Der Schmied zögerte mit der Antwort. „Na ja.“ Er druckste herum. „Kann sein, daß da hin und wieder so ein Zeichen unter der Schädeldecke ist. Aber der Kutscher behauptet, das sei normal, und ich sei nicht gesund, wenn die Schmerzen sich nicht meldeten. Außerdem, was hat mein Kopf mit deinem Holzbein zu tun?“
Old Donegal feixte. Grinsend mahlte er mit dem Unterkiefer und faßte sich nachdenklich ans Kinn.
„Weißt du, Mister Shane“, sagte er langsam, „wenn du Kopfschmerzen hast, ist das doch nur ein Beweis dafür, daß etwas weh tun kann, was gar nicht da ist. Mein Hirn tut nämlich nicht weh. Niemals.“ So schnell er konnte, humpelte er zum nächsten Niedergang und stieß prompt mit Carberry zusammen, der soeben an Deck wollte.
„Hoppla!“ rief der Profos überrascht. „Du hüpfst, als wäre Mary Snugglemouse mit der Bratpfanne hinter dir her.“
„Laß meine Mary aus dem Spiel, du, du …“ Old Donegal versuchte sich loszureißen, doch da geriet er bei Carberry an den Falschen. Der packte nämlich um so fester zu.
„Sag’s!“ forderte er den Alten auf. „Nur zu, keine Hemmungen. Ich bin schließlich kein Unmensch.“
„Du Profos, du!“ stieß Old O’Flynn zornig hervor.
Carberry begann herzhaft zu lachen. „Ich weiß auch ein neues Schimpfwort“, prustete er: „Old Donegal!“
„Ha!“ schnappte der Alte. „Wirklich sehr komisch.“
„Bleib lieber bei Affenarsch, Ed!“ rief Shane.
Der Profos schnalzte mit der Zunge. „Hat der was gegen dich?“ fragte er.
„Der?“ Old Shane zuckte mit den Schultern.
„Und du, Shane? Du siehst aus, als hätte es dir die gesamte Takelage verhagelt.“
„Du siehst Gespenster, Ed.“ Natürlich dachte der Schmied nicht daran, das eben Gesagte breitzutreten. Er sah lieber zu, daß er sich verdrückte. Old Donegal Daniel O’Flynn konnte ihn mal hinterm Mast besuchen.
Der Profos stand plötzlich allein da. Er fragte sich, ob Shane und Hasards kauziger Schwiegervater vom Affen gebissen seien.
Zufällig fiel sein Blick auf Jack Finnegan und Paddy Rogers, die nebeneinander auf der Kuhlgräting saßen und Taue spleißten und betakelten. Das heißt, die beiden hatten das wohl bis vor wenigen Augenblicken getan. Jetzt hockten sie faul herum und grinsten sinnig.
Carberry stemmte die Fäuste in die Seite, holte tief Luft und brüllte los, daß sich die Masten bogen.
„Was fällt euch Nichtsnutzen eigentlich ein? Dem lieben Gott den Tag klauen und den Profos für dumm verkaufen, das könnte euch so passen, was?“
„Schlecht wär’s nicht“, erwiderte Paddy Rogers, gutmütig wie er war und schwerfällig im Denken.
Das hätte er besser nicht gesagt. Carberry brüllte daraufhin noch lauter.
„Ihr beiden klart die Bilge auf. Ich will, daß man anschließend von den Planken essen kann. Habt ihr verstanden?“
„Ist auch nicht besser oder schlechter als Spleißen“, sagte Jack Finnegan.
Paddy Rogers seufzte lediglich ergeben.
„Ob ihr verstanden habt, will ich wissen“, schnaubte der Profos.
Paddy bequemte sich endlich zu einem müden: „Aye, Sir!“
„Das heißt ‚Si, Señor‘!“ Carberry reckte sein Rammkinn angriffslustig vor. Aber keiner tat ihm den Gefallen, sich auf eine kleine Prügelei einzulassen.
Paddy und Jack beeilten sich vielmehr, unter Deck zu verschwinden. Bis der Profos bemerkte, daß sie vor der Kuhlgräting nicht aufgeklart hatten und Kabelgarn, Taue und Marlspieker noch herumlagen, waren beide längst aus seiner Reichweite verschwunden.
Das Wetter ließ eben jeden kribbelig werden.
Während der Nacht frischte der Wind weiter auf und wurde böig. Der Konvoi gewann nur mehr langsam Höhe und war zu weiten Kreuzschlägen gezwungen. Es regnete wieder, nicht stark zwar, doch dafür ohne Unterbrechung. Gelegentlich verwandelte sich der Regen in Schneematsch. Die noch an karibische Temperaturen gewöhnten Männer fröstelten und liefen in dicker Kleidung herum.
„Einen wärmeren Empfang dürfte die Heimat uns schon bereiten“, maulte Mac Pellew.
Der Nordwest peitschte die See zunehmend höher. Die fünf bis sechs Yards hohen Wellenberge mit ihren langen Kämmen, von denen Gischt abzuwehen begann, beschränkten die Sicht. Die Kimm war plötzlich wieder sehr nah.
Auch der neue Tag, der 30. November des Jahres 1598, brachte keine Veränderung. Der Nordatlantik zeigte sich von seiner trüben Seite. Grau in Grau verschmolzen Meer und Wolken miteinander, und die klamme Nässe durchdrang selbst kleinste Ritzen.
Auf mehreren Schatzgaleonen mußte gelenzt werden, weil Wasser auch über die Laderäume eindrang und sich in der Bilge sammelte. Die Männer an den Pumpen gerieten trotz der anhaltenden Kälte gehörig ins Schwitzen.
Spieren und Taue begannen rutschig zu werden. Eine tückische Eisschicht bildete sich, hauchdünn und von Feuchtigkeit überzogen.
Stunde um Stunde quälte sich der Konvoi durch die aufgewühlte, aber noch lange nicht wirklich stürmische See. Gischt verminderte nun zusätzlich zu den hohen Wellenbergen die Sicht. Es wurde schwieriger, den Geleitzug zusammenzuhalten. Allerdings schien zumindest jetzt keiner der Spanier mehr an Flucht zu denken.
Hasard und Dan O’Flynn, der Navigator der Arwenacks, versuchten eine Positionsbestimmung. Aber ebensogut hätten sie mit dem Finger auf eine der Seekarten tippen und behaupten können, die Schiffe stünden genau da und nirgendwo sonst. Es war schlichtweg unmöglich, die Position festzustellen.
Ich schätze die Entfernung zu den Scillys noch auf rund zwanzig Seemeilen. Der Geleitzug segelt süd- bis südwestlich der Inseln. Falls das Wetter anhält, werde ich gezwungen sein, früher als geplant nach Nordost abzudrehen .
Es klopfte. Während Philip Hasard Killigrew zum Eintreten aufforderte, streifte er den Federkiel ab, danach streute er Sand über die noch feuchte Tinte im Logbuch und verschloß das Tintenfaß.
Ben Brighton bückte sich unter dem niedrigen Türstock hindurch und trat ein.
„Die ‚Nuestra Señora de lagrimas‘ läuft aus dem Ruder“, meldete er.
Hasard warf ihm einen forschenden Blick zu. Ben wußte auch ohne Worte, was den Seewolf bewegte.
„Ich glaube nicht, daß Capitán Chinchilla einen neuen Fluchtversuch plant“, sagte er. „Es sieht eher so aus, als hätte die Galeone Ruderschaden.“
„Ich gehe mit an Deck.“ Hasard klappte das Logbuch zu und erhob sich. Ben ließ ihm den Vortritt.
Von der „Señora“ war im Moment nicht viel mehr zu sehen als die Toppen. Aber schon nach wenigen Augenblicken schoß sie aus dem Wellental hoch und bäumte sich auf wie ein weidwundes Tier. Chinchilla hatte bereits das leichte Tuch wegnehmen und die kleineren Sturmsegel setzen lassen.
Trotzdem konnte er nicht verhindern, daß das Schiff zunehmend in eine Lage geriet, in der es querzuschlagen drohte. Eine deutliche Krängung nach Lee zeigte sich. Falls auch noch die Ladung verrutschte, wuchs die Gefahr des Kenterns rapide.
„Wollen wir hoffen, daß da drüben alles gut verschalkt ist.“ Das Heulen des Windes und das Donnern der Brecher riß Hasard die Worte von den Lippen.
„Signale wurden nicht beantwortet. Die Dons haben wohl genug mit sich selbst zu tun.“
„Wir segeln auf“, entschied der Seewolf.
Ben hatte nichts anderes erwartet. Er gab die Befehle lautstark weiter. Ächzend luvte die Schebecke an und begann vorübergehend zu rollen, lag dann jedoch gut am Wind.
Donnernd brachen sich die Wellen am Vorsteven, stiegen zu beiden Seiten des Bugs in die Höhe und schlugen klatschend in die See zurück. Der Wind drückte die Brecher von Luv her schäumend über die Back. Sogar die Kuhl verschwand hin und wieder unter gurgelnden Sturzfluten, die sich vor den Speigatten stauten.
Zeitweise waren von der „Nuestra Señora de lagrimas“ nur die Stengen mit den oberen Rahen zu sehen, dann wieder schien sich das Schiff schwerelos erheben zu wollen, tauchte aus der brodelnden See auf, ritt einzelne Wellenkämme ab und wurde erneut hinabgezogen.
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