„Aus dem gleichen Grund, warum du ihn so genau anstarrst, Juan.“
Unschlüssig hob der Spanier die Schultern. „Ich setzte mal voraus, daß sich keiner aus unserer Crew verrät. Der Gouverneur, tatsächlich noch Don Jaime, wird wohl nur dann Verdacht schöpfen, wenn einer von uns eine riesengroße Dummheit begeht.“
Der Schiffsschmied blickte sehnsüchtig zu der offenen Tür einer Bodega hinüber, dann richtete er seinen Blick zu dem hoch aufragenden Turm der Kirche hinter den ersten drei Häuserzeilen, die sich den Hang hinaufzogen.
„Da habe ich keine Sorgen. Hasard auch nicht.“
„Meine ich auch, Shane. Da, unser Freund rückt näher.“
Der wuchtige Ladebaum, dessen Blöcke und Verankerungen tief im Boden befestigt waren, ragte schräg wie ein gelegter Mast über ein Stück Hafen, in dem Abfälle wie ein dichter Teppich lagen, der unablässig Wellen schlug. Vögel hüpften und stelzten zwischen dem Abfall herum.
Der Mönch, der seine Hände in die weiten Ärmel der Kutte geschoben hatte, schritt auf dicken Sandalen langsam näher. Sein Blick irrte ab, strich über die vielen schuftenden Männer, hefteten sich auf Big Old Shane und Don Juan, dann schwenkte er wieder zurück zu dem ungewohnten Anblick der Schebecke, eines Schiffes, das offenbar nicht in den Hafen paßte.
Am Rand der Uferbefestigungen ging der Mönch ohne Eile auf die Stelle zu, wo der hölzerne Steg über drei Steinstufen mit der bemoosten und von Algen bedeckten Steinmauer anfing.
„Er hält die Schebecke zweifellos für ein Werk des Teufels“, meinte Don Juan schließlich. „Ich spüre es fast.“
Aus der offenen Tür wehte der Geruch von Wein und frischem Bier. Er überdeckte sogar den Schweißgeruch der Mulis, Ochsen und Pferde vor den Gespannen und den Gestank nach totem Fisch.
„Soll ich hinübergehen und ihn, ohne böse Absicht, ins Wasser werfen?“ erkundigte sich Old Shane.
„Das würde ihn noch neugieriger werden lassen“, widersprach Don Juan. „Abwarten, was er vorhat.“
Jetzt sahen sie den Mönch genauer. Über den Kragen der Kutte und der Kapuze ragten ein faltiger, sehniger Hals und ein kleiner, runder Kopf. Der Mann ging bemerkenswert gerade aufgerichtet, als habe er einen Ladestock verschluckt.
Kleine schwarze Augen unter buschigen Brauen, ein halbkahler Schädel mit dem Haarkranz der Tonsur, ein schmaler Mund und bräunliche Gesichtszüge waren weitere Eindrücke. Keiner davon ließ den Jesuiten angenehmer erscheinen.
„Ein Fanatiker“, sagte Big Old Shane. „Darf ich Sie, Generalkapitän, auf ein spanisches Cerveza einladen?“
„Später, gern. Jetzt will ich wissen, was der Mönch hier sucht.“
„Einverstanden, nachher. Gehen wir näher heran.“
Sie lösten sich von der kalten Hausmauer und folgten dem Mönch, der den Steg betrat und den Männern der Seewölfe-Crew auswich und um die Händler einen Bogen schlug.
Nach zwanzig Schritten hielt Don Juan einen Händler am Oberarm fest und fragte höflich: „Wer ist dieser geistliche Herr, der sich so für unsere schönen Schiffe interessiert?“
„Ein Jesuit, Señor Capitán“, antwortete der schwarzhaarige, bärtige Mann. „Er heißt Hernando Ferrer und berät unseren Geistlichen in Fragen des Glaubens.“
„Wie lange lebt er schon bei euch?“
Nils Larsen half einem Bäcker, zwei riesige Körbe voller Brot und feinem Gebäck über das Schanzkleid der Schebecke zu mannen.
„Seit einem halben Jahr, Señor.“
„Und woher kommt Hochwürden?“
„Aus Madrid, wenn’s richtig ist, was man sagt.“
„Danke.“
Der Mönch schien, tief in wichtige Gedanken versunken, nichts und niemanden auf dem Steg und in der näheren Umgebung zu bemerken. Er ging mit kurzen Schritten auf der äußersten rechten Kante der Bohlen und Bretter und blieb kurz vor dem Ende stehen.
Als er sich umdrehte, hatte er zur rechten Hand den Bugspriet der Schebecke. Ein schwer zu erklärendes Lächeln spielte um seine farblosen Lippen, als er Schiff und Crew einer schweigenden Musterung unterzog.
Don Juan sah die Blicke und hoffte, daß an Deck der Schebecke weder ein englisches Wort zu hören war noch irgendwelche Dinge herumstanden oder lagen, die dem Mönch verrieten, daß die Spanier in Wirklichkeit Engländer waren. Hoffentlich steckte nicht gerade jetzt Batuti seinen Kopf an die frische Luft.
Mit einer Genauigkeit, die Don Juan und jeden anderen, der dem Mönch zusah, verblüffte, musterte der Mann in der Kutte jede Einzelheit. Er ging langsam wieder zurück in Richtung des Hecks. Die Culverinen und die eingeschwenkten Drehbassen schienen dem Gottesmann besonders wichtig zu sein.
Neben dem Steg, innerlich voller Spannung, blieben der Schmied und Don Juan am Beginn des Steges stehen. Hinter ihnen klapperten die Hufe der Zugtiere über das Pflaster. Das Gespann hielt mit knirschenden Rädern.
„Erstklassiges Wasser“, bemerkte Bill. „Kann man direkt trinken.“
„Wie schön“, erwiderte Don Juan auf spanisch und führte eine beschwörende Geste aus. „Siehst du den Mönch?“
„Natürlich. Was will er?“
„Er will herausfinden, ob wir von der Schebecke englische Spione, Schnapphähne oder Ketzer sind. Kein Scherz, Bill. Seid verdammt vorsichtig!“
„Aha! Ein Mönch. Keine Angst, wir passen schon auf.“
Bill schulterte ein Fäßchen und schlurfte über die Steinstufen abwärts. Das Gefühl der Unsicherheit in Don Juan wuchs. War der Mönch seinerseits echt? Oder versteckte sich hinter der Kutte ein Spion des spanischen Hofes?
„Wie auch immer. Hernando Ferrer ist gefährlich“, murmelte Don Juan und überlegte, was er unternehmen sollte.
Hinter ihm luden die Arwenacks die Fässer ab. Vier Mann packten das große Faß und schoben sich die Stufen hinunter. Die Seewölfe schleppten schwer an dem großen Faß voller Wasser, riefen ein paarmal „Gracias!“ und „por favor!“ und vertrauten darauf, daß ihre Kameraden und die Händler auswichen. Kurz vor den Planken schwenkten Sam Roskill und Paddy Rogers zur Seite, ließen das Faß auf das Holz hinunterkrachen und stemmten sich dagegen.
„Achtung!“ schrie jemand.
Don Juan erstarrte innerlich. Natürlich war es Paddy gewesen, der den englischen Fluch, den er hinterhersetzen wollte, gerade noch herunterschluckte.
Sein Stiefel rutschte aus und traf die Knöchel des hinter ihm stehenden Glaubensbruders, ohne ihn allerdings zu verletzen. Aber der Mönch schwankte, glitt auf den nassen Brettern aus und ruderte hilflos mit den Armen, als er nach rückwärts fiel. Er krümmte sich halb zusammen, ehe er mit einem spanischen Ausruf ins aufspritzende eiskalte Wasser fiel.
Von den umstehenden Spaniern schien niemand den englischen Ruf gehört oder richtig verstanden zu haben.
Die Seewölfe rollten das Faß über die Planke aufwärts, und an Deck wurde es gepackt und durch das Luk gewuchtet. Von Land folgte das nächste wassertriefende Faß, während sich Sam und Paddy um den Kuttenträger kümmerten, der zwischen den Abfällen paddelte, Wasser ausspuckte und sein Gesicht voller Angst verzerrte.
Sie warfen sich auf den Steg, streckten die Arme aus, und Jeff Bowie sprang mit einem Riemen auf den Steg. Mit viel Geschrei wurde der Mönch auf den Steg gezogen, auf die Beine gestellt und an den Armen festgehalten.
„Laßt mich reden“, sagte Don Juan und drängte sich zwischen den Bauern, Seewölfen und Fässerschleppern hindurch. Er blieb vor dem Mönch stehen, aus dessen Kutte das Wasser rann.
Wuterfüllt zeterte der Triefende: „Sie sind von diesem seltsamen Schiff, Señor?“
Seine Stimme war hoch und grell. Die Worte sprudelten zwischen seinen gelben Zähnen hervor. Aus der Kapuze lief ein dicker Wasserstrahl und plätscherte auf die Planken.
„Und ich bedaure überaus das Mißgeschick, das Ihnen passierte, Señor Hochwürden“, sagte Don Juan und zupfte an den Enden der Ärmel. Er packte sie nacheinander und wrang sie aus, „Sie sind unvorsichtig gewesen. Es ist indessen ungeschickt, sich zwischen schwer schuftende Seeleute zu mengen. Was veranlaßt Sie, Hochwürden, das Schiff so ausgiebig zu betrachten?“
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