Die Galeone hatte mit Sicherheit noch keinen so großen Vorsprung herausgesegelt, als daß sie nicht innerhalb kurzer Zeit hätten aufschließen können. Erst nach seinem Kommando „klar zum Wenden!“ ließ Hasard die Laterne löschen. In völliger Dunkelheit drehte der Dreimaster mit dem Bug durch den Wind und lief dann nahezu exakt auf Südkurs. Die Arwenacks beherrschten das Manöver noch besser als die Spanier, bei ihnen war nicht einen Moment lang Zögern zu erkennen.
„Klar Deck überall!“
Das Tauwerk wurde belegt und aufgeschossen. Mit Steuerbordhalsen und vorlichem Wind folgte die Schebecke der längst von der Nacht verschluckten Galeone.
Dan O’Flynns Platz war jetzt auf der Back, dicht neben dem Fockmast. Unablässig blickte er durchs Spektiv und suchte die Dunkelheit nach einer Spur der Verfolgten ab.
Es gab keine klare Trennlinie zwischen Himmel und Meer. Wasser und Wolken verschmolzen miteinander zu einer Einheit, nur aufwirbelnde Gischtschwaden oder verfließende Schaumkronen zeigen manchmal einen sehr nahen Horizont. Der Atlantik hatte sich noch längst nicht beruhigt.
Stärker als zuvor krängte die Schebecke. Manche Wellen waren so hoch, daß sie schäumend vor dem Bug aufstiegen und sich tosend über die Back auf die Kuhl ergossen. Dan O’Flynn achtete kaum darauf, daß er sehr schnell durchnäßt war und der Wind sich eisig durch seine Kleidung fraß.
Unvermittelt stand Hasard neben ihm.
„Geh nach achtern, Dan, und wärme dich auf.“
„Nicht jetzt.“ Old Donegals Sohn blies etliche Wassertropfen von der vorderen Linse des Spektivs und widmete seine Aufmerksamkeit erneut der undurchdringlich scheinenden Schwärze der Nacht. „Ich denke, wir müssen die Spanier bald sehen.“
Hasard zog Dan an der Schulter zu sich herum.
„Was ich sagte, war ein Befehl.“
„Aye, Sir!“ murmelte Dan wenig erbaut.
Hasard blickte ihm kurz hinterher, dann übernahm er den Beobachtungsposten. Es war alles andere als angenehm, auf der Back den hochsteigenden Brechern und dem schneidenden Wind zu trotzen und dabei das unregelmäßige Stampfen und Schlingern des Schiffes so auszugleichen, daß das Spektiv möglichst ruhig auf einen Punkt gerichtet blieb. Zudem trieb ungewöhnlich viel Tang in der aufgewühlten See, der an Deck zurückblieb und die Planken schnell glitschig werden ließ.
Einmal glaubte Hasard, einen Schatten aus der Dunkelheit auftauchen zu sehen. Nicht mehr als höchstens zwanzig Yards entfernt. Doch als er sich darauf konzentrierte, liefen die ohnehin nur vagen Konturen vor seinen Augen auseinander. Er hatte sich das Schiffsheck nur eingebildet.
Vielleicht segelte die Schebecke einige hundert Yards an der „Nuestra Señora de lagrimas“ vorbei, ohne daß jemand aufmerksam wurde. Falls Chinchilla nicht den geraden Kurs wählte, sondern es vorzog, zunächst zur französischen Küste hin abzufallen, würde auch eine intensivere Suche im Morgengrauen kaum den erhofften Erfolg bringen.
Dan O’Flynn kehrte schon wieder zurück. Er hatte lediglich die Kleidung gewechselt und trug jetzt festeres Zeug, durch das die Nässe nicht mehr so leicht hindurchdrang.
„Der Ärger geht erst los!“ prophezeite Old Donegal auf der Kuhl. „Wegen eines solchen Affenarsches müssen wir den Konvoi verlassen.“
„Reg dich nicht auf, Admiral!“ rief der Profos mit mühsam gedämpfter Stimme. „Das schadet der guten Verdauung. Außerdem sind die ‚Isabella‘ und die ‚Wappen von Kolberg‘ auch noch da. Oder traust du den Kerls überhaupt nichts zu?“
Old O’Flynns Antwort hörte Hasard nicht mehr, weil Dan ihn in dem Moment anstieß und nach Backbord voraus deutete.
„Da!“ raunte er. „Ein Schatten. Schätzungsweise fünfhundert Yards Distanz.“
Hasard sah nichts. Wieder einmal bewahrheitete sich, daß Dan Augen wie ein Falke hatte.
„Es ist die Schatzgaleone.“ Dan O’Flynn verriet nicht, woran er das erkannte. Wahrscheinlich zog er seine Schlüsse aus der Tatsache, daß das Schiff ohne Licht segelte.
„Ruder ein Strich Backbord!“ rief der Seewolf halblaut zur Kuhl hinunter. Der Befehl wurde weitergegeben.
Das Knarren der Rahruten, das Singen der Pardunen und das monotone Rauschen der Bugwelle veränderten sich nur wenig. Langsam schwenkte die Schebecke herum.
„Gut so!“ rief Dan.
Hasard sah die „Nuestra Señora de lagrimas“ noch immer nicht. Aber dann entdeckte er den fahlen Schimmer einer sich verlaufenden Hecksee. Allerdings fand er den feinen Schaumstreifen nur, weil er wußte, wo er danach suchen mußte.
„Ausgezeichnet!“ lobte er. „Wir gehen bis auf Tuchfühlung ran.“
„Soll ich den Rudergänger einweisen?“
„Genau das wollte ich eben anordnen, Dan. Chinchilla soll der Schreck in alle Glieder fahren, daß er ihn so schnell nicht mehr vergißt.“
Die „Nuestra Señora de lagrimas“ lief mit gutem Wind südwärts. Nach und nach verschwanden die Lichter des Konvois achteraus in der Nacht.
Je mehr Zeit verstrich, desto ruhiger wurde Capitán Chinchilla. Don Julio de Vilches und seine Mannschaften waren auch nur Menschen mit allen Fehlern und Schwächen. Wahrscheinlich würde sich der Sonderbeauftragte in den Hintern beißen, wenn er bei den ersten Sonnenstrahlen feststellte, daß eine der Schatzgaleonen fehlte.
Alvaro Chinchilla bedauerte nur, daß er nicht dabeisein konnte, um diesen Anblick zu genießen. Wenn sich nun noch herausstellte, daß de Vilches auf eigene Faust handelte und ein Schwindler und Betrüger war …
Der Capitán stutzte. Irgend etwas hatte seine Aufmerksamkeit geweckt, nur wußte er nicht zu sagen, was.
Ein Geräusch.
Er lauschte aufmerksam, aber vergeblich. Da waren nur das Singen des Windes in Stagen, Wanten und Pardunen, das leise Knistern der Segel und das Ächzen und Stöhnen des Schiffsrumpfs, sobald er sich in ein Wellental senkte und dabei noch weiter überholte. Die „Nuestra Señora de lagrimas“ war ein gutes Schiff, das schon manchen Sturm schadlos überstanden hatte, selbst wenn andere, leichter beladene Galeonen dabei zu den Fischen gingen.
Zufrieden klopfte Chinchilla mit der flachen Hand auf die Brüstung der Achterdecksverschanzung. Die „Señora“ war treuer und anspruchsloser als alle Frauen, die er an Land kennengelernt hatte.
Sie teilte alles mit ihm, Freude und Trauer ebenso wie Hunger und Überfluß, sie gab ihm ein Zuhause, in dem er sich wohlfühlte, und er sorgte dafür, daß ihre Plankennähte stets dicht waren und der Rumpf frei von Muscheln und anderem Bewuchs.
Unwillkürlich kniff Chinchilla die Brauen zusammen. Sein Blick wanderte über die schäumende Hecksee, glitt tiefer in die Dunkelheit und weiter nach Backbord. Die gischtende Woge, die dort scheinbar mit der „Señora“ mitlief, hatte seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Diese Woge schien sich zu teilen, als würde sie gegen ein verborgenes Riff gedrückt.
Nur gab es eben keine Felsen, die achterlich einem Schiff folgten.
Im selben Moment wußte der Kapitän, daß seine Hoffnungen trogen. Julio de Vilches segelte keine halbe Kabellänge hinter ihm.
Die Folgen konnte er sich an den Fingern einer Hand abzählen.
„Nicht mit mir!“ stieß er gepreßt zwischen den Zähnen hervor. „Das Gold der ‚Señora‘ wurde noch nie nach Irland verfrachtet, und das wird es auch diesmal nicht.“
Er peilte nochmals an der Hecklaterne vorbei in die Nacht. Die gischtende Woge, die er für die Bugwelle der Schebecke hielt, war noch da. Sie schien sich sogar ein Stück genähert zu haben.
Alvaro Chinchilla hastete nach vorn zur Kuhl.
„Bereit zum Anluven!“ befahl er mit halblauter Stimme. „De Vilches segelt auf kurze Distanz hinter uns.“
Die Männer reagierten unterschiedlich. Einige stöhnten unterdrückt, andere murrten oder ergingen sich in Verwünschungen. Jemand rief, daß es sinnlos und verrückt sei, sich gegen de Vilches aufzulehnen. Chinchilla erkannte die Stimme nicht.
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