In jedem der Texte, die in diesem Buch versammelt sind, findet sich eine neue Facette von mir. Ich bin die Mutti, die den Kinderwagen schiebt, Beobachterin der Straße. Ich bin der Mann, der seinen Vater verloren hat. Ich bin die Frau, die auf der Straße trödelt aus Protest. Ich bin die Frau, die protestieren geht, deren Füße im Alltag Mahnmale berühren, die anhält und darüber schreibt. Ich bin diejenige, die geschunden wurde und nachts durch die Straßen geht, um sich wieder sicher zu fühlen. Ich laufe durch Gebiete, in denen Krieg herrscht. Ich bin diejenige, die den Krieg in ihren Erinnerungen mit sich trägt. Ich höre genau hin. Ich beobachte unsere Räume in Zeitlupe von der Shoppingmall bis zu deinem Hinterhof. Ich verschlinge jeden einzelnen Pflasterstein. Durch mich läuft der Rhythmus der Stadt. Ich bin die Bouncerin im Club deiner Wahl. Ich wandle zwischen den Geschlechtern und ihren Vorstellungen, auf der Suche nach Sex, auf der Suche nach nichts Bestimmten, ich bin überall auf der Welt und laufe und laufe und laufe. Und ich schreibe darüber. In Romanen, in Gedichten, in Reportagen, in Essays. Ich bin da. War ich schon immer. Ich existiere. Und ich möchte gesehen werden. Meine Anwesenheit soll dokumentiert sein. Ich möchte euch einladen, mich auf meinen Streifzügen zu begleiten, die Städte mit meinen Augen zu sehen, selbst auf die Straße zu gehen und darüber zu schreiben, was ihr denkt und fühlt, was ihr seht und hört.
O, jetzt geht’s vorwärts!
Gerhild Steinbuch
Friendly Fire
Ist es das jetzt, das sogenannte Draußen? Oder sind wir jetzt so weit drin im Ich, dass alles was da sonst noch sein kann, ohnehin egal ist? Egal. Jetzt geht’s vorwärts. Jetzt fangen wir an, jetzt brechen wir auf, jetzt legen wir los, jetzt jagen wir los, jetzt greifen wir an, jetzt greifen wir zu, jetzt drücken wir zu, jetzt treten wir zu, jetzt treten wir vor, jetzt treten wir auf. Das war einfach! Jetzt stehen wir im Licht, und das Licht ist ziemlich schön und ziemlich gleißend, ja schon schön, wenn man eine Geschichte hat, die so groß ist, dass alles, was man selbst nicht ist, darunter verschwindet. Wir erzählen uns so lange in eine Geschichte hinein, bis die sogenannte Wirklichkeit dahinter nicht mehr auffällt, bis sie nicht mehr ins Gewicht fällt, wir erzählen uns so lange in eine Geschichte hinein, bis alles, was da einmal fremd war, unter uns verschütt gegangen ist. Gibt es das noch, das sogenannte Draußen? Egal. Jetzt legen wir los, jetzt fegen wir los, jetzt fangen wir an, jetzt packen wir an, jetzt packen wir zu, jetzt kommen wir an. Nein, das war gelogen. Denn ankommen, tja, das ist etwas, das wir ohnehin nicht können. Im Leben? Nein, dort auch nicht. Und in der Liebe? Nein, dort auch nicht. Und im Körper? Nein, dort auch nicht. Und in der sogenannten Wirklichkeit? Nein, dort ganz bestimmt nicht. Wir wandern immer weiter, wir machen immer weiter, wir ziehen immer weiter, wir gehen immer weiter, wie die Geschichte weitergeht, das Leben das Reden das Vorwärts, wir fangen an, wir fangen immer von vorne an.
Und das ist die Geschichte: Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus, um aber doch immer leider nur zu mir zurückzukommen, na, besonders viel ist das ja nicht. Fremd zieh ich also wieder einmal aus, und nochmal und nochmal, um in der Fremde auf was anderes als mich zu treffen. Auf das Fremde vielleicht? Nein, vielleicht eher nicht, denn die Angst ist ein treuer Geselle, wie das Glück einer ist, die schieben sich vor das, was stattfinden könnte, nein, was nur stattfinden kann, wenn ich endlich nicht mehr da bin. Ja, ich müsste selbst den Weg mir weisen, in dieser Dunkelheit, nein, in diese Dunkelheit hinein, bis dorthin wos dann nicht mehr weitergeht, wo es mit mir dann nicht mehr weitergeht, aber Konsequenz das ist noch nie etwas gewesen, das mich, das uns ausmacht. Immer noch rechtzeitig in alle Richtungen abgebogen in Höchstgeschwindigkeit, Grenzen überwunden, Grenzen niedertrampelt, Grenzen gezogen, Grenzen wieder ausgelöscht, Leben als Geschichte geschrieben und mich in die Geschichte geschrieben, Namen gegeben und genommen, Wörter übergeworfen, mir übergezogen, das Ebenbild betrachtet, dem gleichmäßigen Atemgeräusch gelauscht, meine Stimme sagt nichts. Tja, würde sagen, das ist dann ja wohl eher dumm gelaufen, wenn diese Stimme alles ist, was mir geblieben ist. Nein, wenn Worte alles sind, das mir geblieben ist. Oder Wörter?
Egal.
Und das ist die Geschichte: Der Mensch stapft durch die trübe Weltlandschaft und passt auf, dass er aus dem Tritt kommt, nein, dass er nicht aus dem Tritt kommt. Egal! Wir wandern immer weiter. Na, der ist aber ziemlich undurchsichtig, dieser Weg, der ist aber ziemlich unübersichtlich, weil der Weltwind dauernd drüber wegfegt. Egal, wir wandern immer weiter! Der ist aber ziemlich dunkel dieser Weg, dass ich die Augen kneifen muss, nein, fest verschließen, damit das innere Licht die Dunkelheit erhellt und mir in seiner hellsten Helligkeit den Weg leuchtet. Egal, wir wandern immer weiter! Na, würde sagen, das ist aber ziemlich duster, dieses innere Licht. Egal. Ob du wirklich richtig stehst, siehst du, wenn das Licht angeht. Na, würde sagen, da kann ja nicht mehr so viel schiefgehn, denn wenn wir etwas können, ist es, uns ins rechte Licht zu rücken. Fangen an, wandern los, brechen ein, brechen auf, treten auf, und das Licht ist immer das rechte Licht, das ist ziemlich schön und ziemlich hell und ziemlich gleißend. Na, würde sagen, da kann ja nicht mehr so viel schiefgehn, denn wenn wir etwas können, ist es, so in andre Standplätze einzubrechen, dass sie postwendend wie unsre Standplätze aussehen. Oder in andre Körper?
Und das hier stimmt. Herausbrennen müsste man uns, so lange, bis wir endlich nicht mehr da sind. Aber das ist nicht die Geschichte, tut mir leid, tut mir wirklich leid. Konsequenz, das ist noch nie etwas gewesen, das uns auszeichnet.
Jetzt geht’s vorwärts!
Der Mensch strebt vorwärts mit einer Riesengeschwindigkeit, denn je höher die Geschwindigkeit desto mehr Tage desto mehr Ordnung. Je höher die Ordnung desto mehr Vorwärts desto weniger Abbruch. Das war einfach. Ja, aber die lassen sich leider nicht ganz vermeiden, diese Abbrüche, wenn sie einmal ankommen, nein, wenn wir einmal ankommen, wenn wir an die andren rankommen. Fremd aus- und eingezogen, das Fremde angezogen, vorher die schöne Oberfläche betrachtet und dann reingeschlagen mit den Fingernägeln und ordentlich zugepackt. Das war einfach. Ja, das lässt sich leider nicht vermeiden, wenn wir rankommen, dass wir die rannehmen, dass wir sie auch einnehmen, nein, dass wir sie in Kauf nehmen: die Sprachabbrüche und die Beziehungsabbrüche und die Knochenabbrüche. Egal. Wir steigen drüber weg, wir gleiten drüber weg, wir gehen zur Tagesordnung über, gehen die Tagesordnung auf und ab, wir promenieren, auf ab auf ab auf, bis wir die Lust daran verliern. Das war einfach. Ja, so ein Leben, so ein fremdes Leben, das ist schon was Schönes. So ein schönes fremdes Leben leben, das sich noch aus der Geschichte streichen lässt. Wir bitten den Fremden herein, nein, wir bitten uns als die Fremden herein, und dann ziehen wir uns das über, wir werfen uns über, wir stürzen uns drauf und wir fallen drauf rein, wir fallen da ein und hernach wird dann sogleich fremd auch wieder ausgezogen, und noch mal und noch mal: Grenzen überwunden, Grenzen niedergetrampelt, Grenzen gezogen, Grenzen wieder ausgelöscht, so, und jetzt gehts vorwärts! Nein, jetzt geht’s von vorne los: Leben als Geschichte geschrieben, uns in die Geschichte geschrieben, Namen gegeben und genommen, Leben gegeben – nein, das war gelogen – und Leben genommen – ja das natürlich schon.
Immerhin. Aber ist das jetzt ein neuer Anfang? Nein, natürlich nicht. Aber eine Schwelle ist das immerhin. Ja, aber pass auf, dass du dir an den Weltkanten nicht die Finger blutig schnitzt. So und da jetzt auf die Schwelle eins zwei drei Tropfen drauf als Menschlichkeitsbeweis, dass die Fremden draußen bleiben, die sich ständig hereinbitten lassen wollen. Na, da können die aber lange warten. Ich habe Zeit, denn manchmal, wenn die Zeit vorbeirast, schlage ich ja wie gesagt dann meine Nägelchen so schnell ein, dass sie mir nicht widerstehen kann, dass sie sich nicht widersetzen kann und mich ein hübsches Stückchen mitschleift. Verweile, Wanderer! Äh, ja, tut mir leid, keine Zeit. Jetzt bist du zwanzig, jetzt bist du achtundzwanzig, jetzt bist du zweiunddreißig, jetzt bist du neununddreißig, jetzt lernst du Eloquenz, jetzt lernst du Rhetorik, jetzt wirst du geliebt, macht ein ziemlich gutes Gefühl, machst ein ziemlich gutes Gefühl, engagierst dich, engagierst dich für was andres, engagierst dich für dich. Wenn man eine Geschichte hat, das ist schon was Schönes.
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