Aber gerade deshalb sagte er: „Wem meine Entscheidung nicht paßt, der kann über Bord springen. Laßt euch von der Schebecke auffischen.“
Zufrieden registrierte er, daß Brassen und Schoten klargelegt wurden. Die „Nuestra Señora de lagrimas“ mußte hoch an den Wind gehen und wieder blitzschnell abfallen, sobald die Schebecke folgte. Ihm war klar, daß nur die Hecksee die Position der Galeone verraten haben konnte, so wie er den Verfolger wegen seiner Bugwelle entdeckt hatte.
Die einzige Chance bestand darin, kurzfristig die Distanz zu vergrößern und backzubrassen, bis die Fahrt gänzlich aufgezehrt war. Mit aufgetuchten Segeln würde die „Señora“ lediglich mit der Strömung treiben und keine verräterische Spur nach sich ziehen. Der nahende Morgen mußte dann zeigen, ob die Entscheidung richtig gewesen war.
Chinchilla hoffte, daß der Sonnenaufgang nicht schon in drei Stunden erfolgte, sondern daß die Dämmerung wegen der undurchdringlichen Wolkendecke länger auf sich warten ließ.
Er erteilte den Befehl zum Anluven, als auf der kaum noch fünfzig Schritte entfernten Schebecke eine starke Blendlaterne aufflammte. Ihr Schein reichte aus, das Achterschiff der „Señora“ der Dunkelheit zu entreißen.
„Schneller, Männer!“ zischte der Kapitän. „Zwanzig Peitschenhiebe für jeden, der nicht spurt!“
Sie gaben ihr Bestes, die Galeone luvte hart an, aber der zitternde Lichtkegel ruhte unverrückbar auf dem Heck.
Als die Schebecke noch höher an den Wind ging und weiter aufschloß, ließ Chinchilla abfallen.
Mit schlagenden, sich rasch wieder blähenden Segeln glitt die Galeone so dicht an der Schebecke vorbei, daß Einzelheiten sichtbar wurden. Vorübergehend nahm die „Nuestra Señora de lagrimas“ dem Dreimaster sogar den Wind aus den Segeln.
„Geben Sie auf, Capitán!“ rief Julio de Vilches vom Achterdeck herüber. „Sie werden sich den Unmut des Königs zuziehen!“
Chinchilla lachte schrill.
„Kein Ire wird unser Gold und Silber je zwischen die Finger kriegen“, brüllte er zurück. „Ich traue Ihnen nicht mehr, de Vilches! Wer sagt mir, daß Sie nicht selbst versessen auf die Schätze sind?“
„Ich!“ erklang es laut und ohne jede Regung. Der Schein der Blendlaterne huschte über die Galeone und verharrte auf dem Capitán.
„Wenn Sie mich daran hindern wollen, nach Spanien zurückzusegeln, müssen Sie mein Schiff versenken.“
De Vilches erwiderte nichts mehr. Beide Schiffe waren aneinander vorbei, und die Galeone schickte sich an, in der Dunkelheit unterzutauchen. Geräuschvoll füllte der Wind wieder die Lateinersegel der Schebecke.
Auf drei- bis vierhundert Yards schätzte Chinchilla die Distanz, bis die Verfolger ebenfalls auf dem neuen Kurs lagen. Das war herzlich wenig, doch es mußte genügen.
Die Laterne war gelöscht worden. Wo er auch hinblickte, der Kapitän glaubte dennoch ihren hellen Schein zu sehen. Selbst wenn er die Lider schloß, wich die Blendwirkung nur zögernd. Er stieß eine ellenlange Verwünschung aus, die seine aufkeimende Unsicherheit überspielen sollte.
„Halten Sie es wirklich für angebracht, den Sonderbeauftragten herauszufordern, Capitán?“ Der Erste Offizier stand plötzlich neben ihm. Die Daumen hatte er herausfordernd hinter den Waffengurt gehakt. „Die Schebecke ist schneller als unsere Galeone und schwerer bestückt.“
„Wollen Sie mir Vorschriften erteilen, Serrador?“ fragte der Kapitän gereizt.
„Ich versuche nur zu erinnern, daß nicht die gesamte Mannschaft Ihr Vorgehen billigt.“
„Vergessen Sie’s!“ Mit einer flüchtigen Handbewegung wischte Chinchilla sämtliche Bedenken beiseite. „Ich weiß, was ich tue.“ Das klang lauernd und aggressiv.
„Selbstverständlich, Capitán“, beeilte sich José Serrador zu versichern. „Daran habe ich nie gezweifelt.“
Chinchilla wandte ihm demonstrativ den Rücken zu. „Lassen Sie die achteren Geschütze klarmachen!“
„Capitán …“
„Haben Sie mich verstanden?“
„Jawohl“, stieß der Erste knirschend zwischen den Zähnen hervor. „Es ist Ihre Entscheidung.“
Um Alvaro Chinchillas Mundwinkel zuckte es verhalten, als er wieder allein an der brusthohen Verschanzung lehnte und in die Nacht starrte. Er würde sich bald nach einem anderen Ersten umsehen. Das Gefühl, daß Serrador nach der Kapitänswürde strebte, ließ sich nicht mehr ignorieren.
Die Gedanken des Spaniers wurden schnell in andere Bahnen gelenkt, als er achteraus, in der Hecksee der Galeone, einen Schatten entdeckte. Offenbar schloß die Schebecke erneut auf. Die Entfernung betrug höchstens noch zweihundert Schritte.
Ein verächtliches Lächeln umspielte Chinchillas Mundwinkel. Er wandte sich um und rief: „De Vilches segelt im Kielwasser hinter uns. Feuer frei für die Heckgeschütze! Ohne Befehl feuern!“
Wer die Anordnung weitergab, wußte er nicht, es war ihm auch ziemlich egal. Jedenfalls hörte er gleich darauf das Poltern der schweren Lafetten, das von der Galerie zu erklingen schien. Die beiden Achtzehnpfünder standen aber auf dem Deck darunter, zu beiden Seiten des Ruderblatts.
Die Kanonen wurden ausgerannt und auf ein Ziel ausgerichtet, das auf dem Batteriedeck niemand sehen konnte. Hauptsache, die Kerle hielten drauf und Don Julio de Vilches erkannte, daß seiner Macht Grenzen gesetzt waren.
Alvaro Chinchilla dachte an die leider nur spärlichen Informationen, die die Kapitäne erhalten hatten, während der Konvoi auf Reede vor Havanna zusammengestellt worden war. Auf Ost-Nord-Ost-Kurs nach Teneriffa zu segeln, war wirklich neu gewesen.
Im dortigen Haupthafen Santa Cruz, so hatte es geheißen, würde der Geleitzug vom Kommandanten de Vilches mit seiner riesigen Kriegsgaleone „Casco de la Cruz“ übernommen werden. Nun, Don Julio de Vilches war da, jedoch nicht mit einem Schiff, sondern gleich mit deren drei, und er ließ auch nicht Spanien anlaufen, sondern segelte geradewegs nach Irland.
Niemand, selbst der Generalkapitän nicht, kannte den Kommandanten persönlich.
Chinchilla hämmerte mit der Faust auf den Handlauf. Er ahnte, daß er der Antwort auf viele Fragen so nahe war wie nie zuvor – aber noch entzog sie sich seinem Zugriff.
Unter ihm brüllte das Backbordgeschütz auf. Zuckender Feuerschein erhellte für die Dauer eines Lidschlags die See ringsum, dann wölkte dichter Pulverdampf hoch.
Durchs Spektiv versuchte der Kapitän, den Einschlag des Geschosses zu erkennen. Leider sah er nicht einmal mehr den Schatten, den er für die Schebecke hielt. Vor seinen Augen tanzten grelle Lichterscheinungen einen verwirrenden Reigen. Er blinzelte und massierte mit den Fingerspitzen Augenwinkel und Nasenwurzel.
Nicht minder heftig zündete das zweite Rohr. In das Krachen der Pulverladung mischten sich andere Geräusche, ein Dröhnen, Splittern und Poltern, als würde das Schiffsheck bersten, und dazwischen die Flüche der Männer. Wahrscheinlich war eins der Brooktaue gebrochen, die den Rückstoß des Geschützes auffingen, und die Lafette hatte eine Innenwand durchschlagen.
Der Kapitän konnte nicht feststellen, ob ein Wirkungstreffer erzielt worden war. Achteraus blieb alles ruhig. Er biß sich auf die Unterlippe, bis er warmen Blutgeschmack im Mund verspürte. Angewidert spie er aus.
„Die Blinde setzen!“
Vergessen war die Absicht, ohne Fahrt über Grund abzuwarten. Die Schebecke lauerte in unmittelbarer Nähe, das spürte er beinahe körperlich. Ihr davonzulaufen, war das einzige, was noch blieb, nachdem die Schüsse den Standort der „Señora“ verraten hatten. Was spielte es da für eine Rolle, ob die Männer beim Vorheißen der Blinde Gefahr liefen, den Halt zu verlieren?
Keine hundert Schritte entfernt blitzte es auf. Der Kanonendonner rollte einen Augenblick später heran und klang wie Hohngelächter in Chinchillas Ohren.
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