„Wir legen uns achtern an den Steg voraus“, ordnete Hasard an. „Die Galeonen, wenn sie es schaffen sollten dort hinüber.“
Er deutete zu den beiden entmasteten Rümpfen, die an einem steinernen Kai vertäut waren. Ein paar Fischer blieben auf dem schmalen Streifen zwischen dem Wasser und den Hausfronten stehen, schauten verblüfft die kleine Armada an und beruhigten sich, als sie die spanischen Flaggen erkannten. Im ruhigen Hafenwasser beschrieb der Bug der Schebecke einen Halbkreis. Die Segel wurden eingeholt, knappe spanische Kommandos hallten durch den Hafen. Es roch nach kaltem Rauch und nach Fisch.
„Sieht nicht nach Schwierigkeiten aus“, meinte Ben Brighton leise zu Hasard. „Fünfhundert oder sechshundert Einwohner?“
„Möglicherweise etwas mehr“, erwiderte der Seewolf.
Die Belegtaue flogen auf den Steg, die Zwillinge sprangen hinterher und winkten zu den Fischern hinüber.
„Buenos Dias, Freunde! Wir wollen euch reich werden lassen!“ rief Philip junior.
Hasard dirigierte die „Salvador“ und die „Santa Helena“ zum Kai hinüber. Inzwischen liefen mehr Leute zusammen, Türen und Fenster öffneten sich. Im Abfall zwischen den Fischerbooten flatterten die Möwen auf.
„Wollt ihr Fisch kaufen?“ fragten die Fischer lachend.
Die Schebecke wurde belegt, und zwei breite Planken, die auf dem Steg lagen, krachten auf das Schanzkleid.
„Wir wollen den Statthalter sprechen“, erklärte Hasard junior. „Ist es noch immer Don Jaime?“
„Drüben, an der Plaza Mayor“, lautete die Antwort.
Nacheinander glitten die Galeonen an den Kai und wurden an rissigen, uralten Pollern aus gebündelten Holzstämmen belegt. Die spanischen Seeleute lachten und schrien wild durcheinander. Knarrend rieben die Bordwände der Schatzgaleonen gegeneinander, die Belegtaue ächzten und rissen morsche Splitter aus den Pollern.
Hasard schrie durch den Hafen: „Die Señores Kapitäne bitte zu mir an Land. Wir statten dem Gouverneur einen Höflichkeitsbesuch ab.“
Das Kommando der falschen Spanier, angeführt von Don Juan de Alcazar, hielt sich auf dem schwankenden Steg bereit. An Bord der Schebecke wurden schon jetzt die leeren Fässer aus den Laderäumen gewuchtet. Hasard balancierte über die Planke. Auf den Galeonen bereiteten sich die Kapitäne und ein paar Offiziere auf den Landgang vor.
Don Juan de Alcazar stand ein paar Schritte abseits, schaute sich schweigend um und richtete seine Blicke immer wieder zu dem Castillo auf dem Burgberg. Inzwischen tauchten aus dem Viertel der Fischerhäuser noch mehr Leute von Vigo auf und riefen den Spaniern auf den Decks Fragen zu.
Die Antworten zeigten den Fischern und Einwohnern von Vigo, daß die Schiffe lange Zeit unterwegs gewesen waren.
„Holt eure Würste aus dem Rauchfang!“
„Wir brauchen Wasser. Und Wein.“
„Rieche ich frisches Brot aus dem Bäckerofen, Hombre?“
„Habt ihr gutes Wasser in Vigo?“
Die Gruppe der Kapitäne war nicht größer als ein Dutzend Personen. Die weißen spanischen Kragen bildeten Farbtupfer vor der dunklen, wolkenverhangenen Kulisse des Hafenstädtchens. Von den Schiffen hörte man die Kommandos, nach denen die leeren Fässer aus den Laderäumen der Galeonen hochgehievt wurden.
Hasard wandte sich an einen erwachsenen Mann, der so aussah, als sei er zu den Hafenwachen zu zählen.
„Señor“, bat er, „zeigen Sie uns den Weg zum Amtssitz des Gouverneurs?“
„Gern. Folgt mir. Sind nur ein paar Schritte. Woher kommt ihr?“
Bevor noch ein anderer antworten konnte, drehte sich Hasard um, legte den Zeigefinger an die Lippen und erwiderte: „Der Hafen, aus dem wir ausliefen, und unser Ziel sind beide strengster Geheimhaltung unterworfen. Wir segeln für seine Allerkatholischste Majestät und dürfen nichts sagen. Wie heißt der Gouverneur? Ist es noch Don Jaime?“
„Ja, Don Jaime La Roda. Ein gerechter, guter Statthalter.“
Hasard winkte Don Ricardo zu. „Besuchen wir den Herrn über Hafen und Kastell, Señores.“
Etwas steifbeinig in ihren hohen Stiefeln, mit klirrenden Degen, folgten sie dem hochgewachsenen, schwarzhaarigen Mann mit den eisblau blitzenden Augen – einer seltsamen Augenfarbe für einen Spanier.
Der Mann aus Vigo zeigte zu den verwinkelten Gassen und vielen alten Häusern, die sich zusammendrängten und miteinander durch viele Erker, Bögen, Treppen und Stege verbunden waren.
„Unser uraltes Fischerviertel. Hier finden Ihre Seeleute die feinsten Schenken. El Berbés nennen wir den alten Stadtteil. Ihr seid fremd in Vigo, nicht wahr?“
„So ist es“, antwortete Miguel Salcho, der Erste der „Salvador“. „Und wir legen sofort wieder ab, wenn wir Essen und Wasser haben. Gibt es bei euch Schwierigkeiten?“
„Keine größeren, Señor.“
„Gut zu hören“, brummte Hasard.
Schon nach einigen hundert Schritten durch die Stadt, die langsam erwachte, befanden sie sich auf dem großen Platz, der Plaza Mayor. Sie war fast an allen Stellen von schwungvollen Arkaden gesäumt. Struppige Bäume, an denen nur noch wenige vertrocknete Blätter zitterten, umstanden den Platz.
Ein langgestrecktes, zweistöckiges Gebäude sprang in der Mitte der Fläche auf seinem Sockel aus Bruchstein einige Fuß weit vor. Ein prächtiges Portal, mehrere geschmiedete Balkongitter und Fahnen, die feucht und schlaff von den Masten hingen, ließen erkennen, daß es wohl der Sitz des Statthalters war.
„Dort finden Sie Don Jaime, unseren verehrten Gouverneur“, sagte der Mann. „Vielleicht schläft er noch, unser guter Don.“
„Dann wird es uns nicht schwerfallen, ihn zu wecken“, erklärte der falsche Don Julio de Vilches. „Wohlan, Señores.“
Ein nächtlicher Regenguß hatte das dunkle Pflaster zu einer glänzenden Fläche werden lassen. Durch ein paar flache Pfützen stiefelten die Spanier auf das Portal zu. Vigo war, wenigstens stellte es sich jetzt so dar, ein verschlafenes Nest, in dem es überall nach Wein und noch mehr nach Fisch roch. Ein Hund bellte die Männer an, als sie an das rissige Holz der Türflügel klopften.
Fensterläden und Türen öffneten sich ringsum klappernd. Wassergüsse zischten auf das Pflaster. Irgendwo keifte eine Frau. Mit leisem Knarren wurde ein Türflügel geöffnet.
Hasard und Don Ricardo blickten in ein verschlafenes, unrasiertes Gesicht, das einem alten Mann gehörte, der einen zerknitterten Hut trug.
„Buenas dias“, sagte Hasard. „Die Señores Kapitäne und ich möchten mit Don Jaime sprechen.“
„Ich verstehe Sie nicht“, erwiderte der Alte.
„Gouverneur Don Jaime La Roda!“ schrie Don Ricardo mit fahlem Gesicht und roter Nase. „Schnell, Mann.“
„Jawohl, Señor Capitán“, murmelte der Alte zahnlos, drehte sich um und verschwand in einer düsteren Halle.
Langsam und zögernd traten die Spanier ein.
„Diese Stadt befindet sich nicht im Verteidigungs- oder Kriegszustand, soviel ist sicher“, sagte Hasard laut und versuchte einen Scherz.
Innerhalb des Gebäudes wurde es lebendig: Tritte, knallende Türen klirrende Becher und halblaute Befehle. Dann wurden ein paar Fensterflügel aufgerissen, und das trübe Tageslicht drang in die Halle. Große Bilder hingen an den Wänden, eine Treppe führte aufwärts, in den Ecken standen kleine Kanonen, kaum größer als die Drehbassen.
„Gleich bin ich für Sie bereit“, donnerte eine tiefe, tragende Stimme von oben. „Geduld, verehrte Señores.“
„Eine Löwenstimme“, meinte Ben Brighton zu Hasard. „Und eine gemütliche Residenz.“
Die Spanier betrachteten gelangweilt und hungrig die würdigen Señoras und Señores, die auf den Ölbildern in den schweren Rahmen dargestellt waren. Nicht eine Person davon war ihnen bekannt. Ein farbenprächtiger Teppich lag unter den Beinen eines riesigen Tisches und vieler hölzerner Sessel.
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