Chinchilla war zufrieden, als er durchs Spektiv blickte. Daß sich die Flucht so einfach gestalten würde, hätte er nicht geglaubt.
Die Schebecke lag noch immer ungefähr gleichauf mit der „Reputacion“ und der „Santos los Reyes Mayos“. Bald würde sie selbst in der Vergrößerung der Linsen nur mehr als schwach funkelnder Lichtpunkt erscheinen.
Die Mannschaft war mit dem Trimmen der Segel befaßt. Das Großsegel wurde wieder gesetzt. Danach würde die Galeone merklich schnellere Fahrt laufen.
„Wir haben es geschafft“, sagte Chinchilla halblaut, als eine hagere Gestalt auf ihn zutrat. Der Mann blieb knapp zwei Schritte auf Distanz.
„Darf ich fragen, was geschieht?“ sagte er heiser.
Erst an der Stimme erkannte der Kapitän José Serrador. Der Erste Offizier war einer der wenigen Männer, aus denen Chinchilla nur schwer klug wurde. Serrador war undurchsichtig, ein Kerl wie ein Eisklotz, kalt, hart und kantig. Zumindest im Moment hätte ihn der Kapitän lieber in der Koje gesehen, als neben sich an Deck.
„Wir haben den Kurs geändert“, sagte Chinchilla knapp. „Die Mannschaft ist im Begriff, aufzuklaren.“
„Die halbe Mannschaft“, erwiderte Serrador und, bewies damit, daß er sich schon im Vorschiff umgesehen hatte. „Segeln wir nach Frankreich?“
„Nach Spanien“, sagte der Kapitän frei heraus.
„Wenn Sie mit der Garotte um den Hals enden wollen, Capitán, ist das allein Ihre Sache. Ich lasse mir eine solche Entscheidung aber nicht aufzwingen.“
„Was wollen Sie dagegen tun, Señor Serrador?“ Der Kapitän ahnte, zu welchem schnellen Entschluß sein Erster gelangen würde, deshalb fügte er sofort hinzu: „Lassen Sie Ihre Waffe ruhig stecken, denn ich müßte einen solchen Vorfall als offene Meuterei auffassen. Ich habe meine Gründe, so zu handeln, wie ich es tue, und es ist mir weiß Gott nicht leichtgefallen. Aber vielleicht wartet die Admiralität nur auf eine Nachricht.“
„Das ist lachhaft und absurd. Capitán, Sie haben hoffentlich die Güte, mich von jeder Verantwortung freizustellen.“
„Verlangen Sie ein Schriftstück?“
„Das wäre sicherlich das Beste.“
„Morgen“, versprach Chinchilla und widmete sich wieder seinen Beobachtungen.
Mindestens eine Seemeile lag die Schebecke nun schon achteraus. Der Schein der Hecklaternen begann miteinander zu verschmelzen. Der Kapitän konzentrierte sich aber nur halb auf den Blick durchs Spektiv.
José Serrador hatte ihm soeben wieder einen Beweis seiner Unberechenbarkeit geliefert. Der Erste Offizier nutzte die Gunst der Stunde, um ohne eigene Verantwortung nach Spanien zurückzukehren. Zugleich hielt er sich für den Fall den Rücken frei, daß Chinchilla mit der Umkehr den größten Fehler seines Lebens beging.
„Mistkerl“, murmelte der Kapitän lautlos.
Im nächsten Moment erschrak er. Der Blick durchs Fernrohr zeigte ihm, daß die Schebecke verschwunden war. Ihre Laterne brannte entweder nicht mehr, oder sie wurde verdeckt.
Alvaro Chinchilla verspürte ein sehr ungutes Gefühl. Je länger er die wogende Wasserfläche mit dem Spektiv absuchte, desto mulmiger wurde ihm.
Er sah die anderen Schiffe – nur die Schebecke nicht.
Die Wachablösung um Mitternacht bestand aus Dan O’Flynn, Sam Roskill und Jeff Bowie. Es gab keine Veränderungen, die Anlaß zur Sorge geboten hätten. Der Konvoi lag weiterhin auf Nordkurs, die Schiffe stampften gleichmäßig gegen Drift und Wellen an.
Sam Roskill, der die Pinne übernommen hatte, begann nach der ersten halben Stunde leise vor sich hin zu summen.
Dan patrouillierte im vorderen Bereich des Achterdecks von Luv nach Lee und zurück. Vergeblich versuchte er in der Schwärze der Nacht fremde Schiffe zu entdecken. Es gab keine, und das würde sich kaum ändern, bevor die Nähe der englischen Küste erreicht war.
„Plymouth ist nahe!“ rief Jeff halblaut vom Vorschiff. „Ich kann die Kneipenluft schon riechen!“
„Solange ich nichts sehe, riechst du nichts“, erwiderte Dan spitz. „Bestenfalls deinen eigenen Mief.“
„Hör mal“, protestierte Jeff, „es ist gar nicht lange her, daß ich ein Bad genommen und dazu sogar ein mächtiges Stück Bimsstein benutzt habe.“
„Wie schön für dich. Du könntest dich natürlich auch ohne was an in den nächsten Regen stellen.“
„Das hat jeder nötig.“ Jeff Bowie war ein stämmiger, grauäugiger Mann, tapfer, gerecht und eher zurückhaltend. Daß Dan O’Flynn ihn bestimmt nicht provozieren wollte, wußte er. Es waren die äußeren Umstände, die zu kleinen Sticheleien reizten.
Dan blieb an Backbord stehen. Das bißchen spärliche Helligkeit, das von der Hecklaterne bis zu ihm strahlte, reichte aus, die anderen erkennen zu lassen, daß er angespannt beobachtete. Mühelos glich er das Stampfen und Rollen des Schiffes aus – ein möglicherweise angepeiltes Objekt hätte er anderenfalls auch sofort wieder aus den Augen verloren.
„Was ist?“ raunte Sam Roskill nach einer Weile. „Siehst du was?“
„Herzlich wenig.“
„Dann ist es ja gut.“
„Ganz und gar nicht. Eine unserer ‚Goldenen Hennen‘ versucht vermutlich abzuhauen. Ich sah noch das letzte Aufflackern der Hecklaterne, seitdem liegt das Schiff in Finsternis.“
„Das kann mehrere Ursachen haben. Eine davon allerdings, daß die Mannschaft nach Spanien zurück will.“
Dan beobachtete wieder.
Die Nacht hatte eine Galeone verschluckt. Der Position nach zu schließen, handelte es sich um die „Nuestra Señora de lagrimas.“
Dan O’Flynn wartete geduldig. Vorschnell Alarm zu schlagen, lag ihm nicht. Als nach einer Zeitspanne, die er für ausreichend hielt, eine Deckswache die möglicherweise defekte Laterne austauschen zu lassen, kein neues Licht aufflammte, schnalzte er leise mit der Zunge.
„Also doch?“ fragte Sam Roskill von der Pinne her. „Ich hätte nicht geglaubt, daß jemand die Flucht versuchen würde.“
Eine weitere Laterne erlosch. Aber nur für die Dauer eines flüchtigen Lidschlags. Im nächsten Moment strahlte sie so hell wie zuvor. Selbst Dan, der Mann mit den schärfsten Augen der Crew, war versucht anzunehmen, daß er sich getäuscht hatte. Das nahezu unablässige Starren in die Dunkelheit hinaus verführte sehr leicht dazu, daß man Lichtpunkte sah, wo keine waren, manchmal sogar leuchtende Kreise oder flackernde, sich wie Seeschlangen windende Linien, oder daß Objekte, die eben noch klar und deutlich zu erkennen waren, gleich darauf scheinbar spurlos verschwanden.
Die Laterne verblaßte zum zweitenmal. Sie wurde von etwas verdeckt, was vor ihr vorüberzog.
Dan verwünschte die Tatsache, daß jedes Schiff des Konvois aus Sicherheitsgründen nur mit einem einzigen Licht segelte. Trotzdem war er jetzt überzeugt davon, daß die „Nuestra Señora de lagrimas“ im Begriff war, zu halsen. Die Galeone hatte soeben mit dem Heck durch den Wind gedreht und dabei flüchtig die hinter ihr stehende „Patricia“ verdeckt.
„Die Nacht wird nicht so ruhig, wie du befürchtet hast“, rief Dan Sam Roskill zu, bevor er leichtfüßig zur Kuhl huschte und von dort zu den achteren Kammern.
Hasard war sofort hellwach, als Dan O’Flynn ans Schott klopfte. Vermutlich hatte er noch nicht fest geschlafen oder sich noch mit Problemen beschäftigt, die in Kürze anstanden.
„Die ‚Nuestra Señora‘“, wiederholte er, während er sich eilig ankleidete. „Kapitän Chinchilla ist zwar nur ein Dickkopf wie mancher andere auch, aber ich fürchte, er könnte eine gewisse Vorreiterrolle übernehmen. Anders als bei der ‚Nobleza‘ dürfte ausschlaggebend sein, daß Spanien inzwischen hinter uns liegt. Falls er abhaut, werden die anderen es ebenfalls versuchen, und dann haben wir das Kraut fett.“ Er blickte Dan forschend an. Ein leichter Zug von Belustigung vermischte sich mit der eben noch in seinem Gesicht erkennbaren Besorgnis. „Geh und wecke die Crew. Aber die Männer sollen ohne Licht an Deck erscheinen. Wir schlagen Chinchilla mit seinen eigenen Waffen.“
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