Es war ein schwarzes Kleid, das Oberteil figurbetont, der Rock weit und füllig. Als sie es übergezogen hatte, schmiegte es sich weich und nachgiebig an ihre Haut. Über die gesamte Länge des Oberkörpers ließ es sich vorne durch Schnüre anpassen, die über kleine, schwarze Häkchen liefen. Kara verengte es, bis es ihre Taille fest umschloss. Trotzdem blieb ein offener Spalt zurück, und man hätte darunter einen beigefarbenen Einsatz vermuten können. Tatsächlich aber war es ihre nackte Haut, die zwischen den Schnüren hervorschimmerte bis hinunter zum Bauchnabel. Diese Mischung aus Eleganz und Frivolität war erstaunlich und erregend.
Der Rock reichte bis zum Boden, verdeckte so ihre Beine und ihre nackten Füße. Wenn sie sich bewegte, kitzelte der Stoff ungewohnt über ihren nackten Hintern. Nur das Kleid, hatte er gesagt.
Ob er Kleider in allen Größen vorrätig hielt? Ob in diesem schon eine andere Frau einen wunderbaren Abend verbracht hatte, bevor er sie ermordet hatte?
Vor dem Spiegel hatte sie einige Schminkutensilien entdeckt. Sie verwendete sie sparsam aber wirkungsvoll. Die Qualität der Farben verriet ihr, dass es nicht das Eigentum der verschwundenen Dirnen war, das hier stand.
Als sie schließlich aus dem Bad trat, fühlte sie sich wie eine Königin. Eine verruchte Königin, weiblich und verführerisch und erregt bei dem Gedanken, zu ihrem schwarzen Ritter zu gehen. Der anerkennende Blick des Butlers gab ihr eine weitere Bestätigung, doch bevor der Diener zu der versteinerten Miene seines Berufsstandes zurück fand, meinte sie, so etwas wie Bedauern darin aufblitzen zu sehen. Vermutlich hielt er es für Verschwendung, dass sie am Ende dieser Nacht sterben würde.
Merkwürdigerweise empfand sie selbst es ganz anders. Bisher hatte dieser Abend alles übertroffen, was sie sich erträumt hatte. Einer solchen Perfektion konnte nur der Tod gerecht werden. Nach diesem Haus, diesem Kleid, diesem Mann würde sie niemals zurückkehren können an die Straßenecke.
Ihr kam der Gedanke, dass Mira möglicherweise gar nicht ermordet worden war. Vielleicht hatte sie sich selbst umgebracht, nachdem er sie fortgeschickt hatte. Doch dann erinnerte sie sich, dass Mira nackt gewesen war, und sich ohne Kleider ins Wasser zu stürzen, das traute Kara nicht einmal einer Hure zu. Im Esszimmer wartete der Mann, den Kara mangels anderer Möglichkeiten für sich nun ebenfalls Master Ash nannte. Ein Glas Whiskey in der Rechten, die andere in der Hosentasche, stand er am Fenster und schaute in die Nacht hinaus. Auch er hatte sich umgezogen, zeigte sich nun leger im Hemd, was ihm ausgesprochen gut stand. Die Ärmel hatte er ein wenig aufgerollt und an seinem linken Unterarm erkannte Kara Narben, wie Feuer sie hinterließen.
Er musterte sie mit einem Ausdruck zufriedenen Wohlwollens, als wäre sie eine Delikatesse, die er im Laufe des Abends zu genießen gedachte. Es störte sie nicht. Im Gegenteil. Seine Anerkennung gab ihr ein Gefühl von Würde.
Dann trat er an den Tisch und rückte einen Stuhl für sie zurecht. Es war ungewohnt, wie er den Stuhl unter sie schob. Machten vornehme Leute das so?
Während er sich ihr schräg gegenüber setzte, betrachtete sie das dünnwandige Porzellan, das vor ihr stand, und das Besteck, das zweifellos aus Silber war, nicht aus gestanztem Blech. Es war eine kaum zu übersehende Menge an Besteck. Nicht zu glauben, dass sie jedes Teil davon während des Essens tatsächlich benötigen würden.
Der Butler servierte die Suppe und Kara schaute verstohlen, nach welchem der Löffel Master Ash griff, bevor sie es ihm gleich tat. Wie schwer der Löffel war!
Die Suppe schmeckte wunderbar. Das Aroma von Fleisch und Kräutern füllte ihren Mund und die Wärme der Suppe verbreitete sich wohlig in ihrem ganzen Körper. Sie bedauerte, dass nur wenige Löffel später dieser Genuss bereits endete und der Diener die Teller abräumte. Aber es folgten weitere Gänge, und Kara erkannte bald, dass nicht die Größe sondern die Vielfalt der Gerichte sie zur Sättigung führen würde.
Keiner von ihnen sprach während des Essens; nur der Butler nannte vor jedem Gang den Namen der aufgetischten Köstlichkeiten. Es war keine peinliche, keine gezwungene Stille. Kara hatte nicht das Bedürfnis zu reden. Worte hätten die angenehm ruhige Stimmung nur gestört, hätten abgelenkt vom Genuss, den jeder neue Bissen mit sich brachte. Karas Gastgeber schien ebenfalls mit der Stille zufrieden, genoss neben dem Essen ganz offensichtlich auch ihren Anblick und die Freude, die sich bei jedem Gang auf ihrem Gesicht zeigte.
Erst, als sie mit dem letzen auf dem Tisch liegenden Dessert-Löffel ein mit flüssiger Schokolade gefülltes Törtchen verzehrt hatten, brach Master Ash das Schweigen.
„Wo hast du gelernt, zu speisen?“
Sie schaute ihn unsicher an. „Hier“, antwortete sie. Jedes Mal hatte sie beobachtet, nach welchem Besteck ihr Gastgeber griff, wie er es hielt und verwendete. Sie hatte ihn imitiert so gut sie es konnte. Er musterte sie und sie sah nun, dass seine Iris grau war, von dunklen Linien durchzogen.
„Du bist anders als die anderen Mädchen“, stellte er fest.
Sie lachte leise. „Unsinn, das bin ich nicht.“
Eine unwillige Falte zeigte sich auf seiner Stirn. „Ich schätze es nicht, wenn man mir widerspricht.“
Sie lächelte verhalten. „Dann werde ich es nicht mehr tun.“
Er stützte die Arme auf und wieder ruhte sein Auge auf ihr, anders diesmal, neugierig und herausfordernd.
„Warum bist du eingestiegen?“
Es hatte viele Gründe gegeben, aber keiner davon passte in dieses Haus, an diesen Tisch. Darum antwortete Kara schlicht: „Wegen des Geldes.“
„Das dein Zuhälter jetzt verspielt.“
„Vermutlich.“ Sie musste lächeln bei dem Gedanken an Agnes. Gerne hätte sie die Freundin wissen lassen, wie wunderbar dieser Abend verlief.
Er deutete ihr Lächeln offenbar falsch, denn er fragte: „Liebst du ihn?“
„Wen? Vince? Nein!“ Ihre Entrüstung war echt.
„Warum gehst du dann immer wieder zurück zu ihm?“
Sie schaute ihn an. „Das tu ich ja jetzt nicht mehr.“
Der Satz ließ ihn reservierter werden und er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, ohne den Blick von ihr zu wenden.
„Was erwartest du dir von diesem Abend?“, fragte er.
„Er hat schon alle meine Erwartungen übertroffen.“
„Und was glaubst du, wie es weitergeht? Glücklich vereint für den Rest deines Leben?“
Sie lächelte sachte. „In gewisser Weise. Da mein Leben nicht mehr lange dauern wird.“
Er zog fragend eine Braue hoch.
„Sie haben Miras Leiche am Osthafen gefunden“, erklärte Kara.
Der kurze Blick zwischen ihm und seinem Butler bestätigte ihr, dass die beiden Männer damit zu tun hatten.
„Und trotzdem bist du hier“, stellte er fest.
Sie antwortete darauf nur mit einem Lächeln und blieb stumm.
„Bist du gern eine Hure?“, fragte er.
„Nein“, antwortete sie bestimmt.
„Im Bad schien es dir Vergnügen zu bereiten.“
Sie senkte den Kopf. „Im Bad hat es mir auch Vergnügen bereitet.“
Diese Antwort ließ ihn lächeln. „Du kannst gehen, John. Lass die Sahne hier. Ich nehme jetzt das zweite Dessert ein.“
Ohne ein Wort verschwand der Butler und schloss die Tür. Master Ash betrachtete sie stumm und sein Blick war eindeutig hungriger geworden.
„Die Schnüre lassen sich ganz lösen“, sagte er mit einem Blick auf ihr Dekolleté.
„Soll ich das tun?“
Er nickte und sie löste den Knoten, zog die Schnüre aus den Häkchen und der Stoff fiel zur Seite, entblößte ihre nackten Brüste, deren Spitzen schon begannen, sich zusammenzuziehen.
„Reib sie“, forderte er. „Mach sie hart.“
Er beobachtete, wie ihre Finger zu Werke gingen, die Höfe umkreisten, schließlich die Knospen zwirbelten. Es dauerte nicht lange, bis diese prall abstanden. Er strich über ihre Schultern und das Oberteil fiel ganz herab.
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