Hasard stieß den Generalkapitän mit der Degenspitze vor die Brust. „Ich nehme Sie hiermit fest, Don Ricardo de Mauro y Avila. Sie werden die weitere Überfahrt nach Irland als Gefangener unter Deck meiner Schebecke verbringen und sofort nach unserer Rückkehr nach Spanien vor ein Kriegsgericht gestellt. Sie unterstehen dem Kriegsrecht in voller Konsequenz. Was das bedeutet, brauche ich Ihnen wohl nicht zu erklären.“
„Nein“, sagte Don Ricardo tonlos.
Der Seewolf achtete nicht darauf.
„Die Anklage bezichtigt Sie der Meuterei, der Anstiftung zur Meuterei sowie der Befehlsverweigerung aus Eigennutz, ferner der Ehrabschneidung, begangen an einem Sonderbeauftragten Seiner Majestät. Selbstverständlich sind Sie ab sofort Ihres Amtes als Kapitän enthoben.“
„Sie verstehen mich falsch“, sagte Don Ricardo.
Hasard griff nach dem Degen des Spaniers und zog ihn ruckartig aus den Planken.
„Was war daran mißzuverstehen?“
„Nichts“, gestand der Generalkapitän. „Aber zu meiner Verteidigung werde ich ausführen, daß ich ausschließlich aus lauteren Motiven so handelte.“
„Sie werden Zeit genug haben, darüber nachzudenken“, sagte Hasard. „Aber vermutlich wird das Urteil auf Todesstrafe lauten. Zu vollziehen durch den Strick oder die Garotte.“
Es war erstaunlich, zu sehen, wie selbst ein aggressiver, rechthaberischer Mann wie Don Ricardo seine Fahne nach dem Wind hängte. Offenbar paßte endlich in seinen Dickschädel hinein, daß Don Julio wirklich derjenige war, als der er sich ausgab.
„Ich war übervorsichtig“, murmelte er.
„Ein Idiot, um es genau zu sagen“, bestätigte der Profos.
„Selbstverständlich führe ich den Konvoi nach Irland, wenn Seine Majestät es von mir verlangt.“
„Das klingt schon weitaus besser“, sagte Hasard. „Wir brauchen jeden, der zuzupacken versteht. Als Gefangener würden Sie mir eher zur Last fallen.“
„Heißt das, Sie verzichten auf eine Anklage?“
„Sagen wir, ich räume Ihnen die Gelegenheit ein, sich für Ihre Meuterei zu rehabilitieren, Don Ricardo. Fassen Sie das ruhig als großherzige Geste auf. Bei aller Meinungsverschiedenheit, mir ist nicht daran gelegen, Sie tot zu sehen, sondern ich will einzig und allein das Gold und Silber aus der Neuen Welt in sicherer Obhut wissen.“ Und das war es in London, in den Händen der königlichen Lissy allemal. Hasard drehte den Degen in der Hand und hielt ihn dem Generalkapitän hin. „Ihre Waffe“, sagte er. „Sie verstehen ausgezeichnet, damit umzugehen.“
„Ich hoffe, wir werden nie gezwungen sein, die Klingen miteinander zu kreuzen.“
Da klang dieses unterschwellige Mißtrauen wieder an. Don Ricardo hatte herzlich wenig dazugelernt, eher hatte er sich mit List aus einer für ihn unangenehmen Lage herausmanövriert.
Aber auch Hasard hatte gewonnen: Zeit, die für ihn so wichtig war. Zwei oder drei Tage, mehr wollte er gar nicht.
Die Wolkendecke riß nur vorübergehend auf. Das Gaukelspiel der Sonnenstrahlen, die verheißungsvoll über die gischtende Wasserfläche huschten, trog.
Bald färbte sich der Himmel im Westen rot, und während das düstere Farbenspiel auf die gesamte westliche Kimm übergriff, kehrte ein frischer Wind zurück. Der Wind trieb die Regenwolken auseinander. Vereinzelt fielen noch kleine, örtlich abgegrenzte Schauer, die ein Schiff mit dampfender Nässe überzogen, das nächste aber schon verschonten.
Die Schäden des Blitzschlags auf der „Santos los Reyes Mayos“ konnten mit Bordmitteln behoben werden. Bis zum Sonnenuntergang waren der nur leicht angeschwärzte Großmast und eine neue Stenge sicher miteinander verbunden. Auch das Eselshaupt, eine schwere hölzerne Spange, die eben dieser Verbindung diente, war erneuert worden.
Der Konvoi segelte in eine Nacht von schier erdrückender Finsternis – eine Nacht, wie es sie selten gab, ohne die vertrauten Lichtpunkte der Sterne oder gar das helle Band der Milchstraße, das sich über den Himmel spannte. Selbst der Mond blieb hinter den Wolken verborgen, und kein noch so blasser Schein ließ seinen Standort erahnen.
Die einzigen Lichter waren die Schiffslaternen, die in stetem Auf und Ab über den Wogen tanzten, wie ein kleiner Schwarm von Leuchtkäfern sich mal hierhin und dann wieder in die andere Richtung wendend.
Es schien eine ereignislose, ruhige Nacht zu werden. Das lag wahrscheinlich auch daran, daß die Mannschaften der Schatzgaleonen Furcht empfanden – vor englischen und irischen Piraten, vielleicht sogar vor el Lobo del mar, von dem niemand wußte, wo er und seine Korsaren gerade segelten und versuchten, rechtschaffenen Seeleuten nächtens die Kehlen durchzuschneiden. Eine Beute wie die neun Schiffe des Konvois mußte für den Seewolf wahrhaft ein gefundenes Fressen sein.
Keiner der Spanier zerbrach sich den Kopf darüber, auf wieviel Wahrheit diese Vorstellungen tatsächlich beruhten. Wo immer Geschichten über den Seewolf und seine wilde Horde erzählt wurden, gab es mehr Dichtung als Fakten.
Dabei waren Philip Hasard Killigrew und seine verschworene Gemeinschaft der Korsaren keineswegs blutrünstig. Daß sie spanische Schiffe plünderten, hatte Gründe, die vorwiegend im Verhalten der Dons selbst lagen. Wo Hasard dem spanischen Weltreich Nadelstiche zufügen konnte, tat er es.
Seine Männer und er hatten schon viele Sklaven aus schlichtweg unmenschlichen Verhältnissen befreit und ihnen zu einer neuen Heimat verholfen, sie hatten Geknechteten das Joch abgenommen und ihnen beigestanden, wo immer es möglich war. Sie waren rauhe Kerle mit einem guten Kern, denen das Schicksal selbst schon manche Fußangel gestellt hatte.
Hasard ging die Abendwache, zusammen mit Don Juan und Big Old Shane. Er ahnte, daß die Dons sich mehr und mehr mit aberwitzigen Gedanken befaßten, je näher die grüne Insel rückte, aber solange sie keine Taten folgen ließen, berührte ihn das herzlich wenig.
Mehrmals mußten die Segel neu getrimmt werden, weil der Wind innerhalb eines begrenzten Radius drehte. Das Flappen der Segel, das Knarren der Racks und Rahruten waren beinahe die einzigen Geräusche dieser Nacht. Selbst die See gluckste und schmatzte nur hin und wieder unter dem Bug, der leicht und lautlos durchs Wasser schnitt.
„Nicht einmal mehr zwei Tage“, sagte Don Juan unvermittelt. „Dann fällt die endgültige Entscheidung.“
„Ich wollte, es wäre einfacher“, erwiderte Hasard zögernd.
„Du fürchtest einen Kampf mit den Galeonen?“ Wie der Spanier die Frage stellte, klang sie beinahe spöttisch.
Hasard winkte ab.
„Es wird Tote geben. Vor allem auf seiten deiner Landsleute. Männer, auf die zu Hause Frauen und Kinder warten, werden sterben müssen, weil ihre Kapitäne den Widerstand befehlen. Das bedrückt mich.“
„Ich verstehe.“ Don Juan nickte. „Aber wer hat danach gefragt, wieviel Blut und Leiden der Indianer an den Schätzen kleben? Für eben diese Schiffsladungen wurde von meinen Landsleuten gebrandschatzt, gefoltert und gemordet, von all den anderen Verbrechen ganz zu schweigen, die Spanier im Namen der Zivilisation, des Fortschritts und der Christenheit begingen und noch immer begehen.“
Mehr war dazu nicht zu sagen. Sie schwiegen wieder und gingen ihre Wache auf Kuhl und Achterdeck, wobei sie oft an der Verschanzung verharrten und ihre Blicke über den Konvoi schweifen ließen.
Die Lichter der Laternen wirkten wie Perlen, die hintereinander auf einer Schnur aufgereiht waren. Hin und wieder wurde auch die Silhouette eines Achterschiffes erkennbar, oder der Schlagschatten eines Wachgängers huschte über die Segel.
Das Bild strahlte Ruhe und Frieden aus.
Alvaro Chinchilla war ein Hüne, breitschultrig und muskulös. Daß die besten Jahre bereits hinter ihm lagen, tat seiner äußeren Erscheinung bestimmt keinen Abbruch. Sein pechschwarzes, von Natur aus lockiges Haar, hatte er kurz geschnitten, auf die Länge einer Fingerkuppe, ebenso wie den dünnen Bartstreifen, der sich von den Ohren aus in gleichbleibender Dicke über die Kinnspitze hinzog. Der Bart betonte das kantige, volle Gesicht und ließ es länger erscheinen.
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