Nervös und ungeduldig, wie er an diesen Morgen war, lief er die steinerne Wendeltreppe viel zu schnell hinunter, sodass er die letzten zwei Stufen ungewollt mit einem Schritt nahm, sein Gleichgewicht verlor und unsanft auf dem harten Boden aufschlug. Die Schmerzen hielten sich in Grenzen, allerdings bemerkte er, dass ihm sofort die Schamröte ins Gesicht stieg. Denn man konnte vom Essenssaal den Treppenansatz sehr gut einsehen. Allerdings blieb das schadenfrohe Gelächter seiner Mitschüler wider Erwarten aus. Während er sich aufraffte, bemerkte er, dass noch niemand von den anderen da war. Seitdem er im Eberbachkloster lebte, hatte er es noch nie geschafft, der Erste beim Frühstück zu sein. Nur Schwester Casale, vom Geräusch des Aufpralls angelockt, schob ihr rundes Gesicht hinterm Rahmen der Küchentür hervor. Ihr verwunderter Ausdruck, weil sie ihn um diese Zeit schon hier unten sah, wich ziemlich schnell einem, der so viel bedeutete wie „Typisch Dantra“. Denn gerade in letzter Zeit waren ihm Missgeschicke wie dieses öfter passiert.
Nach dem Frühstück, das er mehr verschlungen als gegessen hatte, stand er, wie er es schon so oft bei älteren Schülern gesehen hatte, mit seinen paar Habseligkeiten in ein Jutetuch gewickelt vor der Leitungsstube der Schwester Oberin. Eingestellt auf die obligatorische Pause zwischen seinem Klopfen und dem auffordernden „Herein!“, zuckte er erschrocken zusammen, als sich der Knauf, den er bereits in der Hand hielt, drehte und die Tür mit Schwung aufgezogen wurde. Schwester Burgos stand ihm zunächst wortlos gegenüber und sah ihn ohne jegliche Regung an.
„Guten Morgen, Dantra. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und Gottes Segen“, sagte sie schließlich trocken. „Wie kann ich dir helfen?“
„Äh ... ich ... äh ...“ Verblüfft und fragend starrte er sie an. „Sie hat nicht vergessen, dass ich Geburtstag habe“, dachte er, „sonst hätte sie mir ja nicht gratuliert. Also muss sie doch genau wissen, was ich von ihr will.“ Völlig irritiert startete er einen zweiten Versuch, sein Anliegen vorzubringen. „Also, ich habe doch Geburtstag und ich ... äh ... also heute ...“
„Ja, ja“, unterbrach sie ihn grinsend, „ist schon gut. War doch nur ein Scherz. Natürlich weiß ich, was du willst.“
Dantra konnte es nicht glauben. Er kannte diese Frau bereits sein Leben lang, und sie war der einzige Mensch, mit Ausnahme von Schwester Arundel, den er noch nie hatte lachen sehen, geschweige denn einen Scherz machen. Und gerade heute, an seinem letzten Tag, gerade da hielt sie ihn zum Narren. Seine Fassungslosigkeit wuchs noch weiter, als Schwester Burgos fortfuhr. „Du kannst uns noch nicht verlassen. Zumindest nicht heute Morgen. Pater William, der natürlich an deiner Verabschiedung teilnehmen möchte, ist zu einem Sterbenden gerufen worden, um ihm die letzte Beichte abzunehmen. Also bring deine Sachen zurück in deine Kammer und begib dich in den Unterrichtsraum.“
Sie drehte sich um und war bereits im Begriff zu gehen, als Dantra den Mund öffnete und ein entrüstetes „Aber ...“ hervorbrachte. Sie wirbelte herum und musterte ihn gleichermaßen empört wie erstaunt. Für gewöhnlich war eine Unterhaltung beendet, wenn sie sich abwandte. Daher war sie es nicht gewohnt, wenn ihr jemand das Fortführen eines Gespräches aufzwang, welches sie als abgeschlossen betrachtete.
Von ihrem nun habichtähnlich aussehenden Gesichtsausdruck eingeschüchtert, beruhigte sich Dantras Stimme umgehend. „Die Beichte?“, fragte er vorsichtig. „Die dauert doch sicher nicht lang, oder?“ Sie zog ihren Mund spitz nach vorn und sah ihn überlegend an. Dantra war sich schnell sicher, dass er anstatt einer Antwort nur eine lautstarke Rüge erhalten würde und die Aufforderung, sich in Geduld zu üben. Doch ihr Gesicht entkrampfte sich wieder.
„Ich kenne nicht den Umfang dessen, was die betreffende Person zu beichten hat, aber ich gehe davon aus, dass es nicht lange dauert“, erklärte sie ihm schließlich. „Jedoch nimmt es zu viel Zeit in Anspruch, um währenddessen tatenlos im Gang herumzustehen. Also glaube mir, wenn ich dir sage, dass wir dich nicht länger warten lassen als unbedingt nötig, und nun tu, was ich dir aufgetragen habe.“ Bevor sie sich erneut von ihm abwandte, sah sie ihm nochmals tief in die Augen. Dantra war natürlich sofort klar, was ihm das sagen sollte. Sie würde auf keinen Fall einen weiteren Versuch, Antworten von ihr zu bekommen, dulden. Geknickt brachte er wie angeordnet seine Sachen zurück in seine Kammer und ging in den bereits begonnenen Unterricht. Die anderen musterten ihn fragend. Schwester Melk jedoch ließ nicht zu, dass irgendeine Art von Unruhe aufkam, was Dantra nur recht war. Denn wenn er in diesem niederschmetternden Moment zu etwas keine Lust hatte, dann war es, Erklärungen abzugeben.
Der Tag zog sich schleichend dahin. Er musste zwar nach der Schule keinerlei Arbeit mehr verrichten, das Warten jedoch wurde so nur noch unerträglicher. Es war bereits später Nachmittag, als es plötzlich an seiner wiederhergestellten Kammertür klopfte und sich im selben Moment der Türknauf drehte. Schwester Arundel sah kurz herein und murmelte etwas, das Dantra als „Komm runter!“ deutete. Er schnappte sich seine Sachen und eilte ihr nach.
Im Speisesaal standen die Schwestern wie an einer Schnur aufgezogen nebeneinander. Doch Pater William war nicht zu entdecken. Nach einem kurzen, unsicheren Zögern schritt Dantra auf Schwester Burgos zu und fragte sie leise, so als wollte er, dass die anderen es nicht mitbekämen, wo er sei.
„Es dauert doch länger als erwartet“, antwortete sie ihm, allerdings nicht mit gedämpfter Stimme. „Wie sich herausstellte, hatte der Sterbende sein Schicksal mit einem langsam wirkenden Gift selbst gewählt. Doch da er bis vor Kurzem noch regelmäßig unsere Messe besucht hat, ist Pater William bemüht, ihm als letzte Ruhestätte einen Platz auf dem Friedhof zu besorgen. Da das allerdings im Falle eines freiwilligen Ablebens nicht gern gesehen wird, nimmt dieser Fall nun leider mehr Zeit in Anspruch als gehofft. Und damit du noch ausreichend Gelegenheit hast, dir vor der Dunkelheit ein Nachtquartier zu suchen, habe ich beschlossen, dass wir nicht länger warten.“
Dantra begann, die ihm entgegengestreckten Hände von links nach rechts zu schütteln und die manchmal nicht ehrlich klingenden Segenswünsche für seine Zukunft entgegenzunehmen. Er bedauerte, dass der Platz an dem Pater William für gewöhnlich bei Verabschiedungen stand, leer blieb. Der Priester war wohl der Einzige, den Dantra vermissen würde. Pater William hatte nie ein böses Wort an ihn gerichtet. Ganz im Gegenteil. Wenn sie sich irgendwo zufällig begegnet waren, hatte er ihn immer mit einem freundlichen Lächeln gegrüßt. Während Dantra noch überlegte, ob er auf ihn warten sollte, schob ihn Schwester Burgos bereits mit einem sanften Druck auf die Schulter in Richtung Ausgang.
Als sich die Klosterpforte geschlossen hatte und er sich draußen auf der Straße befand, verblassten seine Überlegungen. Es war höchste Zeit, Tami zu suchen. Mit schnellen Schritten machte er sich auf den Weg zum Waldrand, wo sich der Wieselbach aufs offene Gelände schlängelte. Es war der einzige Anhaltspunkt, den er hatte. Als er das Dorf hinter sich ließ und der schier endlos aussehende Wald vor ihm lag, begann er, mit seinen Augen dessen Rand abzusuchen. Die bereits einsetzende Dämmerung war nicht gerade hilfreich, wenn es darum ging, irgendjemanden oder irgendetwas dort zu erkennen. Und auch als er die besagte Stelle erreichte, wo der ruhig dahinplätschernde Bach die letzten Baumreihen passierte, war nichts und niemand zu sehen. Seine Nervosität wuchs und seine Sorge um Tami ließ ihn ziellos am Waldrand auf und ab laufen. Nach einer Weile bemerkte er die Sinnlosigkeit seines Handelns und nahm erschöpft und den Verzweiflungstränen nahe auf einem Baumstumpf Platz. Er stützte seine Ellenbogen auf die Knie und ließ seinen Kopf hängen.
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