Endlich brachten die Dons vorn auf der Galeone einen Treibanker aus. Der kegelförmige Sack aus schwerem Segeltuch, dessen breite Öffnung durch eingenähte Eisenringe offengehalten wurde und dessen schmäleres Ende abgeschnitten war, trieb sofort ab.
Die Schleppleine straffte sich, dann schwang die Galeone langsam herum und legte sich mit dem Bug in den Wind. Die Krängung ließ jedoch nur unmerklich nach. Das bedeutete, daß die „Nuestra Señora de lagrimas“ entweder schon sehr viel Wasser gezogen hatte oder aber Teile der Ladung verrutscht waren.
Jetzt, da das Schiff nicht mehr unmittelbar vom Querschlagen bedroht war, begannen die Spanier mit der Reparatur des Ruders.
Capitán Alvaro Chinchilla und sein Erster Offizier, José Serrador, umkreisten einander wie lauernde Hyänen. Das Verhältnis zwischen ihnen war eisig geworden, aber keiner von beiden brachte die Sprache auf die Geschehnisse der vorletzten Nacht.
Chinchilla fühlte sich zu Recht hintergangen und verraten, und Serrador wiederum hatte einiges gegen die Art, wie Alvaro das Wohl des Königs als Vorwand für seine eigene Unzulänglichkeit benutzte.
Aus dem Weg gehen konnten sie sich nicht, dazu war ein Schiff wie die „Nuestra Señora de lagrimas“ nicht groß genug. Ihre Kontakte beschränkten sich jedoch auf die Weitergabe der nötigsten Befehle.
Als Serrador kurz nacheinander erst Antonio Rojas, dann Jesús Cortès und schließlich den Bootsmann und einen der Rudergänger in die Kapitänskammer huschen sah, wußte er, daß Chinchilla seine Fluchtgedanken noch nicht aufgegeben hatte. Die Drohung, ihn an die Rah zu hängen, hatte ihn bestenfalls vorübergehend beeindruckt.
Der Capitán rückte sich damit selbst in die Nähe von Meuterern, er wurde für die spanische Krone untragbar und mußte durch einen fähigeren Mann abgelöst werden. Wahrscheinlich war es das Alter, das ihn verknöchern ließ.
Liebend gern hätte Serrador jetzt mit Capitán de Vilches darüber gesprochen. Aber der Seegang erlaubte ihm nicht, zur Schebecke überzusetzten. Wenn er etwas tun wollte, mußte er es selbst tun, und das schnell, bevor Chinchilla Gelegenheit erhielt, seine Pläne zu verwirklichen.
Über die Bestimmung der Gold- und Silberladung zerbrach sich der Erste nicht den Kopf. Er vertraute Don Julio de Vilches. Vielleicht würde ihn der Sonderbeauftragte protegieren, wenn er das Komplott verhinderte.
José Serrador wartete auf der Kuhl. Nahezu eine halbe Stunde verging, bis die beiden Decksleute die Kapitänskammer wieder verließen. Auf gewisse Weise wirkten sie verändert – bedrückt, wie es dem Ersten schien. Wahrscheinlich hatte ihnen Chinchilla keine andere Wahl gelassen, als ihn zu unterstützen.
Während Antonio Rojas das Vorschiff betrat, stieg Jesús Cortès durch ein Luk ab. Serrador folgte ihm, er stellte Cortès hinter einem Bretterverschlag, in dem vor wenigen Monaten noch mehrere Schweine als Lebendproviant gehaust hatten und jetzt allerlei Ausrüstungsgegenstände gelagert wurden. Der Mief, den die Schweine hinterlassen hatten, lag noch immer in der Luft.
Cortès zuckte zusammen, als er den Ersten bemerkte.
„Wer wird denn so schreckhaft sein?“ fragte Serrador spöttisch. „Oder sollte ich etwa daran Schuld haben?“
Der Decksmann starrte ihn mit offenem Mund an.
„Nein“, murmelte er tonlos. „Warum auch?“
José Serrador lehnte am Verschlag und versperrte Cortès den Durchgang. Lauernd begann er, jeden seiner Finger in die Länge zu ziehen, daß die Gelenke knackten.
„Ich höre“, sagte er. „Ich bin sogar begierig darauf.“
„Ich – ich weiß nicht, was Sie von mir wollen, Señor.“ Cortès begann zu stottern.
Der Erste bedachte ihn mit einem verächtlichen Grinsen. „Wie war’s beim Kapitän?“
„Nichts Besonderes. Wir …“
Serrador packte blitzschnell zu, zog den Decksmann am Hemdaufschlag zu sich heran und verpaßte ihm eine Maulschelle, daß er haltlos nach hinten taumelte und über zwei Taurollen stützte. Cortès’ Blick ließ jäh aufflackernde Furcht erkennen. Zögernd wischte er sich mit dem Handrücken das Blut von der aufgeplatzten Unterlippe.
Serrador griff sich ein herumliegendes Tauende und schlug damit auf seine linke Handfläche.
„Ich lasse den Tampen über deinen Rücken tanzen, bis ich weiß, was los ist“, versprach er. „Wann will der Capitán den Konvoi verlassen?“
Cortès blickte ihn aus weitaufgerissenen Augen überrascht an. Offenbar konnte er nicht verstehen, woher der Erste das wußte.
„Spätestens nach Einbruch der Dämmerung“, stammelte er. „Solange die See noch aufgewühlt ist.“
„Bestimmt sind nicht alle Männer damit einverstanden. Oder?“
Cortès schwieg. Er hatte ohnehin schon zuviel verraten.
„Was soll mit denen geschehen, die gegen die Flucht sind?“ Abschätzend wog der Erste den Tampen in der Hand. Als Cortès den Mund noch immer nicht öffnete, schlug er zu. Das Tauende trieb dem Decksmann die Luft aus den Lungen. Krampfhaft nach Atem ringend, kippte er zur Seite.
„Das war erst der Anfang“, sagte Serrador warnend. „Ich warte auf eine Antwort.“
„Einsperren“, keuchte Cortès. „Alle sollen überwältigt werden und …“
„Ich auch?“
Schwerfällig zuckte der Mann mit den Schultern. Als Serrador den Tampen hob, beeilte er sich zu versichern, daß der Señor als erste festgesetzt und in die Vorpiek geworfen werden sollte.
José Serrador schäumte. Er sprang mit Cortès nicht eben sanft um, als er ihn fesselte und ihm zusammengeknülltes Werg als Knebel in den Mund stopfte. Der Decksmann schluckte und keuchte, doch wurde er schnell ruhiger, weil er herausfand, daß sich so seine Lage leichter ertragen ließ.
„Du wirst schon nicht ersticken“, sagte Serrador. „Außerdem ist es nur vorübergehend, bis ich das Kommando übernommen habe. Später werde ich entscheiden, was mit dir und den anderen Verrätern geschieht.“
Dann war Jesús Cortès allein in dem Bretterverschlag, durch den nur spärlicher Lichtschein fiel. Solange er nicht in der Lage war, Lärm zu schlagen, würde ihn niemand so schnell finden.
Vielleicht war es aber auch vorteilhafter, wenn er sich ruhig verhielt. Er sagte sich, daß es angenehmer war, für einige Stunden gefesselt zu sein, als ausgepeitscht oder am Hals aufgehängt zu werden, nur weil er sich womöglich für die falsche Seite entschieden hatte.
Er schloß die Augen und versuchte zu schlafen. Doch das Brausen, Gurgeln und Donnern der Wogen, die sich am Schiffsrumpf brachen, schreckten ihn immer wieder hoch.
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