Aber es gingen Ängste um an Spaniens Küsten, und nicht nur vor den Engländern. Man munkelte, daß Spione an Land setzten und versuchten, die Stärke der Schiffe und deren Anzahl zu melden, und wären es nur angeworbene Söldner, die mit den Wassergeusen in Verbindung standen.
Für jeden Spion waren sechs schwerbeladene Schiffe in geheimem Auftrag, die ausgerechnet Vigo anliefen, eine Herausforderung.
Darüber hinaus waren alle Seeleute gottlos und eine Schande für die Kirche – etwa diese Gedanken wirbelten durch den Kopf des Hernando Ferrer, des einunddreißigjährigen Priesters der Inquisition.
Er bildete sich viel auf seinen scharfen Blick ein, geschult in den Bibliotheken, in deren Büchern man viel zwischen den Zeilen lesen konnte. Das Schiff voller Spanier, die helle Augen und Langschädel hatten, war sein erklärtes Ziel. Irgend etwas stimmte nicht.
Was es war, konnte er sich nicht vorstellen. Aber sein geschliffener Verstand arbeitete mit der Intuition eines Mannes, der Abweichler vom Glauben jagte und ein scharfes Auge für ein seltsames Benehmen hatte.
Er hatte hartes Brot gegessen, den Wein mit Wasser verdünnt und in stillem Nachdenken gewartet, bis er nicht mehr vor Kälte schlotterte und sich in die zweite, trockene Kutte hüllen konnte. Dann suchte er den Pfarrer auf und zielte mit seinem langen Zeigefinger auf dessen Brust.
„Bruder im Amt“, sagte er kühl und selbstsicher, „jetzt mußt du mir helfen.“
Don Ginestra nickte schweigend.
„Ich hörte fremdländische Worte auf dem Schiff. Wenn ich nicht irre …“
„… und du hast noch nie geirrt, Bruder“, unterbrach der Geistliche.
Hernando nickte kurz und legte die Fingerspitzen beider Hände gegeneinander. Er sprach weiter: „Wenn ich nicht irre, dann hörte ich das verabscheuungswürdige Idiom der Engländer. Und überdies: wer hätte in unserer stolzen Flotte jemals ein solches Schiff gesehen? Piraten im Mittelmeer benutzen es, aber nicht wir, die Spanier.“
„Was kann ich tun, um aus Verdacht Gewißheit werden zu lassen?“ erkundigte sich Don Ginestra.
„Ich muß dieses Schiff durchsuchen. Ich weiß, daß unheilige Dinge dort versteckt sind. Ich habe diese Männer gesehen und gehört. Sie sind verabscheuungswürdige Schauspieler.“
„Beweise, Bruder?“ fragte Don Ginestra.
„Ich bringe sie, wenn ich das seltsame Schiff und seine Leute genau untersucht habe“, versicherte der Mönch. „Schicke einen Boten zum Castillo, Bruder.“
„Du brauchst Soldaten?“
„Die Macht des Gesetzes“, sagte Hernando und hob den Finger. „Sie lassen mich nicht an Bord, da es angeblich ein spanisches Schiff ist. Also muß ich den Zutritt erzwingen.“
Don Ginestra seufzte und klingelte dem Pfarrdiener. Er erteilte ihm den Auftrag, so schnell wie möglich den Hauptmann der Schloßwache aufzusuchen. Hernando Ferrer würde sich mit den Bewaffneten vor dem Schiff treffen.
„Es eilt!“ rief Don Ginestra dem Diener hinterher. „Trödle nicht wieder herum.“
Bisher war die Provinz Pontevedra, in der Vigo lag, von größeren Schicksalsschlägen durch Piraten und fremde Schiffe verschont geblieben. Und so sollte es nach Meinung des Gouverneurs, der Handelsherren und der Granden auch bleiben. Daß man keine eigenen Schiffe einsetzen konnte, um an der Küste einen Wachdienst auszurüsten, lag daran, daß die Staatskassen leer waren wie ein Flußtal im Hochsommer.
„Ich halte es für bedenklich“, fing der Geistliche wieder an, als er sich in seinen Mantel gewickelt und die Kopfbedeckung aufgesetzt hatte, „den Kapitän zu ärgern, der von der allerhöchsten Majestät einen geheimen Auftrag erhielt und ihn erfüllen muß. Fürchtest du nicht, Bruder, daß dein Vorgehen vielleicht ein Ärgernis bei Hofe hervorruft?“
„Die heilige Inquisition steht über dem weltlichen Gesetz“, sagte Hernando in einem Tonfall, der jeden Widerspruch ausschloß. Er folgte dem Geistlichen zur Tür.
„Sehen wir also nach“, murmelte Don Ginestra schicksalsergeben und voller Unwillen, „was die Inquisition auf diesem spanischen Schiff findet, das angeblich kein Spanier ist und von den Abgesandten des Bösen bemannt ist.“
Es hatte zu regnen aufgehört. Während Hernando Ferrer mit aufgeregten Schritten über das nasse Pflaster eilte, folgte ihm der ältere Geistliche ohne Eile. Er ahnte, daß es sich nicht so verhielt, wie sich das der übereifrige Vertreter des wahren Glaubens in seinem ausschließlichen Eifer vorstellte.
Durch die Klüse des Ankertaues war eine Trosse gefiert worden. Sie war im Heck des Fischerbootes belegt, hob und senkte sich, klatschte ins aufgewühlte Hafenwasser und schnellte wieder hoch, wenn sich die Fischer in die Riemen stemmten.
Am Heck der „Salvador“ fierten die spanischen Seeleute die Festmacher ab, deren Enden an den Heckklampen belegt waren. Handbreit um Handbreit schob sich das Schiff aus der engen Lücke zwischen Steinvorsprüngen und den entmasteten Galeonen hervor. Die Fischer pullten mit aller Kraft. Das Tau blieb gespannt, die Rahsegel der Galeone killten knatternd.
Am Kai hob Philip Hasard Killigrew den Kopf, holte tief Luft und rief zu Kapitän Don Ricardo hinauf: „Der Befehl lautet, daß Sie wieder die Spitze des Verbandes übernehmen, Don Ricardo!“ brüllte er. „Sie übergeben an die ‚Nuestra Señora de lagrimas‘ Wasser und Proviant. Kurs weiterhin Nord, Señor Capitán!“
„Ich habe verstanden!“ rief Don Ricardo zurück, während die „Salvador“ die achterlichen Leinen loswarf und einzog.
Die Fischer pullten, sie waren geradezu fürstlich bezahlt worden. Die ersten Händler, die nichts mehr zu verkaufen hatten, winkten zu den Seeleuten hinauf und schleppten ihre leeren Körbe zurück in ihre Läden und Magazine.
„Wir sehen uns in zwei Stunden wieder“, schloß Hasard und atmete auf.
In der Takelage und an Deck des Flaggschiffes arbeiteten die Kerle, und die Offiziere riefen die Befehle aus.
„Also“, sagte Don Juan mit hörbarer Zufriedenheit, „das erste Schiff ist auf dem Weg. Es kann nur noch besser werden.“
„Da denke ich anders“, knurrte der Seewolf. „Die wirklichen Schwierigkeiten nähern sich bereits. Zu Fuß, wieder mal.“
Mit lauten Befehlen trieben die Offiziere die letzten Seeleute aus den Schenken. Die Wirte standen in den Türen und schauten ihren schwankenden Besuchern nach.
„Der nasse Mönch erscheint zu spät“, stellte Don Juan fest.
„Trotzdem kümmern wir uns um ihn.“
Die Schebecke hatte ohne fremde Hilfe abgelegt. Die Seewölfe standen an Deck und pullten mit den langen Riemen. Sie hatten die Schebecke in tiefes Wasser gebracht, einen Pistolenschuß vom Ende des Hafens entfernt.
An dieser Stelle markierte ein leicht abfallender Strand aus Kies und Sand, mit Abfällen und Schmutz übersät, das Ende der Bucht. Zwischen der Masse aus zerbrochenem Holz, Tang und toten Fischen waren fünf kleine Boote weit an Land hochgezogen worden.
Dort standen in einem Halbkreis der Mönch, sein Begleiter und die Soldaten aus dem Fort. Auch der Gouverneur, der die Musketen, Blankwaffen und Pistolen ärgerlich beäugte, näherte sich der Wache. Hernando Ferrer zeigte zu der Schebecke, und seine Hand bewegte sich wütend.
„Er darf nicht an Bord, Hasard“, flüsterte Don Juan, während sie quer über ein Drittel der freien Fläche stapften.
„Nur über meine Leiche.“
Wenn es zu einem Kampf kam, würden die Geschütze des Castillo eingreifen. Die Seewölfe feuerten dann zurück, und das einzige Ergebnis würde ein Feuergefecht sein, bei dem womöglich die wertvollen Schiffe beschädigt wurden. Spanische Schiffe gegen eine spanische Festung? Hasard und Don Juan erkannten mühelos, daß durch das Eingreifen des Mönches der gesamte Plan scheitern konnte.
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