Das heruntergekommene Zimmer in Stans Hotel war kaum beleuchtet, und das lag nicht nur an den Gaspreisen. Vollständige Beleuchtung beim Akt galt als pervers – und kostete entsprechend extra. Kara saß auf dem Bett, die Röcke gerafft und bereit. Sie sah nicht genau, was der Kerl in der Ecke trieb, doch sie hatte eine starke Vermutung.
„Kriegst du ihn nicht hoch?“
Die hektische Betriebsamkeit endete abrupt und eine unangenehme Stille breitete sich aus.
Kara seufzte auf.
„Komm her, Kleiner“, sagte sie, und ihre Stimme hatte nun etwas Mütterliches. Als er sich nicht rührte, winkte sie mit der Hand. „Du brauchst dich nicht zu schämen. Bist das erste Mal bei einer Hure, was? Das passiert vielen. Komm, ich helfe dir.“
Mit schlurfenden, kleinen Schritten, zu denen ihn die heruntergelassene Hose zwang, kam er näher, zwischen seinen Beinen ein Bild trauriger Kraftlosigkeit. Als er vor ihr stand griff sie danach und begann zu reiben.
„Normalerweise kostet die Hand extra“, erklärte sie dabei geschäftsmäßig, „aber du bist zum ersten Mal bei mir. Da sind kleine Handreichungen inklusive.“
Sie hatte genug Erfahrung, um den kleinen Kerl zu wecken, obwohl sie nicht ganz bei der Sache war. Ihre Gedanken wanderten zu dem schwarzen Wagen zurück. Die Höhe der Summe, die der Fahrer genannt hatte, erstaunte sie immer noch. Was hatte er nur gemeint mit „dann gehörst du ihm ganz“? Leibeigenschaft gab es seit mindestens zwei Jahrhunderten nicht mehr. Was geschah mit den Frauen, die so teuer bezahlt wurden?
Ein Stöhnen warnte sie, dass sie ihren Freier beinahe zu weit getrieben hatte. Jetzt, da er sich in die Höhe gereckt hatte, war es ein durchaus ansehnlicher Schwengel mittleren Kalibers.
„Prächtig!“, lobte sie, denn sie kannte die Bedürfnisse ihrer Kunden. „So ein Riesending ist mir selten untergekommen!“ Sie hob Rock und Unterrock und spreizte die Beine. Ihre Unterhose reichte zwar züchtig bis zum Knie, war aber praktischerweise geschlitzt, um den Herren unnötige Komplikationen zu ersparen. Im Halbdunkel des Zimmers war das Ziel als klaffender Spalt in weißem Leinen gut auszumachen.
„Darf ich deine Dinger sehen?“, fragte er unbeholfen.
„Aber, aber“, gurrte sie mit unschuldigem Augenaufschlag. „Was würden denn die Wahren Gläubigen dazu sagen?“
„Ich … ich weiß nicht“, stotterte er verlegen. Sie griff nach der Schnur, mit der sie den Halsausschnitt verändern konnte.
„Anschauen drei, anfassen fünf“, informierte sie ihn.
„Dann nicht.“ Es klang wie ein Seufzen.
Kara verzichtete darauf, sich rücklings auf das Bett zu legen. Bis er die richtige Position gefunden hätte, wäre er vermutlich schon gekommen, und sie hatte ohnehin schon Zeit verloren.
Etwas umständlich trat er näher, ging in die Knie, fand dank der Unterstützung ihrer Hand glücklich das Ziel und wie sie es vorausgesehen hatte, genügten ein, zwei Stöße bis er sich grunzend ergoss. Während er sich noch ein wenig wand, kraulte sie gedankenverloren seine schwitzigen Haare und fragte sich, ob Lilly wohl mit dem betrunkenen Fabrikarbeiter gegangen war. Als erster Freier war er nicht gerade geeignet, aber ihre Jungfräulichkeit hatte Lilly bereits an Vince verloren, und früher oder später würde sie sich arrangieren müssen.
Als Kara zurück auf den Trevelyan Square trat, waren sowohl Lilly als auch Agnes verschwunden. Die Nacht war lau und gut für’s Geschäft. Kara fand noch einen durchreisenden Geschäftsmann, mit dem sie die Sache angenehm professionell abwickelte, und einen nach Gin stinkenden Matrosen, der sie ohne Umstände einfach in einer Gasse gegen die Wand drückte. Schließlich läuteten die Glocken von St. Francis den Feierabend für die Huren ein. Der Morgen graute, und Kara, Agnes und Lilly schlurften müde den Gehsteig entlang.
„Lass uns noch am Markt vorbei gehen“, schlug Agnes vor. Sie mussten ein paar Lebensmittel kaufen, bevor Vince ihnen das Geld abnahm. Außerdem war der Markt eine Möglichkeit, sich für eine kurze Zeit wie ein normaler Mensch zu fühlen.
Mithilfe der eingenähten Schnüre zogen sie die Halsausschnitte ihrer Blusen auf ein züchtiges Maß zusammen. Kara wühlte noch ein wollenes Tuch aus ihrer Tasche, das sie sich um die Schultern legte. Auch für Lilly hatte sie eines eingesteckt. So erschienen sie mit Mieder, Bluse, Röcken und Tuch wie ganz gewöhnliche Marktbesucherinnen.
Von der Schminke war ohnehin nicht mehr viel übrig, aber die Frauen wischten sich trotzdem gegenseitig die Gesichter sauber. Dann mischten sie sich unter die Hausfrauen und Dienstmädchen, welche die kühle Morgenzeit nutzten, um verderbliche Waren sicher nach Hause zu tragen, bevor die Schlote die Luft mit ihrem heißen Dunst verpesteten.
Ohne sich abzusprechen, marschierten die drei direkt zu Liams Gemüsestand. Der Ire zwinkerte ihnen fröhlich zu. Er war ein gelegentlicher Kunde, aber anständig genug, ihnen auch außerhalb der Geschäftsbeziehung freundlich zu begegnen.
„ Mora duit, mo spéirbhean “, grüßte er sie in seinem irischen Singsang und warf ihnen ein paar Pflaumen zu. „Was kann ich für euch einpacken?“
An Kara hatte er einen Narren gefressen. Vermutlich, weil sie genauso feuerrote Haare hatte wie er selbst. Vielleicht, dachte sie, wäre er ein guter Kunde für Lilly – nicht sehr zärtlich, aber geradeaus und völlig ohne Hang zur Brutalität. Sie würde Liam darauf ansprechen, wenn sie ihn am Abend im Pub traf.
„Ich kann heute was ausgeben!“ Agnes förderte grinsend eine braune Lederbörse zum Vorschein, die nicht die ihre war. „Einer meiner Freier hat meinen Hintern so festgehalten, dass er sein Geld dafür loslassen musste.“
Kara wandte sich an Lilly und fragte beiläufig: „Was hast du verdient?“ Lilly senkte den Blick und wurde rot, sagte aber nichts.
„Du hast dich wieder versteckt“, stellte Agnes fest und stemmte die Hände in die Hüften. Als Lilly aufblickte, hatte das Mädchen Tränen in den Augen.
„Ich weiß ja, wie dringend Vince das Geld braucht!“, jammerte sie. „Ich will ja auch gerne arbeiten gehen! Aber das doch nicht!“
Kara und Agnes wechselten einen besorgten Blick. Sie wussten aus eigener Erfahrung, wie ungehalten Vince werden konnte, wenn er nicht bekam, was er wollte. Agnes hob fragend die Geldbörse und Kara begriff, was sie vorhatte. Sie konnten das zusätzliche Geld als Lillys Verdienst ausgeben. Doch Kara schüttelte den Kopf. So würden sie das unvermeidliche nur hinauszögern. Früher oder später würde Lilly anschaffen müssen, und je eher sie das begriff, umso besser.
„Ich kann es nicht, Liebling! Bitte! Ich will das mit keinem anderen machen!“
Es war die vierte Nacht, in der Lilly nichts verdient hatte, und Vince war über ‚tu es für mich‘ hinaus. „Was denkst du dir eigentlich?“, fragte er unheilvoll. Die Haut gerötet, die Brauen zusammengezogen, zeigte er ihr zum ersten Mal sein wahres Gesicht.
Kara hatte diese Fratze selbstverliebter Brutalität inzwischen oft genug gesehen. Sie wandte sich ab, doch seine Stimme ließ sich nicht aussperren.
„Du bist mein Eigentum, ein Pferd in meinem Stall, und wenn ich verlange, dass du dich von zehn Männern am Stück rannehmen lässt, dann wirst du das tun!“
Kara konnte das Entsetzen in Lillys Gesicht nicht glauben. Hatte die Kleine wirklich immer noch nicht begriffen, wohin sie hier geraten war?
„Wie kannst du so etwas sagen?“
„Weil es so ist! Ich hab dein Loch geöffnet, und jetzt hat es verdammt noch mal seine Arbeit zu tun!“
Unwillkürlich legte Lilly die Hände schützend vor ihren Schritt. „Aber es ist doch nur für dich …“
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