Ein harter Wind bewegte die See. Die Wellen waren jetzt ausgeprägt lang, von weißen Schaumköpfen gekrönt, und vereinzelt wirbelte Gischt auf.
Mit schäumender Hecksee folgte die Schebecke den ersten Schiffen des Konvois. Die „Santos los Reyes Mayos“, und die „Salvador“ segelten nur wenige hundert Yards voneinander entfernt in Kiellinie.
Die Sicht wurde zunehmend schlechter. Über der Kimm wetterleuchtete es, aber noch war kein Donner zu vernehmen. Das Stampfen und Ächzen der Schiffsrümpfe, das gelegentliche Knallen der Segel und das lauter werdende Rauschen der Bugwellen übertönten alle anderen Laute.
Auf den Galeonen wurden die Hecklaternen angezündet. Ihr milchiger Schein vermischte sich mit dem diffusen Halbdunkel, das die Schiffe mehr und mehr zu Schemen werden ließ.
Innerhalb von Augenblicken zeigte sich die See ziemlich grob. Die Wellen begannen zu brechen und der weiße Schaum lag plötzlich in Streifen nahezu quer zum Kurs des Konvois.
Der steife Wind blähte die Segel bretthart. Nicht mehr lange, dann würde zumindest auf den schwergewichtigen Schatzschiffen das übliche Baumwolltuch eingeholt und durch die festeren Sturmsegel ersetzt werden müssen.
Pete Ballie, Gefechtsrudergänger der Arwenacks, stand an der Pinne der Schebecke. Ihm fiel als erstem auf, daß die „Salvador“ aus dem Kurs lief.
„Sir!“ Pete brüllte gegen das Heulen und Pfeifen des stürmischen Windes an. „Das Flaggschiff fällt ab!“
Sah Don Ricardo eine Chance, zur französischen Küste zu segeln? Immerhin lag die Bretagne nicht sehr weit entfernt, und mit ihren vielen Buchten und Einschnitten bot sie sicher auch vor einem stärker werdenden Unwetter Schutz.
„Ruder etwas Steuerbord!“ befahl Hasard. „Wir schließen auf.“
Pete Ballie hatte nichts anderes erwartet.
Die Schebecke segelte unter vollem Preß. Im Vergleich zu den schwerfälligen Galeonen flog sie fast übers Wasser, zumal der Seewolf den erst vor kurzem entwickelten „Spitzbusen“ vorheißen ließ. Das nahezu ballonförmige Beisegel bewährte sich bei Kursen mit raumem oder achterlichem Wind. Das Seltsame an diesem Segel war, daß es nicht an einer Rah, sondern lediglich an seinen drei Ecken gefahren wurde. Um überhaupt auf eine solche Idee zu verfallen, mußte man entweder verrückt oder ein Genie sein. Wahrscheinlich traf letzteres zu. Die Crew der Arwenacks zählte schließlich einige kluge Köpfe.
„Kollisionskurs!“
Pete Ballie verzog zwar die Mundwinkel, schluckte seinen Widerspruch aber ungesagt hinunter. Keine hundertfünfzig Yards trennten die Schebecke noch von der „Salvador“. Sie würde der Galeone unweigerlich in die Flanke donnern. Welches Schiff eine solche Ramming bei stürmischer See besser überstand, blieb dahingestellt – der flachgehende Dreimaster der Seewölfe mit dem kräftigen Vorsteven und der scharfgehöhlten Wasserlinie oder die plumpe Galeone, die so tief im Wasser lag, daß sich die Verschanzungen nahezu auf gleicher Höhe befanden.
Mit einer Spiere war der Spitzbusen nach Lee ausgebaumt. Das Segel behinderte ein wenig die Sicht, ließ aber zugleich die Dons herzlich wenig von dem erkennen, was an Deck der Schebecke geschah.
Noch achtzig Yards.
„Die vermaledeiten Olivenfresser müssen auf beiden Augen blind sein“, behauptete der Profos. „Sie beachten uns überhaupt nicht.“
„Vielleicht will dieser Mistkerl Don Ricardo endlich eine Entscheidung erzwingen“, sagte Ben Brighton. „Ich traue ihm zu, daß er dabei sogar sein Schiff aufs Spiel setzt.“
„Nicht jetzt im Sturm und auch nicht, bevor erkennbar wird, daß wir Irland links liegen lassen.“ Hasard schüttelte den Kopf. Er kaute auf seiner Unterlippe. „Den Busen weg!“ befahl er.
Die Männer hatten wegen des stürmischen Windes sichtlich Mühe mit dem neuen Segel. Bis es endlich niedergeholt war, betrug die Distanz zur „Salvador“ kaum mehr dreißig Yards.
Hasard blickte starr voraus. Wenn er seine Crew nicht gefährden wollte, mußte er den Befehl zum Abfallen geben. Don Ricardo hatte diesmal die besseren Nerven – oder er ahnte ganz einfach, daß der vermeintliche de Vilches einen entscheidenden Schwachpunkt hatte, daß er nämlich Unschuldige nicht willentlich in Gefahr brachte.
„Pete!“ rief Hasard.
In dem Moment wurde auf der Galeone Ruder gelegt. Sie drehte endlich nach Backbord ab.
Hasards Hände verkrampften sich um den Handlauf der Achterdecksverschanzung. Beide Schiffe glitten fast auf Tuchfühlung aneinander vorbei. Um die Rüsten der „Salvador“ zu berühren, hätte er nur die Arme auszustrecken brauchen.
Vorübergehend starrten die Kapitäne einander an: Hasard ruhig lächelnd und sich seines Status’ als Sonderbeauftragter des Königs durchaus bewußt, Don Ricardo hingegen wütend, die Mundwinkel ob seiner neuerlichen Niederlage verzerrt und die Hände zu Fäusten geballt.
„Der Generalkapitän wird bald Rechenschaft fordern“, sagte Ben Brighton, während die Schebecke der „Salvador“ davonlief und zur Wende ansetzte. „Ein Mann wie er steckt nicht immer nur zurück.“
„Daß wir irgendwann auf Konfrontation gehen würden, war mir von Anfang an klar“, erwiderte Hasard. „Nur der Zeitpunkt ist ausschlaggebend.“
„Und der ist dir heute lieber als noch vor einigen Tagen“, meinte Ben Brighton.
„Jede Seemeile näher an London zählt.“
Der erste vielfach verästelte Blitz spaltete das ferne Firmament. Der Donner war als leises Grummeln zu vernehmen.
Hasard gab Befehl, das Großsegel aufzutuchen. Die Schebecke hielt danach ungefähr gleiche Höhe mit Don Ricardos Flaggschiff, das auf den alten Kurs eingeschwenkt war.
Irgend jemand auf der Kuhl lachte herzhaft und bezeichnete den Spanier als einen Hasen, der letztlich davonstob, sobald es brenzlig wurde. Der Seewolf hörte, solche vorschnellen Reden nicht gern, zumal er den Generalkapitän anders einschätzte. Don Ricardo de Mauro y Avila konnte durchaus zum ernstzunehmenden Gegner werden, und das schneller als ihm vielleicht lieb war.
„Glaubst du, es gibt Ärger, Sir?“ Al Conroy klopfte auf eine seiner Culverinen, von denen die Schebecke je sechs Stück an Back- und Steuerbord führte. Die Geschütze hatten eine beachtliche Rohrlänge von 3,70 Yards und das Geschoßgewicht betrug 17,3 Pfund, genug, um Masten zu kappen und ausgezackte Lecks in gegnerische Bordwände zu brechen.
„Ein Gefecht wird der Generalkapitän nicht riskieren“, sagte Hasard. „Zumindest nicht, bevor er unsere wahren Absichten durchschaut.“
Es begann zu regnen.
Aus einzelnen dicken Tropfen, die klatschend auf den Planken zersprangen, wurde eine wahre Sintflut. Als hätte der Himmel sämtliche Schleusen geöffnet, ergoß sich das Wasser aus den tief hängenden Wolken.
Die Schiffe stampften und schlingerten, und von einem Moment zum anderen hingen die Segel schlaff und triefend von den Rahen. Nur ein leiser Zug wehte noch, zu gering, als daß er das nasse Tuch hätte füllen können.
Das Meer, einmal aufgewühlt, blieb jedoch so stürmisch bewegt wie zuvor.
Auf den meisten Schiffen hantierten Mannschaften mit Planen und leeren Fässern, um den Trinkwasservorrat aufzubessern.
Dumpfer Donnerhall rollte in nicht enden wollendem Stakkato über den Atlantik. Die Blitze zuckten nun rundum auf, als strebten mehrere Gewitter nach Vereinigung.
Irrlichternde, blendende Helligkeit raste plötzlich über die Flotte hinweg, gefolgt von dem schmetternden, ohrenbetäubenden Dröhnen eines nahen Einschlags. Wer zufällig nach Backbord querab blickte, glaubte zu sehen, daß das Meer aufloderte. Jedenfalls behaupteten nicht wenige Männer später, sie hätten Flammen von den Wellen aufsteigen und sich in Masthöhe vereinen sehen, gefolgt von aufstiebender, zerstäubender Gischt. Der Lärm war schlimmer, als wäre ein Dutzend Vierundzwanzigpfünder gleichzeitig in allernächster Nähe abgefeuert worden.
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