Er glaubte selbst nicht an das, was er da sagte. War er doch nicht einmal annähernd stark genug, um einen, wenn auch schon recht alten Waschtisch so zu zerkleinern, dass man ihn als solchen nicht mehr erkennen konnte, geschweige denn die aus Massivholz gefertigte Tür in zwei Teile zu zerlegen. Gefasst auf einen erneuten Wutausbruch, nahm er den Blick von der Schwester Oberin und senkte demütig den Kopf. Ein leises Knarren ließ ihn jedoch erneut aufschauen. Zu seiner Erleichterung hatte sie sich wieder in ihrem Stuhl niedergelassen. In ihrem starren Blick, der an ihm vorbei in den leeren Raum fiel, meinte Dantra zu erkennen, dass sie sich seine Antwort noch einmal durch den Kopf gehen ließ. „Wahrscheinlich sucht sie nach der härtesten Bestrafung, die die strengen Regeln der Schülerleitfibel für solche Fälle vorsehen“, dachte er.
Ihre Augen wanderten zurück zu Dantra und nach einer weiteren kurzen Phase des Schweigens sagte sie schließlich mit besorgter Miene: „Es sind noch 58 Tage, bis du dieses Haus auf ewig verlassen darfst. Du wirst bis dahin weder zur Feldarbeit gehen, noch in deiner Freizeit das Gebäude verlassen.“
„Aber Tami, sie verlässt uns schon übermorgen und ich ...“ Mit einer energischen Handbewegung brachte sie ihn zum Schweigen.
„Ich weiß, was du sagen willst, aber glaube mir, es ist das Beste für dich. Im Übrigen hast du genug damit zu tun, dir beziehungsweise deinem Nachfolger neue Möbel anzufertigen und die Tür zu reparieren. Ich habe bereits den Zimmermann verständigen lassen. Er wird heute Nachmittag kommen und dir Material sowie Werkzeug bringen. Und nun geh.“ Dantra war sich im Klaren darüber, dass jeder weitere Versuch, gegen ihre Entscheidung zu protestieren, vergebens wäre. Im Nachhinein wunderte er sich sowieso, dass sie so verhalten reagiert hatte, als er ihr ins Wort gefallen war. „Und Dantra“, fügte Schwester Burgos noch hinzu, als er sich bereits in Richtung Tür bewegte, „rede so wenig wie möglich über diesen Vorfall.“ Geknickt und mit den Nerven am Ende verließ er die Leitungsstube und schleppte sich zum Klassenzimmer, wo der Unterricht bereits begonnen hatte.
Die nächsten beiden Tage zogen an ihm vorüber, als steckte er nicht in seinem Körper. Seine Gedanken drehten sich nur noch um die eine Frage: Wie sollte er sie beschützen, wenn er nicht einmal das Haus verlassen durfte?
Als er am Tag von Tamis 19. Geburtstag aufwachte, hatte er die Antwort darauf noch immer nicht gefunden. Am liebsten wäre er für immer auf seiner frisch reparierten Pritsche liegen geblieben. Sein Magen rebellierte vor Nervosität und seine Augen brannten vor Müdigkeit, da noch nicht viel Zeit vergangen war, seit der Schlaf seinem Grübeln ein Ende bereitet hatte. Er verspürte das erste Mal seit vielen Jahren das Bedürfnis zu weinen. Vom Gedanken des Abschieds niedergeschlagen, warf er widerwillig seine Nachtdecke zurück, die er sich bis über beide Ohren gezogen hatte, und blinzelte nun in das helle durchs Fenster scheinende Morgenlicht. Um sich an dieses zu gewöhnen, brauchte er meistens etwas länger. Jedoch nicht an diesem Tag. Denn schon nach dem zweiten Blinzeln bemerkte er, dass irgendetwas Großes, Schwarzes vor seinem Fenster saß. Blitzartig richtete er sich auf.
„Das gibt es doch nicht.“ Dantra traute seinen Augen kaum. Vor seinem verschlossenen Kammerfenster saß ein pechschwarzer Rabe, der nun, da Dantra ihn gesehen hatte, mit seinem Schnabel gegen die Scheibe klopfte. Natürlich war es für Dantra unmöglich zu sagen, ob es derselbe Rabe war, den er kurz vor dem für ihn immer noch unerklärlichen Gewaltakt auf seine Einrichtung gesehen hatte. Doch die Wut, die er seinerzeit empfunden hatte, kehrte umgehend zurück. Denn es war gleich, ob es derselbe oder ein anderer war – Rabe blieb Rabe. Damit saß innerhalb kürzester Zeit wieder ein Vorbote des Todes auf seinem Fensterbrett. Und dies gerade an dem Tag, an dem Tami das Klosterwaisenhaus, in dem sie beide lebten, seit Dantra denken konnte, verlassen musste. Gerade in dem Moment, als seine Stimmung den absoluten Tiefpunkt erreicht hatte, war dieses Vorzeichen zum wiederholten Male erschienen und sah ihm erneut direkt in die Augen.
Die abstruse Möglichkeit, dass ein gewöhnlicher Rabe etwas mit seiner zerstörten Stube zu tun hatte, und die Befürchtung, dass er zurückgekehrt war, um nun ihm Schaden zuzufügen, verwarf Dantra schnell. Bebend vor Zorn sprang er auf und eilte zum Fenster. Dabei schimpfte er lauthals los und fuchtelte zusätzlich mit seinen Armen, als kämpfte er bereits mit dem Tier. Der Rabe jedoch zeigte sich von seinem Wutausbruch unbeeindruckt. Er tickte mit seinem Schnabel unbekümmert weiter gegen die Scheibe, als säße Dantra noch immer schweigend auf seiner Pritsche. Irritiert von diesem für einen Vogel ungewöhnlichen Verhalten, hielt er vor ihm inne und sah ihn zweifelnd an. Obwohl sein Puls raste, blieb sein Verstand klar. Und so bemerkte er schnell, dass der Rabe mit beiden Krallen ein zusammengerolltes Stück Pergament hielt, das durch den festen Druck beinahe zerquetscht wurde.
Zögerlich hob Dantra seine Hand und entriegelte das Fenster. Als er es einen Spalt geöffnet hatte, hüpfte der Rabe von der Pergamentrolle herunter. Bevor das Tier sich wegdrehte, hatte es den Anschein, als neige es sein schwarz gefiedertes Haupt, dann flog es zielstrebig davon. Dantra sah dem Raben nach, bis dieser hinter den benachbarten Häusern verschwunden war. Nun fiel sein Blick wieder auf die Pergamentrolle. Er nahm sie vorsichtig zwischen zwei Fingern hoch. Sie war mit einem Symbol versiegelt, das Dantra nicht kannte. Es schien, als wäre ein E mit einem C zusammengedreht worden. Ganz langsam knickte er das Siegel, bis es brach, und entrollte das Schriftstück. Im Nachhinein war er sich nicht mehr ganz sicher, was er erwartet hatte, denn er öffnete das Pergament mit weit über die Brüstung hinausgestreckten Armen. Fakt war aber, dass nur einige Zeilen darauf geschrieben standen. Also verriegelte er das Fenster und setzte sich wieder auf die Pritschenkante. Er rollte die Botschaft erneut aus und las die mit schwarzer Tinte geschriebenen Sätze.
Ich kenne deine Sorgen und kann sie gut verstehen. Ich kann dir zwar nicht schreiben, wer ich bin, hoffe aber, dass du meine guten Absichten erkennst und richtig handelst. Sag deiner Schwester, sie soll sofort und ohne Umwege zum Waldrand kommen, wo der Wieselbach aufs freie Gelände fließt. Vernichte dieses Schreiben und rede, Tami ausgenommen, mit niemandem darüber!!!
Als Abschluss hatte der anonyme Schreiber erneut ein großes E mit einem verschnörkelten C darunter geschrieben. Die Nachricht war in einer weißen, dickflüssigen Farbe und in breiter Schrift verfasst. Dantra starrte hoffnungslos verwirrt auf das Stück Pergament. Er wurde das beklemmende Gefühl nicht los, er schliefe noch und wäre dabei in einen tiefen Traum gefallen, der ihm so realistisch vorkam, dass es ihn schauderte. Er legte das Schriftstück zur Seite, stand auf und ging nochmals zum Fenster. Nachdem er es geöffnet hatte, beugte er sich weit hinaus und nahm einen tiefen Atemzug frischer Luft. Dann drehte er seinen Kopf und sah in die morgendlichen Sonnenstrahlen, die die kleine Gasse, an der sein Fenster lag, mit Licht fluteten und die ihn so stark blendeten, dass er seine Augen zukneifen musste. Nun schaute er zurück zu der geheimnisvollen Botschaft auf seiner Pritsche. „Sie ist noch da. Also ist es kein Traum?“ Diese Feststellung beruhigte ihn zwar nicht gerade, aber ein Funken Hoffnung, was die Zukunft seiner Schwester betraf, keimte in ihm auf.
Er nahm das Pergament wieder in die Hände und las es sich erneut durch. „Wer weiß von meinem Problem? Wer weiß, dass ich Angst um Tami habe? Eigentlich doch nur die Schwester Oberin. Aber ... nein!“ Der Gedanke war viel zu abwegig. Sie lebte streng nach den Regeln des Klosters und vor allem nach denen der Drachen. Diese besagten ganz klar, dass das Dressieren von Tieren jeder Art für Normalsterbliche streng verboten war. Nur mit einer schriftlichen Erlaubnis des führenden Dullpins des Ortes war man berechtigt, einen Wachhund abzurichten. Aber alles, was darüber hinausging, zog eine harte Bestrafung nach sich. Außerdem konnte sich Dantra nicht vorstellen, dass Schwester Burgos, die für ihre Ungeduld allseits bekannt war, so gute Nerven besaß, dass sie einen so langen Lernprozess, wie er zweifelsohne erforderlich war, wenn man einen Raben zähmen wollte, durchhalten würde.
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