Sie senkte gehorsam den Kopf. „Völlig klar.“
Plötzlich fühlte Kara seine Hände nach ihren Brüsten greifen und biss sich dabei auf die Lippen, um nicht überrascht aufzustöhnen.
„Hat dir das gereicht?“, fragte er leise, während seine Hände fester zupackten und sie den Duft ihrer eigenen Wollust an seinen Fingern roch.
„Nein, Herr“, sagte sie leise. Seine Hände hielten kurz inne. Sie hörte geradezu, dass er lächelte.
„Dann beug dich nach vorn.“ Langsam hob er den Mantelsaum über ihren Hintern.
Als der Butler kam, saß Kara mit züchtig geschlossenem Mantel auf dem Sessel.
„Zeig ihr das Zimmer, John.“
„Selbstverständlich.“ Der Butler verneigte sich knapp. „Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Miss.“
Neugierig stieg sie hinter John die Treppe hinauf. Es erinnerte sie an die Weihnachtsmorgen ihrer Kindheit, als sie aus ihrem Zimmer geschlichen und zu den am Kamin aufgehängten Socken gelaufen war. Obwohl ihre Eltern nicht reich gewesen waren, war Kara doch nie von ihnen enttäuscht worden.
John führte sie bis hinauf in das Dachgeschoss, öffnete dort eine Tür und ließ sie eintreten.
Mit offenem Mund schaute Kara sich um.
Es störte sie nicht, dass es ein Dienstmädchenzimmer war, mit Dachschrägen und einem kleinen Gaubenfenster. Es war ihr Reich, ihr neues Zuhause. Eine Quiltdecke lag auf dem Bett, ein Stuhl und ein Tisch standen unter dem Fenster. Ein Nachttisch mit Kerze und eine Kommode mit Waschschüssel und Krug vervollständigten die Einrichtung.
An einem Wandhaken hing auf einem Bügel ein schwarzes Kleid mit weißer Schürze. Die Arbeitskleidung eines Dienstmädchens. Kara fragte sich, wohin ihre eigenen Kleider verschwunden waren.
„Ich erwarte Sie dann in der Küche“, sagte John. „Den Morgenmantel bringen Sie bitte mit.“ Damit schloss er die Türe.
„Gefällt Ihnen Ihr Zimmer?“, fragte John später, als sie in die Küche kam und den weichen Mantel über eine Stuhllehne legte.
„Er ist ganz wunderbar. Das Kleid und die Schuhe passen perfekt. Nur …“ Sie beugte sich zu ihm hinüber und senkte die Stimme. „Ich finde keinerlei Unterwäsche. Weder Mieder noch Hosen.“
John räusperte sich. „Es mag Ihnen bereits aufgefallen sein, dass Master Ash sein weibliches Personal gerne … verfügbar hat.“
„Sie meinen, es gibt keine Unterwäsche?“
„Ich fürchte nein.“
„Oh“, sagte Kara verblüfft. „Und wenn ich meine Monatsblutungen habe?“
Sie sah, wie John für einen Augenblick die Kontrolle über seine Mimik verlor. „Ich werde diese Frage Master Ash vorlegen. Steht eine solche Zeit denn unmittelbar bevor?“
„Nicht in den nächsten Tagen“, sagte sie leichthin und unterdrückte ein Kichern darüber, dass ein so gewöhnlicher Vorgang den Butler derart verunsichert hatte.
Liz stand nicht an der üblichen Stelle. Blackwell schaute sich um und ging dann auf zwei Frauen zu, die unter einer Gaslaterne herumlungerten. Die eine kannte er als Maggie, die andere war neu. Völlig überschminkt und vorne flach wie ein Brett.
„Wo ist Liz?“, fragte er gerade heraus. „Hat sie schon zu tun?“
Die Neue, sie mochte kaum siebzehn sein, drehte den Oberkörper hin und her wie ein Mädchen auf dem Schulhof.
„Was willst du denn mit der Fetten?“, fragte sie. „Ich bin nicht so schnell außer Puste wie die!“
Ihre Begleiterin beugte sich vor und flüsterte ihr etwas ins Ohr, woraufhin die Neue reservierter wurde und ihn scheu musterte.
„Stimmt“, sagte er trocken, „ich bin Coroner und schneide Leichen auf. Wo ist Liz?“
„Sie sitzt noch im Pub“, sagte Maggie und zeigte mit dem Daumen über die Schulter. „Hinten im Nassen Dackel.“
„Danke, und gute Geschäfte, Maggie.“
Er tippte sich an den Hut und ging zu der Kneipe hinüber.
Sie saß tatsächlich dort, ganz allein an einem Tisch, die Wand im Rücken, und las irgendetwas. Allein ihr Anblick ließ ihm warm werden. Seine Handflächen juckten bei dem Gedanken, sie zu berühren. Ihr Körper war überall weich, warm und nachgiebig, sie war überall Brust. In seinen Fantasien wurde er klein wie ein Däumling und ließ sich ganz in sie hinein sinken wie in ein Daunenbett.
Aber es war nicht nur das, was ihn zum Stammkunden hatte werden lassen. Er mochte ihren Humor, den sie trotz allem Elend nicht verloren hatte. Er brachte sie gerne zum Lachen und beobachtete dann, wie ihr Körper Wellen schlug. Sie besaß ein feines Gespür für Menschen und eine Gradlinigkeit, die klar zwischen Gut und Böse unterschied, ohne die Moral bemühen zu müssen.
Sie hatte ihn noch nicht bemerkt, und er nutzte die Gelegenheit, sie ganz unbefangen zu beobachten. Wie meistens trug sie ein weißes Kleid, das irgendwie mit zu vielen Rüschen versehen war. Das blondierte Haar hatte sie hochgesteckt und mit bonbonfarbenen Perlen geschmückt. Üppige Glasimitate von Edelsteinen baumelten an ihren Ohren und reflektierten das künstliche Licht. Er musste lächeln. In all der Routine und der Kaltschnäuzigkeit, mit der hier das Fleisch gehandelt wurde, hatte sie sich die unschuldige Sehnsucht des kleinen Mädchens bewahrt, Prinzessin zu sein.
„Hallo Coroner!“ Es war der Bartender, der ihn an der Tür entdeckt hatte. „Kommen Sie doch rein!“
Liz blickte bei der Begrüßung auf und mit Bestürzung sah er den Ausdruck in ihrem Gesicht. Drei Schritte brachten ihn an ihren Tisch.
„Was ist passiert?“, fragte er.
Sie faltete verlegen das Papier zusammen. „Ach nichts, Coroner. Ich bin ganz bei Ihnen. Gehen wir rüber ins Hotel?“
Heute war ihr Lächeln so unecht wie ihr Schmuck. Er setzte sich ihr gegenüber und nahm ihre Hand. Ihre Finger waren eiskalt.
„Was ist, Liz? Du weißt, du kannst mit mir reden.“
Wortlos reichte sie ihm das Papier und er faltete es auf.
Es war ein Brief, geschrieben von einer gewissen Agnes. Sie berichtete darin, wie ihre Freundin Kara vor ein paar Tagen in den schwarzen Wagen gestiegen war und sie, Agnes, dafür eine stattliche Summe erhalten hatte. Offenbar war sie klug genug gewesen, damit nicht zu ihrem Zuhälter zurückzugehen, sondern die Stadt zu verlassen. Er schaute auf.
„Es ist der gleiche Wagen, in den Mira eingestiegen ist“, flüsterte Liz.
„Mira ist in einen Wagen gestiegen?“ Wie nachlässig hatten die Kollegen ihre Verhöre durchgeführt, wenn das nicht in den Akten stand? „Und dieses Mädel, Kara, auch? Hatte sie Todessehnsucht?“
Liz kaute an ihrer Unterlippe. „Ich denke, ja.“ Sie schaute ihn an. „Ich wusste es an dem Abend noch nicht, aber Vince, ihr Lude, hat ihr und einem anderen Mädchen so schlimm mitgespielt, dass die andere sich aufgehängt hat. Ich denke, Kara wollte auch nicht mehr.“ Liz war erschreckend blass. „Ich hätte es erkennen müssen“, sagte sie leise. „Dieser Blick. Ich wusste gleich, dass etwas nicht stimmte. Aber ich hätte doch nie gedacht …“
„Warte hier.“ Er ging an den Tresen und kam mit zwei Ale zurück. Sie griff dankbar danach und nahm einen tiefen Schluck.
„Es war ihre eigene Entscheidung“, sagte er. Inzwischen erinnerte er sich an Kara – ausdrucksstarke Augen, ein Gesicht wie eine griechische Göttin. Er würde es hassen sie auf seinem Seziertisch vorzufinden. „Mach dir keine Vorwürfe, Liz. Wir wissen ja nicht, ob der Wagen wirklich etwas damit zu tun hatte.“ Dass der Wagen nach dem Leichenfund wieder aufgetaucht war, sprach tatsächlich dagegen. „Kommt er immer noch?“
„Nein, nicht mehr seit Agnes und Kara verschwunden sind. Aber nach den ersten Mädchen hat es auch immer ein paar Wochen gedauert …“
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