Dantra schenkte seinem Rivalen keine weitere Beachtung und drehte sich nach links, wo einige Schritte entfernt ein Durchbruch in der Wand war, der als Verbindung zwischen Speisesaal und Küche diente. Schwester Casale, eine etwas korpulentere, nicht allzu große, Anfang vierzigjährige Dame, die dem Titel Küchenbulle alle Ehre machte, war für gewöhnlich äußerst gut gelaunt und immer freundlich zu ihm. Aber als sie Dantra am heutigen Morgen von unten herauf ansah, verflog selbst ihr sonst anscheinend eingemeißeltes Lächeln. Sie klatschte ihm lieblos eine halbe Kelle Rührei auf den Teller und legte das knochenharte Ende eines Weißbrotes dazu. „Das dürfte wohl für dich ausreichen, groß und stark musst du ja nicht mehr werden, oder?“ Die Ironie in ihrer Stimme war nicht zu überhören.
Dantra beachtete sie jedoch nicht weiter, denn in diesem Moment erschien Tami in der Küche und schenkte ihm zur Begrüßung ein Lächeln. Egal, was er für sie durchmachen musste, dieses Lächeln war es, das ihn immer wieder dafür entschädigte. Sie hatte langes blondes, schon fast golden schimmerndes Haar. Ihre Augen waren so blau wie der Morgenhimmel über dem rauschenden Ozean, und wenn sie lächelte, bildeten sich kleine Grübchen unter ihren Augen, die einen dahinschmelzen ließen. Ihrer samtweichen Haut, ob in ihrem engelsähnlichen Gesicht oder an ihren zarten Händen, konnte scheinbar weder strenge Witterung noch harte Arbeit etwas anhaben. Sie war der Inbegriff von Schönheit. Sie war so schön, dass es einem Angst machen konnte. Und genau da lag das Problem. Dantra hatte sich auf einer der Holzbänke an dem ersten von zwei Jungentischen niedergelassen und dabei so viel Abstand wie möglich zu den anderen eingehalten. Dass seine Frühstücksportion etwas mager ausgefallen war, störte ihn wenig. Die offenen Fragen über die Ereignisse vom Vortag und die Sorge um Tami hatten ohnehin keinen Platz für Hunger in seinem Bauch gelassen. Außerdem plagte ihn ferner die bange Ungewissheit, was er noch an Bestrafung zu erwarten hatte. Denn es war doch sehr unwahrscheinlich, dass die Sache mit seinen Möbeln und der Tür mit einer Nacht in der Kellerkammer erledigt war.
Die Antwort sollte allerdings nicht lange auf sich warten lassen. Noch als er in seine Gedanken vertieft das Rührei mit der Gabel umgrub und mit der anderen Hand das Stück Brot knetete, während sein Daumen eine Kraterlandschaft darin baute, trat Schwester Arundel unbemerkt von hinten an ihn heran. Sie flüsterte ihm zwar nur leise ins Ohr, er erschrak aber trotz allem.
„Noch vor Unterrichtsbeginn findest du dich bei der Schwester Oberin ein.“ Zu ihrem Befehlston gesellten sich nun auch noch Empörung und Abscheu. „Und hör auf, mit den von Gott gegebenen Gaben zu spielen, du undankbarer Tunichtgut.“ Mit einem verächtlichen Blick ließ sie von ihm ab, machte auf dem Absatz kehrt und stolzierte aus dem Saal wie ein Feldherr, dem gerade die bedingungslose Kapitulation der feindlichen Truppen übermittelt worden war.
Dantra wandte sich wieder seinem Rühreihaufen zu und stocherte weiter darin herum. Er hatte zwar jetzt Gewissheit darüber, wann das Gewitter über ihn hereinbrechen würde, aber die immer noch offene Frage, ob sich ein Sturm oder gar ein Orkan dazu gesellte, verstärkte seine Appetitlosigkeit noch mehr.
Kurz darauf stand er nervös vor der Stubentür von Schwester Burgos, die aufgrund ihrer Führungsposition von allen nur Schwester Oberin genannt wurde. Nervös wippte er von einem Fuß auf den anderen. Er hatte bereits geklopft, aber der ranghöchsten Ordensschwester im Eberbachkloster bereitete es anscheinend Vergnügen, die Leute vor ihrer Tür warten zu lassen. Dantra kam es wie eine Ewigkeit vor, bis er endlich das auffordernde „Herein!“ vernahm. Er drehte den Handknauf und drückte. Mit einem leisen Ächzen schob sich die Tür auf, in deren Inneren der ein oder andere Holzwurm ein Zuhause gefunden hatte. Schwester Burgos saß hinter einem großen dunkelbraunen Schreibtisch, der nach vorne hin mit einer Holzplatte verkleidet war, auf der wiederum ein schneeweißes Kreuz aus Elfenbein jeden Blick auf sich zog. Es lagen einige Pergamentrollen ausgebreitet vor ihr auf dem Tisch, die an den Enden mit den verschiedensten Gegenständen beschwert waren, damit sie sich nicht wieder einrollen konnten. Die noch tief stehende Morgensonne schien durch das mattglasige Fenster, das sich hinter ihr befand, und ließ sie so noch erhabener, aber zugleich auch bedrohlicher wirken.
„Komm näher und setz dich.“ Ohne aufzusehen, deutete sie auf einen einfachen Holzstuhl, der schräg vor ihrem Arbeitstisch stand. Ihre Stimme klang ruhig und wies keinen Hauch von Verärgerung auf. Dantra wusste nicht, ob ihn das beruhigen sollte oder es eher ein Anlass zur Sorge war. Nachdem er sich gesetzt hatte und noch einige Augenblicke quälender Stille vergangen waren, sah sie endlich zu ihm auf. „So, Junge, und nun sag, was hast du getan?“ Ihre Stimme war immer noch ausgeglichen und emotionslos.
Dantras Gedanken jedoch überschlugen sich fast bei dem Versuch, die richtige Antwort zu finden. „Wie meint sie das?“, dachte er. „Jeder weiß doch, dass meine Kammer einem Trümmerhaufen gleicht und jeder meint auch zu wissen, dass ich dafür verantwortlich bin. Und da ist sie wohl keine Ausnahme, sonst hätte ich die Nacht nicht im Keller verbracht. Also, was will sie von mir hören?“ Mit leicht zittriger Stimme erwiderte er schließlich: „Meine Stube ist etwas ramponiert.“
„Ich weiß, was mit deiner Stube ist.“ Dantra hatte das Gefühl, dass sie nun doch etwas missmutig klang. „Ich will, dass du mir sagst, was du getan hast.“
Wieder rasten seine Gedanken. „Was ich getan habe ... was ich getan habe ... Ich weiß doch selbst nicht, was passiert ist.“ Er merkte, wie ihr Blick ihn durchbohrte, als wollte sie sich die passende Antwort selbst in seinem Kopf suchen. Seine Hände wurden schwitzig und sein Pulsschlag beschleunigte sich kontinuierlich. Ihr zu sagen, dass er nicht wüsste, was passiert sei, war sinnlos, dessen war er sich sicher. Zugeben, dass er selbst seine Möbel und die Tür zertrümmert hatte, konnte und wollte er aber auch nicht. „Da saß ein Rabe an meinem Fenster und ...“
„Wag es nicht, mich zum Narren zu halten!“ Die Schwester Oberin war mit einem Satz aufgesprungen, wobei sie sich mit beiden Händen von ihrem Tisch abstieß und dabei ein Tintenfass umwarf. Es diente wohl als Gewicht für eine Pergamentrolle und war daher auch verschlossen, allerdings rollte es über die Tischkante und verlor sich im freien Fall, noch bevor sie reagieren konnte. Dantra konnte nicht sehen, ob es beim Aufprall zerbrach. Jedoch ließ das deutlich zu hörende Klirren darauf schließen. Und nachdem Schwester Burgos mit ihrem Blick der Flugbahn des Aushilfsgewichts gefolgt war, verfinsterte sich ihre ohnehin schon düstere Miene noch einmal merklich. Sie hielt ihren Kopf weiterhin gesenkt, ihre Augen fixierten jedoch schon wieder Dantra.
Nachdem sie ihn beim Aufspringen angeschrien hatte, sprach sie nun zwar wieder leiser, jedoch mit einem extrem gereizten Unterton. „Ich will nicht dein Wort anzweifeln, dass ein Rabe zugegen war, jedoch ist es inakzeptabel, dass du die Schuld für dieses Dilemma auf einen Vogel abschiebst. Ich frage dich also nun zum letzten Mal: Was hast du getan?“
Schwester Burgos war eine groß gewachsene Frau mit einem langen aschgrauen Gesicht, das mit sehr feinen Falten überzogen war. Und obwohl sie ein Kreuz um den Hals trug, das nun, da sie sich so weit über den Tisch lehnte, in der Luft hin und her schaukelte, kam es Dantra vor, als würde ein Dämon von oben herab auf ihn niederschauen, kurz bevor er ihm die Seele aus dem Leib riss.
„Ich ... ich hatte für einen Moment die Kontrolle über mich verloren“, stammelte er. „Ich ... ich weiß nicht genau, alles wurde schwarz, und als ich wieder zu mir kam, war alles verwüstet.“ Er fuchtelte beim Reden wild mit den Armen, um so seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. „Ich befürchte, ich war für einen kurzen Moment nicht Herr meiner Sinne und habe dabei unbewusst und natürlich auch unbeabsichtigt meine Stubenmöbel zerstört.“
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