsehen. Der Gang, in dem ich mich befand, war nur wenig größer als der Schacht über mir. Einige der Flächen erschienen unnatürlich glatt. Wahrscheinlich hatte man für die Belüftung der Höhlen, um sie als Bunker zu benutzen, einfach einen Felsspalt vergrößert. Der Gang verlief nahezu waagerecht und führte mit einer Rechtsbiegung von mir weg, sodass ich nur die ersten Meter ausleuchten konnte.
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