Die Galeone wurde langsam an die Stelle gezogen, an der die Schebecke vertäut gewesen war. Die Galeone verholte nur mit Hilfe der Festmacher, die an Bord um die Poller liefen und von vielen kräftigen Seemannsfäusten gehalten wurden.
Der Mönch sah aus, als wäre seine Welt untergegangen.
Hasard packte die Hand des Gouverneurs, schüttelte sie überschwenglich und sagte: „Wir müssen an Bord. Schließlich werden wir noch gebraucht.“
Dem Mönch hatte es vorübergehend die Sprache verschlagen. Don Jaime und der Stadtgeistliche schauten recht zufrieden drein. Aufgeregt trat der Inquisitor von einem Fuß auf den anderen. Er kochte vor Wut, aber er merkte, daß er sich mit jedem weiteren Wort unglaubwürdig und lächerlich gemacht hätte. Offensichtlich fürchtete er sich davor mehr als vor dem Tadel seiner Vorgesetzten, die natürlich sehr weit von seinem jetzigen Standort entfernt waren.
„He, Capitán general!“ schrie jemand von der Kampanje der „Concordia“. „Wir legen ab! Wollen Sie hinterher schwimmen?“
„Wir kommen!“ schrie Don Juan zurück.
„Ein paar Minuten!“ rief Hasard. Er wandte sich an den Gouverneur. „Wir müssen an Bord. Es eilt. Philipp der Dritte würde uns niemals verzeihen, wenn wir weiterhin hier nutzlos miteinander palavern. Señores!“
Er zog wieder seinen Hut, schwenkte ihn, schaute jedem der Beteiligten tief in die Augen und entdeckte den kalten, erbarmungslosen Haß des Mönches.
Dann, nachdem sich auch Don Juan auf seine höfliche Weise verabschiedet hatte, wandten sich Hasard und Don Juan um und liefen auf den Punkt zwischen Kai und Steg zu, an dem das Heck des letzten Schiffes, der „Concordia“, nach einem vorsichtigen Manöver anlegen würde.
Hinter ihnen blieben der Gouverneur und Don Ginestra zurück, die mit dem Ausgang dieser Auseinandersetzung mehr als zufrieden waren, und der Mönch, der mit unumstößlicher Sicherheit wußte, daß er betrogen worden war.
Als Don Juan und Hasard über die achterlichen Rüsten an Bord geklettert und über die Niedergänge auf die Kampanje geentert waren, schwenkte die kleine Galeone nach Backbord und driftete den anderen Schiffen hinterher.
Noch immer hielt sich die Schebecke an Steuerbord.
Die Arwenacks hatten die großen Dreieckssegel bereit, aber bis auf die Fock noch nicht gesetzt.
Ben Brighton wartete ab, wie sich die Dinge entwickelten. Er sah zu, wie Don Juan und der Seewolf an Deck der „Concordia“ enterten. Er wechselte einen langen Blick mit Al Conroy und hob die Hände, auch er wußte nicht, was zu tun war.
Aber alles, was sie tun konnten – es würde an dem, was in der Folgezeit im Hafen passierte, nicht mehr viel ändern können.
Als das Heck der „Concordia“ die Schebecke passierte, beugte sich Hasard über das Schanzkleid und rief zu Ben und seinen Mannen hinunter: „Ihr bleibt in unserem Kielwasser, bis wir bei den Inseln sind. Wir kommen an Bord, so bald es geht. Klar?“
„Verstanden, Capitán.“ Der Erste winkte vom Grätingsdeck.
Auf der Schebecke wurden die Segel gesetzt. Don Juan und Hasard drehten sich um und sahen die Personen im Hafen kleiner werden, sahen die Häuser vorbeiziehen und schließlich das Castillo zurückbleiben. Gleichzeitig atmeten sie tief durch.
Der Mönch gestikulierte noch immer wie wild herum, er schien sich jetzt mit dem Gouverneur zu streiten. In einer langen Linie segelten die Galeonen, und hinter ihnen die Schebecke. Nicht ein Schuß war gefallen, und es gab genug Proviant.
„Das war’s, Juan“, flüsterte Hasard. „Wieder einmal haben wir den Dons die lange Nase gezeigt. Irgendwann werden sie erfahren, welche Schiffe sie wirklich verproviantiert haben.“
„Wir sollten es ihnen sagen“, meinte Don Juan. „Vielleicht, wenn wir in Santander sind, eh?“
Sie lachten und sahen zu, wie auf den Galeonen sämtliche Segel getrimmt wurden. Auch die Dreieckssegel der Schebecke entfalteten sich. Überall arbeiteten die Seeleute. An Deck standen oder lagen, sorgfältig festgezurrt, die gefüllten Wasserfässer. Einige Minuten lang genossen Don Juan und der Seewolf die Ruhe und ihren Erfolg. Die Übergabe des Proviants würde sie auf hoher See noch einige Stunden aufhalten, aber dann stand nichts mehr der Reise nach England im Weg.
Die „Salvador“ erreichte die Sperre der Inselchen vor der Ria und rammte ihren Bug in die anrollenden Atlantikwellen. Ein Fischerboot wurde an Backbord in die Richtung des Hafens gepullt. Die Fischer winkten und riefen unverständliche Worte zu den Spaniern hinauf.
„Was wollen sie uns sagen?“ fragte der Seewolf, ging zum Backbordschanzkleid und beobachtete das sich nähernde Boot. Die Fischer wirkten sehr aufgeregt.
Jetzt verstand Hasard, wenn auch nur undeutlich, was die Fischer aus Vigo schrien.
„Eine Galeone! Voller Geschütze! Eine spanische Kriegsgaleone!“
„Das hat uns gerade noch gefehlt“, flüsterte Hasard und fühlte eine kalte Schwäche in den Knien. Auch Don Juan hatte die Worte verstanden und schaute ihm in die Augen.
„Zur Schebecke“, stieß er hervor.
„Sofort.“
Sie waren mit ein paar Sätzen wieder am Steuerbordschanzkleid. Die Schebecke segelte eineinhalb Kabellängen hinter ihnen. Sie hielt sich weiterhin an Steuerbord des Fahrwassers.
Dan O’Flynn stand auf der Back und blickte zur Heckgalerie der Galeone hinauf.
„Señor Danilo!“ schrie Hasard. „Segelt heran! Näher! Wir müssen an Bord!“
„Verstanden, Capitán!“
Hasard und Don Juan packten zwei Taue und lösten die Belegknoten. Der Erste trat auf sie zu und verstand, was sie vorhatten.
Hasard schüttelte seine Hand und rief: „Muchas gracias! Adios!“
Die Schebecke schob sich Fuß um Fuß näher. Ihr Bugspriet tanzte langsam auf und ab, Dan und Philip junior bereiteten sich darauf vor, die Tauenden aufzunehmen. Noch waren die Bordwände mehr als fünfzehn Fuß voneinander entfernt. Hasard und Don Juan hielten sich mit beiden Händen am Tau fest und schwangen sich auf den Handlauf des Schanzkleides. Sie warteten ungeduldig und sahen von ihrem schwankenden Standort, daß das Fischerboot weit hinter der Schebecke weiterpullte. „Los. Wir entern auf die Back ab.“
„In Ordnung, Ha… Capitán.“
Hasard winkte. Der Rudergänger legte das Ruder hart nach Backbord, und der Bug der Schebecke glitt, auf und nieder schwankend, auf die Höhe der Rüsten des Besanmastes.
„Abentern.“
Sie schwangen sich nach außenbords, stemmten ihre Sohlen gegen die Planken, hangelten sich am Tau abwärts und landeten nach einem pendelnden Sprung auf der Back. Sie schleuderten die Enden des Taues zum Schiff hinauf und sprangen auf die Kuhl.
„Da kommt eine spanische Kriegsgaleone durch die Ria“, sagte Hasard drängend. „Es kann sein, daß sie nur Wasser braucht oder auf Besuch einläuft oder sonstwas. Aber wir wissen es nicht. Vielleicht suchen sie uns.“
„Dann würden wir jetzt schon etwas davon bemerken“, erklärte Dan O’Flynn. „Wir sehen sie jedenfalls nicht.“
Die lange Reihe der Galeonen, die an Steuerbord des Fahrwassers nach Südwesten segelten, verdeckte die Aussicht auf die Kimm und die Inseln. Von der Schebecke und dem letzten Schiff aus konnte man nur die beiden Ufer erkennen, die sich öffneten wie auseinandergespreizte Finger. Der Wind wehte mit der bisherigen Stärke, und noch immer trieben Wolken vom Land seewärts.
Al Conroy schob sich am Schanzkleid näher und sagte kurz: „Alles bereit, Sir. Soll ich ausrennen lassen?“
„Nein. Warte. Wahrscheinlich ist das eine harmlose Begegnung. Woher sollte jemand wissen, daß wir in Vigo Proviant aufgenommen haben?“
„Wir wissen nicht, was auf See, bei dem Konvoi, geschehen ist.“
Hasard nickte Ben zu. Ihm war derselbe Gedanke eingefallen.
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