Antonio Rojas hatte plötzlich das Gefühl, als ziehe ihm jemand die Planken unter den Füßen weg. Er begann verwirrt zu stammeln.
„Was ist?“ fragte der Kapitän. „Willst du nicht in die Heimat zurück?“
„Doch – aber …“
Chinchilla lachte verhalten. „Was ist mit der Wache auf der Kuhl? Kann man dem Mann vertrauen?“
„Jesús Cortès? Absolut. Er hat Frau und fünf Kinder zu Hause und wäre lieber heute als morgen in Bañeres.“ Rojas wunderte sich über sich selbst, wie leicht ihm die aufrührerischen Worte über die Lippen gingen.
Aber wenn Alvaro Chinchilla befahl, wer wollte ihn daran hindern? Mit einemmal war er überzeugt davon, daß es keine günstigere Gelegenheit geben konnte als in dieser Nacht.
Der Kapitän rief Jesús Cortès zu sich aufs Achterdeck. Der zur Fülle neigende, kleine Cortès zögerte nicht, als er aus Rojas’ Mund erfuhr, daß sie diese Nacht zur Flucht nutzen würden.
„Ich bin dabei“, sagte er knapp, aber mit deutlicher Erleichterung in der Stimme. „Die Piraten hätten uns getötet.“
„Welche Piraten?“
„Die Iren, die uns auflauern. Sie werden uns in die Riffe treiben und die ‚Nuestra Señora de lagrimas‘ zu den Fischen schicken.“
„Woher willst du das wissen?“
„Ich hatte vorgestern und gestern einen Traum“, sagte Cortès bedeutungsvoll. „Und ich werde wohl auch heute wieder schweißnaß aufwachen.“
Capitán Chinchilla lachte hart.
„Du fürchtest deine eigenen Träume? Dabei sind sie nichts anderes als die Ängste des Tages, die du in den Schlaf mitnimmst. Weißt du, welche Riffe?“
„An der Küste Irlands, wo sonst?“ Cortès zuckte mit den Schultern.
„Du träumst nicht mehr davon“, versprach der Kapitän. „Geh und sorge dafür, daß die Hecklaterne langsam und flackernd erlischt. Für de Vilches und seine Leute soll es so aussehen, als hätten wir Schwierigkeiten mit dem Öl.“
Jesús Cortès beeilte sich, den Befehl auszuführen, während Rojas unter Deck die halbe Mannschaft aus dem Schlaf purrte. Es gab große Augen und ungläubige Gesichter, als er mit knappen Worten erklärte, was Chinchilla plante.
Nur wenige Männer zögerten. Es waren jene, die weder Familie noch Verwandte hatten, denen es letztlich egal sein konnte, welche Häfen ihr Schiff anlief. Sie hatten zwar vorher große Töne gespuckt und von Umkehr geredet, aber zwischen Wollen und Wirklich-Tun lag eben ein gewisser Unterschied.
Bis sie alle an Deck erschienen, war die Hecklaterne nahezu erloschen. Nur ein winziges Flackern des Dochtes sorgte noch für einen fahlen Schimmer, der jedoch gleich darauf erstarb.
Rojas schlug die Schiffsglocke an. Zwei Glasen der Hundewache, das entsprach ein Uhr nachts.
Von der Balustrade des Achterdecks aus redete Alvaro Chincilla zu seinen Leuten. Er sprach davon, daß es gelte, Spanien vor einem möglicherweise schlimmen Verlust zu bewahren, und daß es besser sei, ein gesundes Mißtrauen zu entwickeln, als möglicherweise blindlings in den Tod zu segeln. König Philipp III. werde ihre Sorge um seine Staatsfinanzen verstehen und zu würdigen wissen, um so mehr, wenn sich herausstellen sollte, daß Don Julio de Vilches nichts weiter sei als ein übler Taschenspieler und Lügner, der den Hof zu betrügen versuche.
Das zustimmende Gemurmel war eindeutig. Der Capitán wußte, wie er den Ehrgeiz seiner Leute anspornen konnte. Schon jetzt sah sich jeder als Held, dem in wenigen Tagen vom Hofe eine besondere Ehrung widerfahren würde. Dabei segelte die „Nuestra Señora de lagrimas“ nach wie vor auf Nordkurs.
Chinchilla, selbst voll angespannter Erregung, wartete ab. Entweder hatten die Kerle auf der Schebecke das Erlöschen der Laterne nicht beobachtet – das war die beste Voraussetzung, weil das Verschwinden der Galeone vor dem frühen Morgen kaum auffallen würde –, oder sie maßen dem keine Bedeutung bei. Dann galt es allerdings, den Schutz der Nacht zu nutzen, bevor de Vilches’ Männer sich doch zur Annäherung entschlossen.
Trotz der Kühle begann der Kapitän zu schwitzen. Das Spektiv vors Auge gepreßt, beobachtete er die Schebecke. Das schlanke, schnelle Schiff hielt unverändert Kurs. Vielleicht wurden die Wachen an Deck durch das eigene Licht geblendet. Es war eine altbekannte Weisheit, daß man besser aus der Dunkelheit heraus sah als vom Licht in die Dunkelheit.
Mit Unterstützung durch den Generalkapitän durfte Chinchilla keinesfalls rechnen. Don Ricardo de Mauro y Avila hatte sein Glück versucht und war gescheitert. Allem Anschein nach hatte ihm de Vilches das Kommando abgenommen. Wie anders war zu erklären, daß die „Salvador“ wieder Richtung Irland segelte?
Die Überlegung, daß der angebliche Sonderbeauftragte Seiner Majestät den Generalkapitän endlich von seiner Identität und der Richtigkeit des Kurses überzeugt hatte, schob Alvaro Chinchilla weit von sich fort. Denn diese Möglichkeit behagte ihm nicht im geringsten. Es hatte nie zu seinen Prinzipien gehört, eine einmal gefaßte Meinung umzustoßen.
„Klar zum Halsen!“ befahl er. „Aber so wenig Lärm wie möglich. Der Wind trägt die Geräusche sonst bis zur Schebecke.“
Momentan segelte die Galeone mit Backbordhalsen und Steuerbordschoten. Unter den augenblicklichen Bedingungen – sie konnten gerade noch die Hand vor Augen erkennen – hatten die Männer es verdammt schwer, den Kurswechsel zu vollziehen. Chinchilla ließ ihnen genug Zeit, sich zurechtzufinden.
Vage Schemen enterten die Wanten auf. Die Gewichtsveränderung auf den Rahen ließ das Knarren anders klingen, der Kapitän hörte das heraus. Mit der ihm eigenen Ausdauer und Zähigkeit hatte er sich dieses Können angeeignet. Natürlich gehörte auch ein scharfes Ohr dazu.
Die Brassen wurden zum Laufen klargelegt.
Alvaro Chinchilla war zufrieden. Die Schebecke hielt unverändert ihre Position.
„Hängt das Großsegel ins Gei!“
Ohne Zwischenfall holten die Männer das Tuch an die Rah heran. Nahezu gleichzeitig wurde der Besan geborgen.
„Ruder Steuerbord!“
Der Mann am Kolderstock, dem vertikal angebrachten Hebel, der über eine Achse seitlich schwenkbar mit der eigentlichen Ruderpinne verbunden war, legte alle seine Kraft hinein, um das Ruder nach Steuerbord zu bewegen. Währenddessen wurden von den Decksleuten die Großrahen vierkant gebraßt, das heißt, die Rahen standen querschiffs. Die beiden Großmarssegel begannen zu killen.
„Verdammt!“ zischte Chinchilla. „Geht das nicht leiser?“
Ohne das Besansegel, mit flappendem Tuch am Großmast und nur mit weiterhin steifer Fock und Vormarssegel, fiel die „Nuestra Señora de lagrimas“ rasch ab und drehte mit dem Heck in den Wind.
Das Flattern des Tuchs im Großtopp verstummte, da der Anstellwinkel beider Segel jetzt stimmte und der achterliche Wind sie blähte. Die Galeone lief genau vor dem Wind.
Alvaro Chinchilla ließ seiner Crew Zeit, Leinen zu belegen und wieder sicheren Halt zu finden. Was die Männer leisteten, war weit mehr, als man normalerweise von ihnen erwarten durfte. Die Aussicht, bald spanischen Boden unter den Füßen zu haben und Weihnachten im Kreis der Familie oder unter Freunden zu verbringen, spornte sie an.
Die Vorrahen wurden herumgeholt, erst vierkant- und dann angebraßt. Die Galeone legte sich nach Backbord über und luvte weiter an.
Großobermars- und Großuntermarssegel wurden angebraßt und der Besan wieder gesetzt. Capitán Chinchilla verließ endlich seinen Standort nahe dem achteren Steuerbordniedergang und postierte sich neben der Hecklaterne.
Er sah die spärliche Lichterkette des Konvois in der Dunkelheit verschwinden. Nur die „Santa Helena“ und die „Concordia“ glitten noch in Rufweite vorbei – und die schlanke Galeone mit dem wohlklingenden Namen „Isabella“. Aber auch dort entdeckte keiner die auf Gegenkurs liegende „Nuestra Señora de lagrimas“.
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