„Wer sind Sie, Don Julio?“ fragte der Spanier, ohne sich umzuwenden. „Ein Pirat, der ein Schreiben des Königs abgefangen hat und auf leichte Beute hofft?“
Philip Hasard Killigrew lachte glockenhell, obwohl er innerlich zutiefst erschüttert reagierte. Er gab sich Mühe, seiner Stimme einen spöttischen Klang zu verleihen.
„Dann würde ich Ihnen dieses Schreiben zeigen.“
„Das hängt wohl von seinem Inhalt ab.“
Ruckartig wandte sich Don Ricardo wieder um. Sein Gesicht wirkte kantiger als noch kurz zuvor. Die dunklen Augen funkelten eisig, und scheinbar zufällig lag seine Rechte auf dem Griff des Degens.
„Ich verlange absolute Gewißheit“, sagte er.
„Schicken Sie einen Boten zum Hof. Das steht Ihnen selbstverständlich frei. Leider werden wir Irland erreicht haben, bevor Sie eine Antwort erhalten.“ Hasard spürte die sich aufbauende Spannung deutlich. Langsam richtete er sich aus seiner bequemen Sitzhaltung auf.
Auch seine Männer reagierten. Ferris Tucker schob sich unmerklich an de Murcia heran, der Profos wirkte sprungbereit, und Don Juan taxierte seine Landsleute, als wolle er für alle nur erdenkliche Fälle gewappnet sein. Lediglich Higgy war die Ruhe in Person.
Don Ricardo de Mauro y Avila hatte seinen Entschluß gefaßt.
„Wir segeln nicht nach Irland“, verkündete er. „Die Schätze sind in jedem Hafen des Mutterlands so sicher wie auf See, eher sogar noch sicherer.“
„Ich hätte Sie für klüger gehalten“, sagte Hasard. „Was Sie vorhaben, wird Sie den Kopf kosten.“
Dann ging alles sehr schnell. Don Ricardo riß den Degen aus der Scheide und wollte de Vilches festnehmen, aber Hasard parierte trotz seiner noch immer sitzenden Haltung mit unglaublicher Geschmeidigkeit. Erst das harte Aufeinanderklirren beider Klingen schreckte den Spanier aus seiner selbstherrlichen Überheblichkeit auf und ließ ihn erkennen, daß er durchaus mit Widerstand rechnen mußte.
„Sie sind ein Narr“, zischte der Seewolf.
Der Generalkapitän attackierte ihn härter.
Miguel Salcho und Bernardo de Murcia eiferten ihrem Capitán nach. Aber während de Murcia noch von Glück reden konnte, daß er „nur“ an Ferris Tucker geriet, erlebte Miguel Salcho innerhalb von Augenblicken alle Höhen und Tiefen menschlichen Daseins – die Höhen allerdings weit weniger, denn zwischen seinem Kopf und den Deckenbalken lagen kaum drei Handspannen Luft.
Als der Erste Offizier zum Degen griff, war Carberry aufgesprungen. Keinen Lidschlag eher. Er wollte nicht, daß es hinterher hieß, er hätte mit der Prügelei angefangen. Obwohl solches schlichtweg Unsinn war.
Blankwaffen waren gefährlich. Sofern sie geschickt gehandhabt wurden, hinterließen sie unschöne Hieb- und Stichwunden, die nicht selten das plötzliche Ableben des Getroffenen bewirkten. Leider hatte Edwin Carberry keine Ahnung, wie geschickt Salcho mit seiner Klinge umzugehen verstand. Deshalb beeilte er sich mit dem Zuschlagen und holte einfach mit der flachen Hand aus.
Seine Pranke, groß wie eine Bratpfanne und genauso hart, streifte den Ersten, als der den Degen schon fast aus der Scheide hatte. Salcho verlor den Boden unter den Füßen, aber nicht das Bewußtsein. Sein Magen wurde von einer unerfindlichen Kraft nach unten gedrückt, von derselben Kraft, die seinen Kopf gegen einen Deckenbalken schmetterte, und schon ging es wieder abwärts, knickten die Knie unter der unerwarteten Belastung ein und glitt der Degen dummerweise wie von selbst bis zum Handschutz in die Scheide zurück.
Salcho wollte protestieren, doch da sauste die Bratpfanne wieder auf ihn zu. Von der anderen Seite diesmal. Vergeblich versuchte er auszuweichen. Der Aufprall wirbelte ihn einmal um die eigene Achse und ließ ihn unzählige Sterne sehen sowie ganz nahe vor sich einen abgrundtief häßlichen, von Narben übersäten Vollmond – mit Rammkinn.
Bis sein durcheinandergeschütteltes bißchen Verstand begriff, daß der Mond normalerweise nicht aus einem Grinsen bestand, war es erneut zu spät. Den Degen zu ziehen, war ihm wirklich nicht vergönnt, obwohl er sich alle Mühe gab. Aber was half das schon gegen zwei zusammenschlagende Becken, deren Klang seinen Körper bis in die letzte Muskelfaser durchdröhnte?
Das Dröhnen, Klirren und Scheppern zerfetzte seine Trommelfelle. Plötzlich war alles totenstill. Miguel Salcho sah, daß der häßliche Riese die Lippen bewegte, nur hörte er nichts mehr.
Was wollte der Kerl denn noch von ihm?
Santa Maria, flehte der Erste in Gedanken, beschütze mich vor diesem Monstrum. Laß mich meinetwegen taub bleiben, aber hilf mir!
Wie durch einen Schleier hindurch sah er den Profos an der Decke hantieren. Gleich darauf polterte die eiserne Lampe zu Boden.
Bis Salcho sich darüber klar wurde, daß er das Poltern wirklich gehört hatte, hing er bereits an dem nun freien Haken unter der Decke und durfte hilflos mit Armen und Beinen rudern.
„Schön, nicht?“ sagte der Profos. „Da oben tritt dir keiner versehentlich auf die Füße.“
Bernardo de Murcia kriegte von alledem wenigstens vorerst nichts mit. Tucker hatte ihm schlicht und einfach beide Fäuste unters Kinn gesetzt, und nun schlief der Bedauernswerte zusammengekrümmt in der Mulde in Don Ricardos Lotterbett, die Carberrys Achtersteven deutlich sichtbar hinterlassen hatte.
Aber nicht nur, daß die Arwenacks selbst wenig Spaß hatten, weil ihre Gegner so schnell alle viere von sich streckten, sie brachten sogar den Generalkapitän um das Vergnügen, de Vilches in den Bauch zu pieksen. Fechten konnte Don Ricardo, das mußte man neidlos zugestehen. Die Frage war nur, ob Hasard sich zurückhielt oder ob beide wirklich ebenbürtig waren.
„Ich wette auf Don Julio“, sagte Mac O’Higgins unvermittelt.
Carberrys Rammkinn klappte haltlos nach unten. Er starrte den Iren an, als hätte er eben ein neues Weltwunder entdeckt.
„Was ist?“ drängte Higgy. „Hältst du mit? Zehn Achterstücke!“
Der Profos schnappte nach Luft. Dann ließ er ein halb ersticktes Gurgeln vernehmen.
„Du willst, daß ich auf diesen hochnäsigen Schafsbock Ricardo setze?“
„Ungefähr so dachte ich mir“, bestätigte O’Higgins.
Das war letztlich doch zuviel. Sogar für einen Kerl wie Ed Carberry.
„Judas!“ zürnte er. „Verkaufst deinen Kapitän für lausige zehn Achterstücke …“
Higgy wollte schon auf zwanzig erhöhen, immerhin war er sich seiner Sache sicher, aber das Funkeln in Carberrys Augen verriet ihm, daß Schweigen momentan mehr einbrachte. Auf jeden Fall keine ausgeschlagenen Zähne.
Einiges vom Inventar der Kapitänskammer war bereits zu Bruch gegangen, der Rest würde unweigerlich folgen. Ein Degenhieb schlitzte den Baldachin über dem Lotterbett der Länge nach auf und verwandelte den schweren Stoff in einen jämmerlichen Fetzen, der gerade noch zum Ausstopfen von Spundlöchern taugte.
Hasard und der Generalkapitän lieferten sich ein erbittertes Duell. Während Don Ricardos Attacken aber zunehmend heftiger wurden, beschränkte sich der Seewolf mehr auf die Verteidigung. Irgendwann mußte selbst ein verbohrter Affenarsch wie Ricardo de Mauro y Avila das spitzkriegen und entsprechend reagieren. Nur schien er eben noch verbohrter zu sein, als die Arwenacks angenommen hatten.
Don Juan bereitete dem Zweikampf ein Ende, indem er die Pistole hob, die er de Murcia abgenommen hatte, und auf den Generalkapitän zielte.
„Geben Sie auf, Don Ricardo!“ erklärte er. „Auf diese Distanz kann ich nicht danebenschießen.“
Wenigstens wußte der Capitán, wann er verloren hatte. Schwungvoll stieß er die Klinge vor sich in die Planken.
„Und was nun, de Vilches? Glauben Sie nur nicht, daß Sie und Ihre Schnapphähne mit heiler Haut von Bord gelangen.“
„Der ist verrückt“, stieß Ferris Tucker prustend hervor. „Oder besessen von der fixen Idee, es überall mit Halsabschneidern und sonstigem Lumpenpack zu tun zu haben. Wahrscheinlich bezichtigt er auch noch Philipp III. der Mittäterschaft.“
Читать дальше