ENDE
Philip Hasard Killigrew alias Don Julio de Vilches hatte an diesem Morgen wieder einmal ein deutliches Gefühl des Unbehagens. Er konnte sich selbst nicht erklären, was diese innere Unruhe hervorrief. Nach der furchtbaren Explosion, von der die „Respeto“ zerrissen worden war, hatte sich der Konvoi wieder neu formiert und segelte weiter.
„Neun verdammte Silberschiffe“, murmelte Hasard im Selbstgespräch. Der kräftige Wind riß ihm die Worte von den Lippen. „Ob sie jemals heil in London eintreffen, das mag der Teufel wissen.“
Der Schiffsverband befand sich außerhalb der Sicht von Land. Bei besserem Wetter würde man vielleicht die Gipfel der Cordillera Cantabrica an Steuerbord sehen.
„Wer ist der nächste?“ fragte sich der Seewolf leise und richtete das Spektiv auf die „Salvador“.
Er ahnte – auch das war ein Teil seiner steigenden Besorgnis –, daß im vorletzten Monat des Jahres die Stürme aus der Biscaya eine zusätzliche Gefährdung für die Schiffe darstellten. Immerhin war jedes Schiff auf seine Weise nicht gerade neu und zumindest ebenso gefährdet wie die unglückliche „Respeto“ oder die „Nobleza“, die verschollen blieb und wahrscheinlich zu den Opfern des großen Raids gezählt werden mußte.
Auf der „Salvador“ schien alles in Ordnung zu sein. Hasard sah die weißen Schaumkronen der Atlantikwellen und hoffte, der Wind würde so bleiben und nicht stärker werden. Hinter sich hörte er Schritte, er drehte sich um, und seine Augen begegneten dem Blick des Kutschers.
Der mittelgroße Mann fuhr in leichter Verlegenheit durch sein dunkelblondes Haar.
„Was gibt’s?“ fragte Hasard ruhig.
Der Kutscher zwinkerte mit seinen blauen Augen.
„Sir“, begann er und griff nach einem Tau, „da ist etwas, das man nicht vergessen sollte.“
„Ich bemühe mich, nichts zu vergessen“, entgegnete Hasard. „Neuer Ärger, diesmal bei uns, unter Deck?“
Der Kutscher schüttelte den Kopf und lächelte zurückhaltend. Er deutete vage in die Richtung der neun Schiffe und meinte: „Ich wäre nicht sonderlich überrascht, Sir, wenn sich bei dem einen oder anderen Schiff Schwierigkeiten mit Proviant und Wasser herausstellen sollten. Ist ja schon verdammt lange her, seit sie gebunkert haben.“
Der Seewolf dachte nach und nickte schweigend. Dieses Problem hatten sie alle vorübergehend aus den Augen verloren. Die dramatischen Ereignisse, die einander fast ohne Unterbrechung abgelöst hatten, schlugen nicht nur Hasard und seine Seewölfe in ihren Bann.
„Und wie steht es bei uns mit dem Proviant?“ fragte er den Kutscher.
„Ganz gut. Natürlich könnten wir immer frisches Gemüse und Wasser, Wein oder Bier brauchen. Aber wir halten schon noch eine Weile durch.“
Der Kutscher richtete seine Augen dorthin, wo die portugiesische und nordspanische Küste hinter der Kimm lagen.
„Das ist natürlich das Lustigste, das uns einfallen könnte“, sagte der Seewolf und zuckte mit den Schultern. „Kaum hat der Wind den Rauch von der explodierten ‚Respeto‘ weggeblasen, laufen ausgerechnet wir in einen spanischen Hafen ein, um im Auftrag der Krone Proviant und Wasser zu fassen.“
„Warum eigentlich nicht?“ erkundigte sich der Kutscher trocken.
„Hm.“
Sie blieben eine Weile nebeneinander stehen und dachten schweigend darüber nach – über völligen Unsinn, wie Hasard sich sagen mußte.
„Ein Dutzend spanischer Schiffe, die das in Frankreich versuchen, würden weniger Glück haben“, brummte er schließlich. „Mit den Frenchmen haben wir ja unsere Erfahrungen schon hinter uns, und das nicht nur einmal.“
„Mit den Dons auch, aber sie sind von uns leichter hereinzulegen“, meinte der Kutscher. „Wie auch immer: Mac Pellew meint ebenfalls, daß allmählich bei denen das Wasser knapp wird. Vom Wein gar nicht zu reden.“
„Ich kann abwarten“, entgegnete Hasard und hob wieder sein Spektiv.
Schon zweimal hatte er den Konvoi und die Begleitschiffe durchgezählt. Die Zahl stimmte. Die Rauchfahne, die unter der Kimm zu sehen gewesen war, hatte also weder einen Kaperer noch ein neugieriges Patrouillenschiff angelockt. Trotzdem mußte damit gerechnet werden, daß sich gerade in diesem Gebiet des Atlantiks portugiesische, französische, spanische und niederländische Schiffe herumtrieben. Und kaum ein Kapitän würde gegen die Verlockungen in den Laderäumen des Konvois immun sein.
Hasard zweifelte nicht daran, daß wieder einmal die Gerüchte schneller waren als die Wirklichkeit. Natürlich gab ihm die Warnung des Kutschers zu denken.
Er richtete das Spektiv auf jenen Abschnitt der Kimm, hinter der nach Dan O’Flynns Berechnungen Kap Finisterre liegen sollte, unterhalb von Santiago de Compostela.
„Bei allen Fabelwesen der Sieben Meere“, sagte er schließlich zu sich und enterte von der Back auf die Kuhl ab. „Da werden wir uns wohl was einfallen lassen müssen. Dan? Mister Brighton? Her zu mir!“
„Aye, aye, Sir.“
Wie von keinem Seewolf anders erwartet, wehte im November vor dieser Küste ein steifer Südwest, der die Oberfläche des Atlantiks zerfurchte und harte, hohe Wellen voller Schaumkronen vor sich hertrieb. Dementsprechend würde an der meist steilen Küste ziemlicher Seegang herrschen. Die Brandung würde jedes Schiff, das auf Legerwall geriet, auf den Felsen erbarmungslos zerschmettern. Vielleicht war dieser starke Wind der Grund dafür, daß außer den Schiffen des Konvois zu dieser frühen Stunde kein anderer Segler unterwegs war.
Hasard wartete, bis sich auch Don Juan de Alcazar zu der Gruppe gesellte, dann sagte er: „Wie der Kutscher schon meinte, kann eine üble Überraschung auf uns zukommen. Ich überlege mir gerade, wie wir diese Überraschung an unsere spanischen Freunde an Land weitergeben können.“
Mit wenigen Sätzen unterrichtete er die kleine Crew von den Möglichkeiten und Notwendigkeiten, die er sah.
Sofort antwortete der Spanier: „Da käme eigentlich nur Vigo in Frage.“
„Danke für den Rat, mein Freund“, erwiderte der Seewolf und zeigte ein Lächeln von der Art, das sie gut kannten. „Was hat Vigo, das andere Häfen nicht haben?“
„Wenn ich nicht irre, hat die Stadt einen leicht zu überzeugenden Statthalter oder Kleingouverneur. Da er seinen Wimpel in jedem Wind flattern läßt, denke ich, daß er noch immer Don Jaime La Roda heißt.“
„Du kennst ihn, Juan?“ fragte Dan O’Flynn.
„Ich habe genug von ihm gehört“, antwortete der Spanier. „Mehr als genug.“
„Was sagen die anderen Kapitäne dazu?“ fragte der Erste in sachlichem Ton.
„Die sind noch nicht gefragt worden“, erwiderte der Seewolf und schaute mit blitzenden eisblauen Augen zur „Isabella“ und zur „Wappen von Kolberg“ hinüber. „Zuerst beraten wir uns mit unseren Freunden.“
„Das empfiehlt sich dringend.“
Auch Ben Brighton schien sich für bestimmte Teilbereiche des zu erwartenden Abenteuers oder besser Vorhabens zu begeistern. Welches Risiko sie eingingen, wußten sie – darüber brauchte kein Wort verloren zu werden.
In Luv der Schatzgaleonen, die nicht gerade im Kielwasser des vorderen Schiffes, aber in einer klar erkennbaren Linie segelten, hielten sich die drei Begleitschiffe.
Vigo in der nordspanischen Provinz Galizien, nicht viel mehr als eine kleine Stadt um einen wenig bedeutenden Fischerhafen, hatte in seinem Rücken grüne, fruchtbare Hochflächen und Täler.
Die Küste war von tief eingekerbten Buchten geprägt, den „Rias“, die am Rand des stürmischen Atlantiks für unzählige Schiffe ideale Schlupfwinkel und Zufluchtstätten darstellten. Vigo lag an Steuerbord in einer Bucht, die tief ins Landesinnere führte. Soweit reichten die Informationen, die Dan O’Flynn hatte.
Читать дальше