Das Gewitter verharrte über dem Konvoi. Blitze sorgten für eine gespenstische Szenerie und rissen die Schiffe immer wieder wie Schlaglichter für winzige Augenblicke aus der sie einhüllenden Düsternis.
Das unstete Flackern und die Geräuschkulisse erinnerten an ein nächtliches heftiges Gefecht. Nur der Pulverdampf fehlte, der in einem solchen Fall erstickend über dem Wasser hing.
Dem schmetternden Einschlag folgte eine neue gleißende Lichtflut, begleitet von einem scharfen, peitschenden Knall und dem splitternden Bersten von Holz.
Vorübergehend wußte niemand, was geschehen war. Doch dann loderte inmitten des Chaos aus Licht und Dunkelheit eine Fackel auf, neigte sich und taumelte in einer Wolke aufstiebender Funken der Kuhl der „Santos los Reyes Mayos“ entgegen. Glimmende Segelfetzen verfingen sich zwischen Tauen und Wanten, aber die Flammen fanden wegen der herrschenden Nässe keine neue Nahrung und erloschen von selbst.
Ein Blitz hatte in die Großstenge der Galeone eingeschlagen, sie bis zum Mars der Länge nach aufgespalten, hatte das Rack der Untermarsrah aus der Verankerung gebrochen und diese mit ungestümer Wucht zersplittert, wobei die Spiere als auch das Untermarssegel sofort Feuer fingen.
An Deck entstand vorübergehend Wuhling, als die Spanier wie aufgescheuchtes Federvieh durcheinanderstoben und sich bemühten, die ohnehin von selbst erlöschenden Glutnester auszuschlagen.
Einige Kerle kappten nicht nur die Untermarsbrasse und andere Taue, um die kokelnde, vom Blitz verkohlte Rah über Bord zu werfen, sie vergriffen sich in ihrem Übereifer auch an Pardunen und Stengestag und wurden erst schlauer, als die kläglichen Reste der Stenge als Splitterregen auf sie niedergingen.
Der Seewolf beobachtete das Geschehen auf der nahezu querab liegenden „Santos los Reyes Mayos“ durchs Spektiv. Der Blitz schien keine ernsteren Schäden verursacht zu haben. Offenbar war er in den am höchsten aufragenden Mast eingefahren wie der Teufel in die arme Seele eines Sünders und hatte ihn über die Rah wieder verlassen.
Sven Nyberg, Decksmann auf der Schebecke, reagierte völlig aufgelöst und war leichenblaß. Krampfhaft klammerte er sich an einem straffgespannten Manntau fest.
„Habt – habt ihr das gesehen? Es war für einen Moment, als hätte sich der Himmel aufgetan – nein, die Hölle, es muß die Hölle sein. Dieses lodernde Feuer, diese Helligkeit …“
Er redete schnell und beinahe unverständlich und vor allem, ohne dabei Atem zu holen. Zudem verfiel er mehrmals in seiner dänischen Muttersprache, die von den anderen Arwenacks weiß Gott nicht verstanden wurde. Nils Larsen, ebenfalls dänischer Abstammung, war hoffnungslos überfordert als er versuchte, alles zu übersetzen.
Erst der Profos bereitete dem unverständlichen Redefluß ein Ende, indem er Nyberg mit dem abgespreizten Zeigefinger vor die Brust stieß, daß ihm schier die Luft wegblieb, und ihn außerdem auf spanisch anbrüllte, er solle sich endlich einer gesitteten Sprache bedienen und nicht vom Smerebrød und anderem Kauderwelsch reden. Das Gebrüll erschreckte den guten Sven derart, daß er prompt wieder einatmete und nicht Gefahr lief, zu ersticken.
Edwin Carberry lächelte – er verzog sein Narbengesicht zu einer abstoßenden Grimasse.
„Siehst du, Jungchen“, sagte er, immer noch bedrohlich laut, „in Ruhe kann man besser über alles reden. Also noch mal von vorn, schieß los!“
„Der Blitz ist wie ein Höllenfeuer in die Galeone eingefahren“, erklärte Sven Nyberg kaum langsamer als zuvor. „Die Rahnock hatte plötzlich einen richtigen Heiligenschein, so einen Strahlenkranz ringsum, ihr wißt schon …“
„Gar nichts wissen wir“, sagte der Profos grollend.
Sven setzte ein unverschämtes Grinsen auf. „Genau deshalb erzähle ich euch, was ich gesehen habe.“
„Du hast vielleicht geträumt“, behauptete Big Old Shane, der Schiffsschmied. „Ich habe auch zu dem Kahn rübergeschaut, aber einen Heiligenschein habe ich bestimmt nicht mitgekriegt.“
„Den hätten die Dons auf keinen Fall verdient.“ Mit seiner Bemerkung zog Mac Pellew die Lacher eindeutig auf seine Seite, was seine zumeist sauertöpfische Miene aber keineswegs beeinträchtigte. Griesgrämig blickte er um sich, als wolle er fragen, was es da zu lachen gäbe.
„Die ‚Salvador‘ gibt Signal!“ rief Gary Andrews vom Vorschiff. „Der Generalkapitän wünscht dich zu sprechen, Sir.“
„Don Ricardo?“ fragte der Profos überrascht. „Was kann der schon wollen?“
„Was wohl?“ Der Seewolf deutete mit einer umfassenden Handbewegung nach Steuerbord, wo viele, viele Meilen entfernt Land lag – genauer gesagt die Südwestküste der Bretagne. Nach flüchtigem Überlegen wandte er sich an Gary Andrews: „Gib zur ‚Salvador‘ zurück, daß ich mit dem Generalkapitän reden werde, sobald die See sich beruhigt hat.“
Kurze Zeit später wurde offenbar, daß Don Ricardo de Mauro y Avila nicht mehr gewillt war, sich hinhalten zu lassen. Erneute Zeichen vom Flaggschiff bedeuteten, daß er umgehend mit Don de Vilches sprechen wolle. Anderenfalls sähe er sich gezwungen, auf eigene Faust zu handeln.
„Der bläst sich nur auf“, meinte Nils Larsen.
„Das ist nicht mehr als ein Warnschuß vor den Bug“, sagte Mac Pellew.
„Und wenn der doch Lunte gerochen hat?“ grollte der Profos.
„Das hat er längst.“ Hasard winkte lässig ab. „Er weiß es nur noch nicht. Und ich werde dafür sorgen, daß das weiterhin so bleibt. Wenigstens bis wir bei den Scilly-Inseln auf Ostkurs abdrehen.“
„Du willst also zur ‚Salvador‘ übersetzen?“ Der Profos rieb sich erwartungsvoll die Pranken. Es knirschte dabei, als sei die Schebecke soeben auf ein Riff gelaufen. „Wen nimmst du mit? Du brauchst Begleiter mit Überzeugungskraft.“
„An Bord des Flaggschiffs wird nicht geprügelt.“
„Habe ich das behauptet?“
„Dein Grinsen verrät genug.“
„Also, dieser Don Ricardo hat eine Visage, da juckt es mich jedesmal gehörig in den Fingern …“
„Ed!“ sagte Hasard scharf.
„Schon gut.“ Der Profos schnaubte wie ein untertauchendes Walroß. „Ich beschränke mich darauf, nur im äußersten Notfall einige behutsame Kläpschen auszuteilen. Obwohl das diese quergekanteten hohlen Donschädel bestimmt nicht ins Lot rückt. Anwesende natürlich ausgenommen“, sagte er mit einem flüchtigen Seitenblick zu Don Juan de Alcazar, der eben erst zu ihnen getreten war.
Hasard ließ die kleine Jolle zum Aussetzen klarmachen. Don Juan, der Profos, Ferris Tucker und Mac O’Higgins sollten ihn begleiten.
Wenig später pullten sie, in spitzem Winkel zur herrschenden Strömung, der „Salvador“ entgegen. Natürlich hätte Hasard den Generalkapitän auf die Schebecke befehlen können, doch wäre Don Ricardo kaum erschienen. Im momentanen Stadium war es besser, den Spanier nicht schon solcher Kleinigkeiten wegen herauszufordern. Noch hätte eine Auseinandersetzung den Verlust des Konvois oder wenigstens der Mehrzahl der Schiffe bedeutet, weil zu viele Fluchtwege offenstanden.
Die Jolle wurde arg gebeutelt, bis sie endlich an Steuerbord der Galeone längsseits lag. Das Wasser stand im Boot mehr als knöchelhoch, doch die nassen Füße spürte keiner, da der Regen nach wie vor wie aus Kübeln niederprasselte.
Mit einer unwilligen Bewegung strich sich Hasard die triefenden Haare aus der Stirn, bevor er zur Kuhl der „Salvador“ aufenterte. Seine Begleiter und er wurden lediglich von den beiden Offizieren empfangen und zu den Achterdeckskammern geleitet.
Es war zuviel erwartet, Don Ricardo höchstpersönlich an Deck zu sehen. Er zog die behagliche Geborgenheit im Trockenen der klammen Nässe auf der Haut vor. Zu seiner mürrischen, rechthaberischen Art gehörte demnach auch eine Portion Stutzertum.
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