Sie lehnte sich zurück und atmete den Geruch der Ledersitze ein. Merkwürdigerweise hatte sie keine Angst. Sie war neugierig auf den unbekannten, reichen Mann, der sich Frauen für eine Nacht kaufte, um sie dann zu töten. Vor dem Tod fürchtete sie sich nicht. Er konnte nicht schlimmer sein als dieses Leben, das sie mit jedem Meter, den der Wagen zurücklegte, weiter hinter sich ließ.
Der Fahrer brachte sie schweigend aus der Gegend, wo die Schlote der Fabriken in den Himmel stachen, und bald konnte Kara Bäume schwarz im Mondlicht aufragen sehen. Es war eine Allee, links und rechts von weißen Villen gesäumt. Nach einigem Nachdenken vermutete sie, dass sie sich in Mashham befanden. Die Mash führte als träger Fluss durch dieses Viertel und mündete irgendwann in die Giffey, die wiederum zum Osthafen führte, wo man Miras Leiche gefunden hatte. Kara blieb merkwürdig ruhig bei dem Gedanken, dass ihr eigener, nackter Körper am nächsten Tag diesen Weg nehmen würde.
Wie von Geisterhand öffnete sich vor ihnen ein schmiedeeisernes Tor und der Wagen rollte über einen Kiesweg vor ein beeindruckendes Portal. Als der Fahrer den Wagen abstellte, wurde ihr erst bewusst, dass die Maschine eine ununterbrochene Folge von Puffen von sich gegeben hatte, während sie gefahren waren. Nun wirkte die Stille fast unheimlich.
Von den Gesprächen der Dienstmädchen auf dem Markt wusste Kara, dass Herrschaften von einer Untergebenen stillen Gehorsam erwarteten. Daher hatte sie beschlossen, auf Anweisungen zu warten. Eine Anweisung, wie das Öffnen der Autotür durch den Fahrer. Als er es tat, schob sie sich aus dem Wagen und warf einen bewundernden Blick auf das Haus.
Im Mondlicht leuchtete der Verputz weiß – oder war es tatsächlich Marmor, was sie hier sah? Die Säulen und der dreieckige Giebel des Portals ließen an einen antiken Tempel denken. Während sie noch staunte, schloss ihr Begleiter die Wagentür und ging ihr voran.
„Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Miss.“
Langsam stieg sie die Stufen hinauf, die Einzigartigkeit des Augenblickes genießend. Noch nie hatte sie ein Haus durch das Portal betreten.
Der Mann war noch dabei, die Tür mit einem Schlüssel zu öffnen. Offenbar gab es nicht viel Personal in diesem Haus. Die weißen Handschuhe und der Schlüssel ließen vermuten, dass er nicht nur Fahrer, sondern auch Butler war.
„Sie haben mich noch gar nicht nach meinem Namen gefragt“, sagte sie.
„Ihr Name ist nicht von Bedeutung“, erklärte er. „Wenn Master Ash Sie anzusprechen wünscht, wird er Ihnen einen Namen geben.“
Master Ash. Kara fragte sich, was sie hinter dieser Tür erwartete.
Es war eine dunkel getäfelte Halle. An den Wänden leuchteten Gaslampen und erfüllten den Raum mit warmem Licht. Ein geknüpfter Teppich deckte die Bodenfläche so perfekt ab, dass er vermutlich speziell für diesen Raum gefertigt worden war.
Auf einem Tisch sah Kara eine Skulptur, die zwei nackte, miteinander ringende Männer darstellte. Es waren wohlgestaltete Körper, prächtig die Darstellung der im Kampf angespannten Muskeln. Doch die Schönheit wurde dadurch gestört, dass der eine Kämpfer den Kopf eines Stieres besaß. Verwundert fragte sie sich, welche seltsame Geschichte hier erzählt wurde.
Weiter hinten führte eine breite Treppe in ein weiteres Stockwerk hinauf, doch ihr Begleiter steuerte eine Tür an, die links von der Halle abzweigte. „Erschrecken Sie nicht“, erklärte er, als er die Hand auf die Türklinke legte. „Er besitzt ein etwas ungewöhnliches Äußeres.“
Diese rätselhafte Bemerkung ließ alle möglichen Vorstellungen in Kara entstehen. War er verkrüppelt? Entstellt? Von fremdländischer Herkunft? Als der Diener die Tür öffnete, sah sie einen Mann in einem Sessel sitzen, der ihr den Rücken zuwandte. Über die kurze Rückenlehne ragten breite Schultern und schwarzes, glänzendes Haar, das glatt zurückgekämmt war.
„Hast du heute jemanden gefunden?“, fragte der Mann. Seine Stimme klang kraftvoll – und ein wenig traurig.
„Das habe ich, Master Ash.“
Der Mann stellte ein breites Glas mit bernsteinfarbener Flüssigkeit ab und Kara sah, dass er einen Handschuh trug – ein ungewöhnliches Stück, über das sich metallene Verzierungen zogen.
„Wird sie mir gefallen?“, fragte er.
„Das nehme ich an, Master Ash.“
„Das wird umgekehrt sicher nicht der Fall sein.“
Der Mann erhob sich und wandte sich zu ihr um. Karas Augen weiteten sich vor Erstaunen.
Seine linke Gesichtshälfte war teilweise durch eine Maske verdeckt. Diese bestand aus Metall, glänzte silbern und golden und war zweiteilig gefertigt. Der untere Teil umhüllte den Unterkiefer und endete etwa drei Fingerbreit vor dem Kinn. Kara meinte, unter dem Metall das Ende einer Narbe hervorschauen zu sehen. Der obere Teil war mit dem unteren durch Zahnräder verbunden, die offenbar die Funktion des Kiefergelenkes übernehmen mussten. Das Metall zog sich modellierend über Wange und Jochbein und verdeckte sogar das Auge. Dort war in einem kreisrunden Rahmen ein dunkles Glas eingesetzt worden, doch Kara vermutete, dass darunter kein gesundes Auge verborgen lag. An verschiedenen Stellen erkannte sie Schrauben und fragte sich, woran diese wohl Halt fanden.
Erschrocken war sie über den Anblick nicht. Es waren selten die schönsten Männer, die Geld für Liebesdienste bezahlten. Armut, Krankheit und Schmutz formten hässlichere Gesichter, als die glatte Oberfläche von Kupfer und Bronze, die in diesem Fall noch mit feinen Ziselierungen versehen war, als sollte die Hässlichkeit der Verstümmelung durch die Schönheit der Protese überwunden werden.
Das rechte Auge war eindeutig gesund. Sie war sich nicht über die Farbe klar, nur dass die Iris hell war. Er musterte sie mit ruhiger Gelassenheit, stand hinter dem Sessel mit dem seidenglänzenden Bezug und ihr wurde verlegen bewusst, wie abgerissen und schmutzig ihre Kleidung war.
Er ließ sich Zeit, und das weckte eine gewisse Nervosität in ihr. Wie jede Hure war sie ungeduldig, wollte ‚es‘ hinter sich bringen. Normalerweise hätte sie eine schnippische Bemerkung gemacht, um das Geschehen voranzutreiben, doch die vornehme Würde dieses Hauses ließ sie stumm bleiben.
Es hatte keine Eile, sagte sie sich. Es gab keinen anderen Kunden nach ihm, kein Soll, dass sie in dieser Nacht erfüllen musste. Sie konnte ebenso gut entspannen und die Dinge nehmen, wie sie kamen. Mit diesem Gedanken fiel die Unruhe zu einer kleinen Flamme der Aufregung zusammen, am Brennen gehalten durch die Ungewissheit über ihr Schicksal und den ungewöhnlichen Mann, der vor ihr stand.
Jetzt erst gönnte sie sich einen richtigen Blick auf ihn selbst. Weil sein Gesicht nur teilweise zu sehen war, fiel es ihr schwer, sein Alter zu schätzen. Sie vermutete, dass er um die Dreißig sein musste. Der unbedeckte Teil des Gesichtes war durchaus attraktiv, die Knochenstruktur verriet Energie und Stärke. Ohne den martialischen Eindruck des Metalls hätten seine Züge sicher etwas Edles gehabt. Die Haare waren schwarz und voll. Die förmliche Kleidung – Hemd, Weste, Jacke – verriet nicht viel von seinem Körper, zeigte aber breite Schultern und eine schlanke Hüfte. Die Hände sprachen von Kraft.
Seine Mundwinkel hoben sich zu einem verhaltenen Lächeln, das so schnell verschwand, wie es gekommen war.
„Zuerst einmal wirst du baden“, sagte er. Kara hatte nichts dagegen. Es war lange her, dass sie ihren Körper ganz hatte untertauchen können. In der kleinen Kammer, die sie sich mit Agnes teilte, stand ihr nur eine Waschschüssel zur Verfügung und ein Krug, mit dem sie das Wasser von der Pumpe in der Küche holen musste.
„Ich werde dir dabei zusehen“, erklärte er weiter. „Macht dir das etwas aus?“
Sie drehte verneinend den Kopf. „Sie haben bezahlt, Sir. Sie bestimmen, wofür.“
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