„Vergiß es“, murmelte der Spanier. „Das hat uns gerade noch gefehlt. Die Inquisition an Bord! Und sämtliche Papiere in einer Sprache, die uns verrät.“
„Das muß nicht sein“, erklärte der Kutscher.
Die Arwenacks verließen den Kai und den Steg und enterten an Deck der Schebecke. Der Rückzug ging lautlos und ohne Aufsehen vor sich. Aber Don Juan, der ruhelos um sich blickte, mußte erkennen, daß die Probleme noch lange nicht gelöst waren.
„Wie üblich“, sagte er leise wie im Selbstgespräch, „die Kapitäne tafeln, und dann sind ihre Kerle nicht schneller als Schnecken.“
Vom Castillo marschierte eine kleine Schar bewaffneter Spanier in Richtung auf den Hafen. Es würde vielleicht eine halbe Stunde dauern, bis sie auf der Plaza Mayor oder im Fischerviertel El Berbés anlangten.
Noch immer feilschten die Männer der Galeonen mit den Händlern, aber mittlerweile schienen alle Fässer wieder gefüllt und an Deck zu sein. Don Juan sah die letzten Gespanne, die leer aus der Hafengasse fuhren. Es roch verlockend nach Sardinen, Krabben und Muscheln, die auf den Rosten der Tabernas lagen.
Don Juan schluckte. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Er sah viele spanische Seeleute, die vor den Eingängen der Schenken standen und Becher in den Händen hielten. Immer wieder schleppten andere Spanier Proviant an Bord der Galeonen.
Schließlich befanden sich nur noch Don Juan, der Big Old Shane und Carberry außerhalb des Schiffes.
„Das dauert noch Stunden, bis die Dons dort drüben ihre Kähne klar haben“, meinte Carberry. „Sollen wir sie etwas aufmuntern?“
„Das schaffen wir nicht. Hoffentlich kehrt Hasard bald mit den anderen Kapitänen zurück“, sagte Big Old Shane. „Mir hängt dieses Spanierspielen zum Halse heraus.“
Er grinste Don Juan an und zuckte mit den Schultern.
Vom Kirchturm ertönten Glockenschläge. Zwei Stunden vor Mittag, zählte Don Juan. Die klamme Kälte war geblieben, ebenso der Wind und die schweren Wolken. Der Lärm der Ladevorgänge hallte von den vielen Hausfronten wider. Im kabbeligen Wasser zerrten alle Schiffe an ihren Vertäuungen.
Die bewaffneten Wächter wanderten, ohne irgendwo einzugreifen, im Hafengelände herum und unterhielten sich mit den Seeleuten. Am Rand der Kaianlagen stapelten sich leere und volle Behälter. Überall waren spanische Seeleute zu sehen, die sich gierig mit Essen vollstopften.
Der Lärm von vielen Gesprächen, Gelächter, gebrüllte Befehle und das Klirren von Flaschen und Bechern aus den offenen Türen erfüllte die gesamte Hafengegend. Er war lauter als die Glocke im Kirchturm.
„Wo bleibt Hasard? Es wird langsam brenzlig“, fragte sich Don Juan laut. „Und ich kann der ‚Salvador‘ nicht befehlen, augenblicklich die Leinen loszuwerfen und auszulaufen.“
„Die sind ohnehin lange noch nicht klar“, erwiderte Big Old Shane.
Die drei Seewölfe waren unschlüssig. Auf keinen Fall würde die Crew dem Abgesandten der Inquisition das Betreten der Schebecke gestatten. Don Juan ließ offene Ungeduld erkennen. Die Männer, die eben noch an den Geschützen des Castillo hantiert hatten, waren jetzt verschwunden. Auf den landeinwärts gelegenen Teil der Stadt prasselte ein kurzer Regenguß nieder. Es blieb trübe, ebenso wie die Stimmung der drei Seewölfe am Kai.
Das Essen und die Getränke, die Don Jaime La Roda aufgefahren hatte, waren der sichere Beweis dafür, daß er gut zu leben verstand. Er schien ein angenehmer Mann zu sein, der seine Arbeit mit möglichst wenig Aufwand betrieb. Die Kapitäne und die beiden Arwenacks waren satt, aber keineswegs zufrieden. Diesmal verständigten sich Ben Brighton und der Seewolf durch ein kurzes Nicken. Hasard stand auf und nahm den Becher hoch.
„Don Jaime“, sagte er feierlich, „wir alle bedanken uns für das köstliche Essen. Die heiteren Reden bei Tisch haben uns die Zeit vergessen lassen. Entschuldigen Sie uns. Wir müssen zurück, die Pflicht ruft. Die geheime Order, der wir folgen, duldet keinen Aufschub.“
Don Ricardo von der „Salvador“ betrachtete den Tisch, als wäre er noch längst nicht satt. Dann stand auch er zögernd auf.
Don Jaime schwenkte das Glas und rief durch den großen Raum: „Ich begleite Sie, Señores! Die tapferen Seeleute unserer Majestät sollen Vigo in guter Erinnerung behalten.“
„Schon jetzt spricht jeder begeistert von der Gastfreundschaft Vigos und seines Statthalters“, erklärte Ben Brighton ruhig. „Ich trinke auf Ihr besonderes Wohl, Don Jaime.“
Der Lärm in den engen Gassen, der durch die Fenster in den überheizten Raum drang, schien zu beweisen, daß der Proviant für die Schiffe angeliefert und an Deck gebracht wurde. Hasard war es ebenso wie Ben Brighton gelungen, bis jetzt die nagende Unruhe zu unterdrücken und so zu tun, als würden sie jede Minute im Kreis der Spanier genießen. Er war ziemlich sicher, daß die Seewölfe die Schebecke inzwischen einwandfrei verproviantiert hatten.
Diener rissen die Tür auf. Das Kaminfeuer prasselte laut, aus dem Holz schlugen große Flammen. Ein Windstoß drückte den Rauch durch den Kamin zurück.
Hasard und Ben schnallten ihre Waffen und Pistolengurte um. Sie warteten, bis die anderen soweit waren. Dann verließen sie den überhitzten Raum, eilten die Stufen hinunter und traten aufatmend ins Freie.
Hasard sagte drängend: „Zum Schiff. Schnell!“
Roger Brighton tauchte zwischen zwei Häusern auf, lief auf den großen Platz und sah die beiden, ehe er unter den ersten Regentropfen unter einer Arkade Schutz suchte. Er winkte hastig. Die Seewölfe eilten ebenfalls zu der Arkade.
„Mein Bruder sieht aus, als habe er uns etwas über Schwierigkeiten zu erzählen“, flüsterte Ben. „Das kann nur bedeuten …“
Draußen schüttete der Regen herunter. Die Spanier vor den Häusern rannten in den Schutz von Vordächern und Arkaden.
Roger Brighton hob kurz die Hand und sagte leise, aber in scharfem Tonfall: „Don Juan meint, wir kriegen Ärger mit einem Mönch von der Inquisition.“ Und dann fügte er hinzu: „An Bord alles klar, Sir. Die Proviantlasten sind voll. Gutes Zeug, kein verdammter Fisch.“
Hasard nickte ihm zu. Nebeneinander marschierten sie im Schutz der Gewölbe auf jene Gasse zu, die vom Platz zum Hafen führte.
„Inquisition? Ein Mönch?“ fragte Hasard verblüfft.
„Der neben der Schebecke ins Hafenwasser klatschte, und zwar genau dort, wo es am dreckigsten ist.“
„Wenigstens eine gute Nachricht“, meinte Ben Brighton leichthin.
Sie warteten einige Atemzüge lang, bis der Regen nachließ. Dann fragte Hasard: „Was ist so wichtig an diesem einzelnen Mönch?“
„Die Inquisition durchsucht alle Schiffe nach verbotenen Büchern. Er sagt, daß wir ablegen müssen, sobald er wieder auftaucht. Außerdem trödeln die Spanier herum.“
Hasard nickte und versicherte grimmig: „Das wird ihnen gleich vergehen, Freunde.“
„Hoffen wir’s.“
Die Seeleute der spanischen Schiffe drängten sich in den Schenken. Die Seewölfe versuchten im Vorbeilaufen, die Menge zu zählen. Es waren vermutlich mehr als nur etliche Dutzend.
Hasard fluchte innerlich. Die Kapitäne würden erstens ihre liebe Not haben, und zweitens dauerte es noch länger. Ihm brannte die Zeit auf den Nägeln. Er dachte an Jean Ribault und Arne von Manteuffel. Der andere Teil des Konvois wartete auf den Proviant – eine zusätzliche Schwierigkeit.
Genau in dem Augenblick, als die vier Arwenacks die letzten flachen Steinstufen hinunterstiegen und sich vor ihnen der Hafen ausbreitete, hörte der Regen auf. Die Wolken rissen auseinander. Ein schräges Band greller Sonnenstrahlen traf die Stadt und einen Teil des Hafens.
Als Hasard sein Schiff sah, atmete er beruhigt auf.
Don Juan stand zusammen mit dem Profos und Big Old Shane neben dem Heck der Schebecke auf dem Steg. Er winkte erleichtert.
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