Auf Jean Ribault konnten sie sich verlassen. Er hob den Arm, ballte die Hand zur Faust und rief: „Wenn die Dons aufkreuzen, lassen wir uns zurückfallen und schießen sie in Trümmer. Einverstanden, Sir?“
„Einverstanden, Jean. Zielt gut, verstanden?“
„Besser als ihr auf alle Fälle.“
Die Schebecke scherte wieder nach Backbord aus. Die „Isabella“ stampfte weiter, und Hasard verließ den zugigen Platz auf dem Grätingsdeck. Als er auf dem Niedergang saß, erschien Al Conroy, der alles mitgehört hatte. Daß er und seine Geschütze gebraucht wurden, war ihm spätestens nach dem Blick auf die Verfolger klar.
„In einer Viertelstunde sind wir feuerbereit, Sir“, sagte er knapp. „Wie gut, daß wir immer für genug Pulver und Kugeln gesorgt haben.“
Hasard sah hinüber zu den Galeonen. Noch immer war der Atlantik von grellen Sonnenstrahlen überflutet.
„Laß dir Zeit, Al“, erwiderte er ruhig. „Wir werden ihren Angriff sehr schnell und kurz abwehren. Wie immer bisher.“
„Aye, Sir“, brummte Al und packte die Leine, mit der die Persenning über das achterliche Geschütz verzurrt war. „Wie immer.“
Hasard stemmte die Fäuste in die Seiten und überlegte, was wohl die spanischen Kapitäne der neun Galeonen dachten, wenn sie die ‚Aragon‘ und ihre drei Begleitschiffe sahen. Hielten sie die Verfolger für eine Gefährdung? Daß Don Ricardo und die Kapitäne seine Geschichte vom Geheimauftrag nicht mehr lange glauben würden, stand für ihn auch fest. In wenigen Tagen, schätzte er, würden sich hier noch größere Schwierigkeiten auftun.
Der nächste Blick auf die friedlich dahinsegelnden Schiffe überzeugte ihn, daß dieser Zeitpunkt noch einige Tage auf sich warten lassen würde. Aber er durfte die Klugheit und vor allem das Mißtrauen der Dons nicht unterschätzen.
Mit dem Anlaufen Vigos hatte er viele zweifelnde Gedanken wegwischen können. Aber nichts war so hartnäckig wie das Mißtrauen. Und es würde wachsen, je weiter nördlich der Konvoi segelte.
Die Schebecke schob sich auf die „Wappen von Kolberg“ zu, und Hasard rief Arne von Manteuffel an, um ihn zu informieren.
Stunde um Stunde, verging. Drei Stunden nach Sonnenaufgang erlosch das grelle Licht der Wintersonne wieder. Dicke, graue und schwarze Wolken, aus denen an der Kimm breite Regenbänder niederrauschten, trieben tief über den Atlantik. Der Wind drehte, wehte böig aus Süd und später aus Südost, aus der Biscaya. Aber er wurde nicht schwächer und trieb die drei Karavellen und mit wenig Abstand die „Aragon“ auf das letzte Schiff des Konvois zu.
Die Formation hatte sich geändert. Hasard und seine Freunde segelten querab der letzten Schatzgaleone, der „Concordia“.
„Noch eine Stunde, schätze ich“, meinte Dan O’Flynn halblaut. „Und sie kommen nicht in friedlicher Absicht.“
„Ich weiß“, sagte der Seewolf grimmig.
Ununterbrochen hatten sie alle die schnellen, schnittigen Karavellen beobachtet. Während an Bord der Schebecke und der „Isabella“ die Vorbereitungen für einen Kampf ruhig und besonnen vor sich gingen, hasteten auf den Decks der Verfolgerschiffe die Seeleute und Seesoldaten herum. Die Geschütze waren allesamt ausgerannt worden. Die Spanier schienen keineswegs lange Verhandlungen zu beabsichtigen.
Sie wollten die Schebecke!
Hasard fragte sich, wie stark die Überzeugungskraft des Mönches sein mochte – oder die Furcht der Kapitäne vor der mächtigen Inquisition, wenn ein Befehl des Tribunals nicht befolgt wurde. Was sie auch bewegen mochte, die Dons, sie segelten in breiter Linie auf die Schebecke zu und waren feuerbereit.
Die Crew war bereit und peilte gespannt zur nächsten Karavelle hinüber. Überall standen Pützen voller Wasser und nassem Sand. Die Lunten steckten unangezündet in den Behältern, in denen die kleinen Laternen brannten. Al Conroy hantierte mit Richtscheit und Keilen und versuchte, seine Rohre zuverlässig auszurichten. Pete Ballie, der Gefechtsrudergänger, hatte seinen Vorgänger vor einer halben Stunde abgelöst und hielt die Pinne gepackt.
Al Conroy hatte zwei seiner Brandsätze an Deck gebracht und bewegte unruhig Kopf und Schultern. Noch war die Entfernung zu groß für gutgezielte Schüsse.
„Wir warten auf den ersten Schuß der Dons!“ rief Hasard zum zweitenmal. „Don Ricardo und seine Freunde müssen sehen, daß wir uns verteidigen. Es wird ihn überzeugen, daß diese Spanier die falschen Spanier sind, nämlich Kaperer.“
„Aye, aye, Sir.“
Fast alle Seewölfe saßen oder standen an Deck. Zwar befürchtete keiner einen Versuch der Dons, die Schebecke zu entern, aber die Waffen waren bereit. Niemand redete laut, mühsam unterdrückte Spannung hatte sich ausgebreitet. Selbst Plymmie und der Schimpanse hatten sich unter Deck in ihre Ecken verkrochen und spürten die Unruhe.
Matt Davies sagte halb anerkennend, halb zuversichtlich: „Die Dons versuchen das gleiche wie wir, Sir.“
Eine Karavelle war um zwei, drei Kabellängen zurückgefallen. Die beiden anderen holten an Backbord und Steuerbord auf. Sie wollten die Schebecke von beiden Seiten unter Feuer nehmen. Jean Ribault, der an Steuerbord voraus segelte, lehnte mit beiden Armen auf dem Schanzkleid und beobachtete das Manöver mit bloßem Auge. Hasard verließ sich auf ihn, aber seine Spannung wurde nicht geringer.
Pete Ballie rief Hasard an. „Zuerst die Karavelle an Backbord, Sir?“
„Ich denke, so ist es besser“, stimmte ihm Hasard zu. „Auf der anderen Seite sind wir gedeckt.“
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Karavellen nahe genug heran waren. Ihre Geschütze konnten nur geringfügig auf den Lafetten bewegt werden. Sie konnten nur Breitseiten im rechten Winkel abfeuern, vielleicht einen Strich mehr oder weniger schräg indem sie die schweren Brocken herumwuchteten.
Al Conroy zündete seine Lunte an. Seine kleine Crew duckte sich hinter dem Schanzkleid. Die Arwenacks an den Schoten warteten ebenso auf Hasards Befehl wie der Rudergänger.
„Achtung!“ rief Hasard. „Abfallen, Pete! Die Segel …“
Pete Ballie legte das Ruder Backbord. Die Schoten erhielten Lose, während sich die Schebecke nach Steuerbord überlegte. Als die Masten wieder annähernd senkrecht standen, handelte der Spanier. Ein Schrei tönte über das Wasser, dann zuckten zwei lange Feuerzungen fast gleichzeitig aus den Mündungen der Geschütze. Rauch wallte auf, zwei scharfe Explosionen und das Heulen der Geschosse erschütterten die Luft.
Wenige Fuß vor der Bordwand stieg eine weiße Fontäne höher als der Großmast in den Himmel. Das zweite Geschoß kreischte in Mannshöhe über Deck und schlug zwischen der Schebecke und der „Isabella“ ins Meer.
Der Stückmeister berührte mit der rauchenden, funkensprühenden Lunte die Zündlöcher. Er hastete von einer Culverine zur nächsten, vom Heck in die Richtung zum Bug.
Das erste Geschütz spie seine Ladung mit ohrenbetäubendem Schmettern zum Gegner hinüber.
Der graue Pulverdampf schwächte die zweite Detonation nicht ab. Eine spitze Flammenzunge fuhr aus dem langen Bronzerohr. Noch während sich die Arwenacks duckten, zündete Al Conroy das dritte Geschütz.
Auch Pete Ballie schaute hinüber zur Karavelle.
Ein, zwei Herzschläge nach dem Geschützdonner erschienen im Schanzkleid, in den Planken, im Rigg und den Masten die Wirkungen der Einschläge. Das vierte Geschoß aus Al Conroys Culverinen schlug so dicht an der Bordwand ins Wasser, daß jeder glauben mußte, die Planken unterhalb der Wasserlinie müßten aufgerissen sein. Träge trieben die gewaltigen Rauchwolken zum Bug und nach Norden, dorthin, wohin sich der Bugspriet nach dem nächsten Manöver ausrichtete.
„Gut so! Zurück auf den alten Kurs!“ schrie Hasard.
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