Fünf Mannslängen hinter der Galeone stieg eine gigantische Wassersäule aus der See empor und fiel rauschend und schäumend wieder in sich zusammen.
Zwei weitere Mündungsblitze verrieten, daß de Vilches keineswegs davor zurückschreckte, seine Befehle mit Waffengewalt durchzusetzen. Beide Einschläge lagen so dicht neben dem Heck der „Señora“, daß Alvaro Chinchilla unwillkürlich den Atem anhielt, weil er jeden Augenblick das Splittern von Planken zu hören glaubte. Die Fontänen stiegen höher als das Achterdeck und überschütteten ihn mit einem Schwall eisigen Wassers.
Er lief nach vorn.
„Was ist los mit der Blinde?“ brüllte er. „Wie lange soll ich warten?“
Vor dem Niedergang zur Kuhl vertrat ihm der Erste den Weg. „Befehlen Sie beizudrehen, Capitán!“
„Noch haben wir nicht verloren.“
„De Vilches schießt uns in Grund und Boden.“
„Das wird er nicht wagen.“
„Er segelt auf.“
Die Hecklaterne und zwei kleinere Lichter mittschiffs erhellten jetzt die Decks der Schebecke. Sie rauschte mit einem Tempo heran, mit dem die Schatzgaleone niemals mithalten konnte. Chinchilla ballte die Hände zu Fäusten, sein Gesicht verzerrte sich in ohnmächtigem Zorn.
Kaum einer kümmerte sich noch um die Blinde. Alle starrten dem Dreimaster entgegen, der so hart auf die „Nuestra Señora de lagrimas“ zuhielt, als hätte die Mannschaft Befehl zum Entern. Gerade sechs Schritte Zwischenraum blieben schließlich zwischen den Bordwänden.
Don Julio de Vilches stand im vorderen Bereich des Achterdecks. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wirkte unbeweglich wie eine Statue. Licht und Schatten wechselten auf seinem Gesicht und ließen es kantig erscheinen.
Neben ihm stand ein alter Mann mit weißem Haar, einer riesigen weißen Halskrause und überheblichem Grinsen im runzligen Gesicht. Er richtete die Blendlaterne erneut auf die Galeone.
„Desertieren!“ rief er schrill. „Gold und Silber selbst behalten, als wäret ihr lausige Piraten! Don Julio de Vilches sollte euch für diese Unverschämtheit zu den Haien schicken!“
„Wir haben uns entschlossen, die Schätze nur dem König zu übergeben und niemandem sonst!“ brüllte Alvaro Chinchilla zurück.
„Wer ist wir?“ fragte Hasard.
„Die Mannschaft und ich.“
„Dann werden alle Männer die Folgen ihrer Handlungsweise zu tragen haben. Segeln Sie jetzt zum Konvoi zurück!“
Chinchilla blieb unbeweglich am Schanzkleid stehen.
„Ich glaube, Sie haben mich nicht verstanden, Capitán“, sagte Hasard gereizt.
„Doch, Don Julio, sehr gut sogar“, erwiderte der Spanier. „Leider sehe ich mich außerstande, Ihren Befehl auszuführen. Er ist mit meinem Treueeid für den König unvereinbar.“
Hasard holte erst tief Luft. Doch der auf der Galeone offensichtlich erwartete Wutausbruch blieb aus.
Statt dessen sagte er mit eisig klirrender Stimme und gerade so laut, daß man ihn auf der „Nuestra Señora de lagrimas“ noch verstehen konnte: „Sie sind im Begriff, die Order König Philipp III. zu sabotieren, Capitán. Lassen Sie sich gesagt sein, daß ich über weitreichende Vollmachten verfüge. Ich scheue nicht davor zurück, Ihren gesamten Sauhaufen an die Rah zu knüpfen, wenn ich damit Spanien einen Dienst erweise.“
Capitán Chinchilla wurde blaß.
„Das wagen Sie nicht …“
„Eine Schlinge um Ihren Hals, Capitán, wird Sie vermutlich sehr schnell davon überzeugen, daß mir das Wohl unserer Heimat sehr am Herzen liegt. Ich gehe davon aus, daß ich auch Ihnen in Havanna avisiert wurde. Dann wissen Sie, daß ich das Kommando über den Geleitzug erhalten habe. Um so unverständlicher ist mir Ihr Verhalten.“
„Keineswegs die ganze Mannschaft will nach Spanien zurückkehren, Don Julio!“ rief ein hagerer Mann, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte. „Etliche Männer würden selbst in die Hölle segeln, wenn Seine Majestät es befiehlt.“
„Wer sind Sie?“
„Verzeihung, Capitán, ich bin der Erste Offizier, José Serrador.“
Dem Seewolf entging keineswegs der unbeherrschte Griff Chinchillas zum Degen. Dabei beließ der Kapitän es aber, abgesehen von dem verbissenen Zug, der sich plötzlich um seine Mundwinkel abzeichnete. Niemand mußte Hellseher sein, um zu erkennen, daß er und sein Erster sich nicht sonderlich grün waren. Vermutlich hatte es schon öfter Streitigkeiten zwischen ihnen gegeben.
„Sie wären bereit, die ‚Nuestra Señora de lagrimas‘ nach Irland zu führen, Señor Serrador?“ fragte Hasard.
„Selbstverständlich“, bestätigte der Erste.
„Dann gibt es keine Probleme“, sagte der Seewolf. „Sie, Capitán, haben die Wahl zwischen der Schlinge und dem Gehorsam.“
Alvaro Chinchilla starrte ihn unbewegt an. Haß begann sich in seinem Gesicht abzuzeichnen. Hasard wußte, daß er diesen Mann schwer getroffen hatte, er würde ihm nie den Rücken zuwenden dürfen. Doch darüber konnte er nur lachen.
Ruckartig wandte sich der Kapitän um. Seine Befehle waren eindeutig.
Die „Nuestra Señora de lagrimas“ kehrte zum Konvoi zurück.
Als die beiden Schiffe zum Geleitzug aufgeschlossen hatten, dämmerte bereits der Morgen. Jean Ribault und Arne von Manteuffel hatten die Schatzgaleonen zuverlässig auf Kurs gehalten.
Der Tag blieb wolkenverhangen und trist. Bleigrau rollte die See heran, und nicht weniger düster zeigte sich die Kimm. Bis die Sonne endlich den Dunst durchbrach und vereinzelte Strahlenfinger tatsächlich so etwas wie Helligkeit verbreiteten, stand sie schon hoch im Zenit.
Später briste es auf.
Der Wind hatte wieder gedreht. Ein steifer Nordwest fegte den Schiffen entgegen. Er brachte eisige Kälte und zeitweise Graupelschauer. Alle eisernen Beschläge und die Kanonen, soweit sie nicht abgedeckt waren, setzten Rauhreif an.
Am späten Nachmittag lachte dann endlich wieder die Sonne und versöhnte ein wenig mit den vorangegangenen Unbilden, obwohl es bitterkalt blieb. Den Männern stand der Atem vor den Gesichtern.
Die beiden letzten Tage im November würden mit Sturm und bissiger Kälte zu Ende gehen. Old Donegal Daniel O’Flynn spürte das in seinen Knochen.
„Wir kriegen einen rauhen Winter“, erklärte er. „Das Eis wird sich auf der Themse türmen und für London den Zugang zum Meer blockieren.“
„Unkenrufe“, widersprach Big Old Shane. „Woher willst du das wissen?“
„Mein Bein schmerzt, Mister“, sagte Old Donegal. „Das ist ungefähr so, als liege der Schnee schon einige Inches hoch auf den Piers.“
„Welches Bein?“ fragte der Riese mit dem mächtigen grauen Bartgestrüpp, der weder an Geister glaubte noch an Old Donegals gelegentliche Prophezeiungen.
„Das rechte“, sagte der Alte prompt.
Shane sah ihn an, als könne er nicht glauben, was er eben gehört hatte.
„Dann ist der Holzwurm drin!“ entfuhr es ihm. „Wie kann etwas weh tun, was gar nicht mehr vorhanden ist?“
Old Donegal Daniel O’Flynn schnaubte wie ein Wal vor dem Abtauchen. Ihm war anzusehen, daß er dem Schmied von Arwenack am liebsten die Krücke an den Kopf geschlagen hätte. Doch bestand die Gefahr, daß das kostbare Stück dabei zerbrach – nicht der Kopf, wohlgemerkt, sondern die Krücke –, und Old Donegal hatte sich so an sie gewöhnt, daß er keine neue haben wollte.
„Obwohl ich ein Holzbein trage“, sagte er, „glaube ich manchmal, noch die Zehen bewegen zu können. Das ist nun mal so. Laß dir auch ein Bein absägen, dann glaubst du mir hoffentlich.“
„Ich bin doch nicht verrückt“, erklärte Shane.
Scheinbar abrupt wechselte Old Donegal das Thema. „Spürst du mitunter Kopfschmerzen?“ fragte er. „Wenn das Wetter umschlägt, meine ich.“
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