Und das ist die Geschichte: Der Mensch läuft durch die Landschaft, um sich so mit ihr zu verwachsen, dass ihm die Echtwelt nichts mehr anhaben kann. Und die unvorhergesehenen Momente? Die auch nicht. Und die ungeplanten Aufeinandertreffen? Die auch nicht. Und die Zeit? Die bestimmt nicht. Trotzdem: Unter meinen Händen zerfällt sie, meine, nein, unsere Geschichte wiederholt sich, wir stehen in den Trümmern, na, die sehen aber ziemlich gut aus, na, aber selbst wenn die ziemlich gut aussehn, müssen die jetzt leider trotzdem draußen bleiben, denn da klebt die Welt dran, pfui. Ach, wenn alles so leicht fernzuhalten wäre wie die Konsequenzen dieser Ohnmacht, die die Körper so flauschig warm ummantelt, dass sie uns gar nicht mehr auffällt. Dass uns dazu nichts mehr einfällt. Ja, dazu fällt mir jetzt auch nichts mehr ein. Na, würde sagen, dann verlass ich mich auf mein Gefühl Glaube Liebe Hoffnung als die schönen scharfen unsichtbaren Stützen, von Schützen bewacht, die ihr Ziel nie verfehlen, ja, zuerst haben wir die Stützen eingegraben und so einen Zaun in die Landschaft wachsen lassen, der das Außen vom Innen trennt. Und daran hochgezogen: weite weiße Fläche. Und darauf dann: Landschaft, die erst ihresgleichen suchen muss. Und darauf dann: trümmerlose Welt, dass die echte auseinanderfällt. Jetzt bist du müde, langweilst dich, wo ist der sogenannte Feind, der die Geschichte vorwärts treibt? Nichts von Fremden annehmen, nichts vom Fremden annehmen, – oder das Fremde annehmen als das, was fremd ist, um es hernach hereinzubitten und vertraut zu werden? Nein, natürlich nicht. Lieber das Fremde ansprechen als das, was es ja eben ist, nein, was es sein sollte und es hernach als neu geschaffene Bedrohung einfalln lassen. Ach, wenn alles nur so einfach wäre wie anstelle anderer zu sprechen, die wir ohnehin nicht hören können, nein, nicht hören wolln, weil wir mit ihrem Standplatz, der ohnehin schon immer unsrer war, so schön platzsparend verschmolzen sind. Eins zwei drei Tropfen auf die Schwelle, dass die Toten draußen bleiben, die sich ständig hereinbitten lassen wollen. Na, da können die aber lange warten. Ja, und das werden sie auch. Macht nichts. Wir haben Zeit.
Lasst uns enger aneinanderrücken, Freunde, draußen tobt die Welt! Aber ist sie das jetzt, die Schwelle in den endlich neuen Anfang? Nein, natürlich nicht. Auf der sogenannten Schwelle staut sich Mensch. Egal. Die Toten werden hier jedenfalls ganz bestimmt nicht eingelassen, die werden nicht hereingebeten, die Namenlosen, und die andren Namenlosen auch nicht, tut uns leid, die Namen des erlauchten Kreises hier, die sind ja leider alle schon vergeben und, das Recht zu sprechen, ausgebucht für dieses Jahr, aber Sie können sich gerne in diese Liste hier eintragen, ja, das können Sie machen, auch wenn das nichts bringt. Wir parken auf der Schwelle, die keinem außer uns das Leben sein soll, auch wenn unser Leben längst ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trippelt, dort drüben, wohin es geflüchtet ist, vor uns. Egal. Aufgehoben in der massigen Mitte. Oder inmitten der Masse? Wenn man eine Geschichte hat, nein, wenn man einen Körper hat, das ist schon was Schönes.
Ich komme an, aber schon im Ankommen der erste misslungene Versuch, denn was uns trennt, die Welt und mich, ist etwas, das ich ohnehin nicht überwinden kann, schon gar nicht durch die Kraft der Worte, die ja niemals meine waren, die immer schon unsre waren. Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus, um aber doch ja immer leider nur zu mir zurückzukommen, na, besonders viel ist das ja nicht. Aber es ist von Frauen auch ohnehin nichts Großes zu erwarten, vom Geburtsrecht einmal abgesehn. Nein, nicht das der grundsätzlichen Menschenwürde, nein auch kein familiäres Privileg oder schon, aber nur als sicherer Hafen, aus dem die Schiffe auslaufen, bis er sich nicht mehr selbst in Stand halten kann. Aber gestanden wird ohnehin nicht, bloß gelegen. Der steht schließlich immer schon in Frage, dieser Körper, der steht so in Frage, dass er den andren braucht, um daran festzuwerden, nicht wahr? Ja, wenn dieser Körper hier sich einmal so in Frage stellen könnte, dass dann endlich was andres kommt. Aber der stellt keine Fragen – auch weil ich mir schon die Frage stelle – egal, – nein, weil ich mir ja schon die Frage stelle –, egal, ja egal, – aber manchmal da frag ich mich, nein, ja, aber manchmal da frag ich, nein aber nein nein nein nein, dieser Körper, der stellt keine Fragen, weil er sie nicht zu stellen hat, weil er sich zu stellen hat, als Auslaufmodell Zielscheibe Zeitvertreib schöne Aussicht, der wird höchstens manchmal angesprochen, hallo, du etwas aussichtsloses Werkzeug!, ach, oder er wird einfach anspruchslos gleich mitgenommen, ohne zu fragen, sicher ist sicher. Es ist ein ständiges Zurückgerissenwerden in diesen Körper, der nicht in die Geschichte passt. Nur als Unterwerfung. Was nicht passt, wird passend gemacht. Und diese Geschichte einer Unterwerfung ist eine schöne Geschichte.
Wenn ich diesen Körper endlich nur als Frage stellen könnte, ohne Kontext, ja, wenn ich diesen Körper so als Frage stellen könnte, dass ihm die Erinnerung endlich nichts mehr ausmacht. Den Körper so in Frage stellen, dass er die Verwechslung erlaubt – Und was ist das für ein Anfang?
Egal.
Du läufst durch die Stadt, die Stadt ist eine von vielen, du schließt kurze Bekanntschaften, du schließt lange Bekanntschaften, du fickst, du redest, du unterhältst, du machst ein ziemlich gutes Gefühl, du dankst und dir wird gedankt, du bist richtig jämmerlich, egal, du machst immer weiter, du lächelst, du läufst durch den Tag, du arbeitest, du entspannst, du bist ziemlich entspannend, du schläfst, du heulst, du kommst nirgendwohin, jetzt bist du müde, egal, jetzt bist du müde, du stehst morgens auf, du schläfst oder auch nicht, liebst oder auch nicht, du benutzt deinen Kopf oder auch nicht, du benutzt ihn, um dich zu verstellen, und jetzt geht’s vorwärts: mehr Tempo mehr Tag mehr Ordnung, du kontrollierst, du redest, du hast nichts zu sagen, du weinst ein bisschen, weil dir sonst nichts einfällt, du redest, du machst immer weiter, draußen die Welt, die nicht einbricht, die nie in dich einbricht, du bleibst intakt, du redest, das ist nicht meine Stimme. Egal. Wir stehen im Licht, Grenzen gezogen, andre Grenzen ausgelöscht, in diverse Leben eingebrannt, Namen gegeben und genommen, Wörter übergeworfen: Jetzt geht’s vorwärts!, und meine Stimme, nein, jetzt geht’s vorwärts!, meine Stimme, nein, jetzt geht’s vorwärts, wir / stehen im Licht, und das Licht ist ziemlich hell und ziemlich gleißend und der Körper, jetzt ja jetzt!, läufst die Straße runter, von einer in die andre, von einer Geschichte in die andre, wir / stehen im Licht, und das Licht ist ziemlich hell und ziemlich, ja, und der Körper, aber wenn ich, nein, wenn ich –, und du bist müde, egal, bist immer müde, egal egal, und das ist die Geschichte: Alles geht immer weiter, aber das ist nicht meine, nein, aber, und das ist die Geschichte: Wir finden statt und dann finden wir statt, nein, aber, und das ist die Geschichte: Das ist nicht besonders viel, egal, jetzt geht’s vorwärts!, das ist nicht meine, nein, aber nein, jetzt geht’s, ja! Und das ist die Geschichte: Du bist immer müde, nein und das ist die Geschichte: Alles geht immer weiter, nein das ist nicht meine, nein das ist nicht meine nein das ist nicht meine nein nein nein nein nein
Einmal aufhörn, ja, das wäre schön.
Katia Sophia Ditzler
Jakarta
Jakarta I
Das Bildungsministerium hatte zu viele Steuereinnahmen und investierte sie in Ausländer/innen, die für ein Jahr ihre Probleme zu Hause gegen indonesische Probleme eintauschen wollten. Die Mitstipendiat/innen aus Schwellen- und Entwicklungsländern studierten die indonesische Sprache, die aus dem Westen studierten irgendeine Kunst, denn was ist schon ein Jahr deines Lebens, wenn dein Leben gesichert ist? Wir würden Musik, Schattenpuppentheater und Tanz studieren. Als wir ankamen, war der Himmel grau und dramatisch, die Flughafenlichter waren Diamanten. Es dämmerte.
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