„Wissen wir nicht, stimmt. Gleich wissen wir es.“
Zwischen den Galeonen öffnete sich jetzt, als die „Salvador“ und die „Honestidad“ nach Steuerbord segelten, größere Abstände. Die Inselchen und das südliche Kap waren zu sehen. Zwischen der „Patricia“ und der „Santa Helena“ zeichnete sich deutlich eine dreimastige Galeone ab, ein mittelgroßes Schiff, reichlich mitgenommen von Wind, Wetter und Wasser. Mindestens zwei Dutzend Culverinen reckten ihre Rohre durch die weit geöffneten Stückpforten. Wimpel und Flaggen bewiesen, daß es ein spanisches Schiff war.
Längst hatten Ben, Dan und Hasard die Spektive hochgenommen und musterten das Schiff.
An Deck und auch hinter den Geschützen bewegten sich, ohne Aufregung, spanischen Seesoldaten. Sie schienen nicht in Gefechtsbereitschaft zu sein.
„Harmlos – bis jetzt“, sagte Hasard.
Die Seeleute aller Schiffe winkten der einlaufenden Galeone freundlich zu. Die Spanier auf dem Kriegsschiff winkten zurück und riefen Scherzworte und Fragen. Hasard ließ entspannt seine Schultern nach vorn sinken.
„Jedenfalls jagen sie nicht uns“, meinte Ben Brighton.
Dan O’Flynn hob die Hand und sagte: „Sie werden in Vigo anlegen. Dann sucht sie dieser fanatische Mönch auf und beschwört sie, uns zu verfolgen. Früher oder später segeln sie hinter uns her.“
Hasard nickte nach einigen Atemzügen und antwortete: „Damit kannst du, leider, verdammt recht haben. Damit müssen wir rechnen. Aber erst mal sind wir in Sicherheit. Mag sein, daß die ‚Aragon‘ auch unseren Konvoi getroffen hat.“
Die großen Lettern waren nur durch die Linsen der Kieker zu lesen gewesen. Die „Aragon“ passierte den felsigen Vorsprung zwischen den Stränden und entfernte sich in Richtung des trichterförmig zulaufenden Buchtendes. Von Vigos Häusern waren jetzt nur noch die Rauchsäulen, der Kirchturm und das Castillo zu sehen.
„Sehr viel würden sie dann aber nicht erfahren haben“, sagte Ben Brighton.
„Also, meine Freunde“, erklärte der Seewolf und grinste breit. „Unser Trick ist gelungen. Wir haben, was wir brauchten, und bis Irland wird der Proviant jetzt für alle reichen. Wenn wir auf See auch noch die anderen Schiffe versorgt haben, ist der Weg zunächst frei.“
„Der Konvoi segelte weiter“, bemerkte Ben Brighton. „Als wäre nichts geschehen.“
„So ungefähr stelle ich es mir vor“, sagte Hasard und nickte. „Wir müssen nur darauf achten, daß uns die ‚Aragon‘ nicht einen dicken Strich durch unsere feine Rechnung zieht.“
„Wenn sie es nicht ist, dann sind es andere Schiffe. Zwischen Vigo und England kann noch verdammt viel passieren“, sagte Dan O’Flynn.
Die Schiffe hatten den freien Atlantik erreicht. Es änderte sich außer der Höhe der Wellen nichts. Die beiden kleinen Kaps der Einfahrt wurden kleiner, die Kimm war leer. Mit der „Salvador“ an der Spitze und der Schebecke in Luv bildeten die Galeonen eine nicht sehr auseinandergezogene Linie. Der Kurs war vorgegeben: klar Nord.
Hasard ging unter Deck und legte sich für ein paar Stunden in seine Koje. Er war weit davon entfernt, dem Frieden und der Ruhe zu trauen. Er ahnte künftige Schwierigkeiten und hoffte, daß sie klein waren und er und seine Freunde sie besiegen konnten.
An Steuerbord versanken die Küstenlinien von Muros, Cabo Finisterre und Corcubien hinter der Kimm. Der kräftige Wind, der hin und wieder noch mehr aufbriste, trieb das halbe Dutzend schwer beladener Schiffe schnell nach Norden. Noch vor der Abenddämmerung näherten sich die Schebecke und die Galeonen dem kleinen Verband.
Die Galeonen im Gefolge der „Salvador“ holten schnell auf. Das Flaggschiff versuchte, an der „Santos los Reyes Mayos“ längsseits heranzusegeln. Die „Honestidad“ näherte sich der „Reputación“. Von der Schebecke wurden Signale an die „Wappen“ und an die „Isabella“ gegeben. Die langen Dünungswellen des Atlantiks ließen die Schiffe ihre Manöver meist einwandfrei ausführen.
Vor der Dämmerung legte sich der Starkwind vorübergehend. Das Umladen der Wasserfässer war der schwierigere Teil der Arbeit, denn die Säcke, Ballen, Körbe und Kisten pendelten am Geschirr der Rahen weit von Bord zu Bord.
Hasard beendete sein Essen und sagte, satt und zufrieden: „Es hat sich also auch für uns gelohnt, ein paar Nahrungsmittel zu kaufen. Gut gekocht, Kutscher.“
Don Juan starrte in seinen leeren Becher und hielt ihn wortlos in die Richtung Mac Pellews.
„Dieser irre Mönch geht mir nicht aus dem Sinn“, sagte der Spanier. „Ich bin sicher, daß er sich für die Demütigung rächen wird.“
„Was kann er tun, Dad?“ fragte Hasard junior. „Die Galeone, nicht wahr?“
„Natürlich, nichts anderes. Er wird ihnen erzählen, daß sich Spione der Engländer oder was weiß ich auf unserem Schiff verstecken“, brummte Ben Brighton. „Außerdem gibt’s reitende Boten.“
Ed Carberry hob die breiten Schultern.
„Ob uns die Affenärsche die Landung in Santander glauben?“ fragte er in die Runde.
„Wer weiß?“ antwortete der Seewolf. „Ich denke, er glaubt es uns. Schon jetzt sind Boten nach Santander unterwegs, das wette ich.“
Seltsamerweise hatte sich das Mißtrauen des Inquisitionsmönches nur auf die Schebecke gerichtet. An den fünf Galeonen schien er nichts Bemerkenswertes gefunden zu haben. Jetzt hatten sie genügend Zeit und Ruhe, über die vergangenen Stunden seit der Morgendämmerung nachzudenken.
Vor der Inquisition hatten die Spanier, jung und alt, eine furchtbare Angst, denn jede unbedachte Äußerung, jede Kleinigkeit konnte als Abfall vom wahren Glauben gelten, wenn es jemanden gab, der die Frau oder den Mann anzeigte. Dadurch erhielt selbst ein einfacher Mönch eine Macht, die gemessen an seinem Rang, immens war.
Daß jedes spanische Schiff ein englisches jagen würde, das so frech gewesen war, in Vigos Hafen einzulaufen, das war allen Seewölfen klar.
Auf ihrer Insel hätten die Schiffe der königlichen Flotte nicht anders handeln können.
„Vergessen wir Santander“, meinte Dan O’Flynn nach einer Weile. „Erstens liegt es weit im Osten, zweitens braucht der Bote dorthin eine längere Zeit, und drittens sind wir bei diesem herrlichen Wind längst querab von Brest, wenn sich ein Schiff aus Santander mit halbem Wind herausgekämpft haben sollte. Von einer Flotte in Santander droht uns keine Gefahr.“
„Also vergessen wir Santander“, sagte Philip junior.
„Aber nicht die Kriegsgaleone. Ich wette, der Kerl sitzt schon in der Kapitänskammer und jammert dem Kapitän vor, welche Beute ihm entgeht. Ich sage dir, die sind hinter uns her, Söhnchen.“
Old Donegal klopfte auf sein Holzbein und hob immer wieder den Kopf über das Schanzkleid der Kuhl. Erst zwei Schiffe hatten das Lademanöver beendet. Offensichtlich ohne Ramming oder größere Schäden, denn die „Salvador“ segelte sich aus dem Pulk frei und folgte Arne von Manteuffels Schiff.
„Sollen sie ruhig antanzen“, sagte der Seewolf. „Eine einzelne Galeone fürchten wir nicht.“
„Aber wir sollten nicht glauben“, warnte Dan, „daß außer dieser Galeone, der ‚Aragon‘, kein anderes Schiff vor der Küste kreuzt. Und damit meine ich nicht die Fischerboote.“
„Glaube ich auch nicht“, erwiderte Hasard. „Wenn sie da sind, werden wir sie sehen.“
Die Freiwache leerte ihre Becher und verholte unter Deck. Pete Ballie zündete den Docht der Hecklaterne an. Die Schebecke legte leicht nach Steuerbord über, stampfte in den Wellen, und Wasser gischtete an Deck. Auch die Spanier hatten Lichter gesetzt und segelten vor der Kulisse dunkler Wolken nach Norden. Nicht ein einziges Mal hatte sich an diesem Nachmittag die Sonne blicken lassen.
Von der Back und vom Grätingsdeck aus suchten Hasard und Dan O’Flynn die Kimm ringsum ab.
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