„Glaubst du, daß Pigatto dann noch da oben stehen würde?“ erwiderte Hasard mit einer Gegenfrage.
Der Schiffszimmermann der Arwenacks seufzte.
„Mittlerweile traue ich ihm alles zu“, sagte er.
Prustend und spuckend tauchte Carberry auf, warf mit einer unwilligen Bewegung seinen Bohrer ins Boot und fuhr sich wassertretend mit beiden Händen durchs triefende Haar.
„Das Leck ist viel zu klein“, schimpfte er. „Wir brauchen ein richtig schönes und großes Loch, durch das die See schäumend eindringt.“
Hasard blickte seinen Profos nachdenklich an.
„Mitunter hast du sogar brauchbare Ideen, Ed.“
„Hä?“ Carberry hängte sich an die Jolle, daß sie bedrohlich Schlagseite erhielt. „Willst du die ‚Respeto‘ auf ein Riff setzen? Dann laß dir sagen, daß weit und breit keine Felsen zu sehen sind.“
Der Seewolf lächelte wissend.
„Eine Kanonenkugel erfüllt den gleichen Zweck“, klärte er den Profos auf, der sich daraufhin mit der flachen Hand vor die Stirn schlug. Es dröhnte so laut, daß die letzten Spanier in ihrer Nähe sichtlich zusammenzuckten und wohl glaubten, ihr Ende sei nahe.
„Natürlich!“ rief der Profos freudig aus. „Al hält einfach mit einer Culverine drauf. Das gibt ein Fest.“
„Keine Culverine“, sagte Hasard.
„Keine …?“ Carberry verstand die Welt nicht mehr.
Aber immerhin stand die Schebecke nur rund fünfzig Yards entfernt.
„Wir wollen die ‚Respeto‘ nicht versenken“, erklärte der Seewolf.
„Du meinst …“ Edwin Carberry wirkte enttäuscht. Demonstrativ stieß er sich mit dem ausgestreckten rechten Zeigefinger gegen die linke Handfläche. „Was willst du mit einem Mückenschiß wie einer Drehbassenkugel schon ausrichten?“
Ferris Tucker verdrehte anklagend die Augen. Dazu bewegte er die Lippen, als schicke er ein lautloses Stoßgebet gen Himmel.
„Manchmal fällt dir wirklich nichts Besseres ein, als rumzubrüllen und dich wie der wilde Mann zu gebärden“, sagte er. „Willst du ein Leck von fast einem Yard mit Lecksegeln abdichten?“
Der Profos grunzte leise. Als Hasard ihm auffordernd zunickte, zog er sich am Dollbord hoch, ließ sich schwer wie ein nasser Sandsack in die Jolle plumpsen und legte sofort trichterförmig die Hände vor den Mund. Aus Leibeskräften brüllte er Al Conroys spanischen Tarnnamen. Tucker und Grey hielten sich erschüttert die Ohren zu.
Der schwarze Haarschopf des Stückmeisters tauchte sofort hinter dem Schanzkleid auf.
„Ich bin nicht taub!“ rief er zurück. „Aber ich fürchte, ich werde es, wenn du weiter so rumtobst. Was liegt an?“
„Du sollst mit einer Drehbasse feuern! Möglichst gestern noch!“
„Auf die Jolle?“
Jedermann konnte sehen, wie der Profos krampfhaft schluckte. Er stand jetzt in der Jolle und gestikulierte derart heftig, daß ein Kentern nicht auszuschließen war.
„Du quergestreiftes, mondsüchtiges Riesenkalb!“ schrie er. „Genau das sollst du nicht tun. Die ‚Respeto‘ ist groß genug, daß du sie treffen kannst, wenn du dich anstrengst.“
Al Conroy verstand, daß die Männer mit ihren Bemühungen, das unterste Deck der Galeone zu fluten, Schwierigkeiten hatten. Ein Drehbassenschuß aus der momentanen Distanz war wirklich das Einfachste. Der Einschlag würde gerade so groß sein, daß er sich noch abdichten ließ.
Die Zwillinge hatten natürlich mitgehört. Sie bereiteten die achtere Backborddrehbasse zum Schuß vor. Al brauchte nur noch das Ziel anzuvisieren und das Pulver zu zünden.
Er hielt exakt zwei Handbreiten unter die Wasserlinie. Das Geschoß würde auf seinem relativ kurzen Weg durchs Wasser nicht allzu stark abgebremst werden.
Amüsiert verfolgte er, wie die beiden Jollen aus dem Bugbereich der „Respeto“ gepullt wurden. Während die Arwenacks aber schon nach wenigen Yards wieder beidrehten, dachten die Dons überhaupt nicht daran, sich der Gefahr auszusetzen, daß auf der Schebecke womöglich ein Stümper hinter dem Rohr stand.
„Euch werde ich zeigen, was ein Stückmeister des Seewolfs kann“, murmelte Al Conroy. „Die Kugel trifft auf den Inch genau.“
Er schwenkte die Drehbasse ins Ziel und mußte das Rohr diesmal merklich schräg ausrichten. Der Weg der Kugel war kurz, er brauchte weder einen Vorhaltewinkel einzubeziehen, noch die Krümmung der Flugbahn zu berücksichtigen. Kurzum: er durfte einfach draufhalten.
Ein kurzes, trockenes Blaffen, ein winziger Mündungsblitz und ein mickriges Pulverwölkchen waren alles. Zwei Yards neben der „Respeto“ entstand eine leichte Gischtfontäne.
Bob Grey tauchte. Als er gleich darauf wieder an die Oberfläche stieg, reckte er die Faust.
„Ein sauberer Schuß!“ rief er. „Das Leck sitzt genau neben den Bohrungen.“
Al verzichtete auf eine Erwiderung. Den Treffer hätte seiner Meinung nach jeder anbringen können, das bedeutete keine besondere Leistung.
Endlich ergoß sich das Wasser in ausreichender Menge in die Vorpiek der Galeone. Aber mehr als ein verhaltenes Zischen und Gurgeln war davon nicht mitzukriegen. Nur wer über scharfe Augen verfügte, konnte erkennen, daß die „Respeto“ langsam über den Bug absackte.
Der im Bereich der vorderen Stückpforten sowie über Kuhl und Back aufsteigende Rauch färbte sich heller. Das war Wasserdampf, der sich mit dem Qualm vermischte.
Zu weit durfte Hasard die Galeone allerdings nicht absinken lassen, wollte er nicht Gefahr laufen, daß die geöffneten Stückpforten vollschlugen und der Vorgang sich verselbständigte. Immerhin war anzunehmen, daß die Lenzpumpen durch das Feuer gelitten hatten und erst repariert werden mußten.
Er gab Kommando, das Lecksegel anzuschlagen.
Gleich darauf winkte er zur Schebecke hinüber.
„Eine zweite Kugel in den Heckbereich, ungefähr auf die Höhe des Besanmastschuhs!“
Al Conroy zeigte sein „Klar“. Er hatte die Drehbasse schon neu geladen und die Kammer verschlossen.
Hasard junior hielt ihm den Luntenstock hin. Aber zur Überraschung der Zwillinge trat Al zur Seite.
„Das ist euer Schuß“, sagte er. „Zeigt, was ihr könnt.“
Hasard reagierte verdattert. Während er noch zögerte, schob sein Bruder ihn kurzerhand zur Seite und visierte über das Rohr hinweg.
Nach der glimmenden Lunte griff Philip junior nur einen Augenblick später.
Der Schuß saß ziemlich gut im Ziel.
„Zwei Handspannen zu weit links“, stellte Al Conroy sachlich fest. „Außerdem ein wenig zu hoch. Du hättest die Dünung besser abfangen sollen.“
Philip junior nickte. Ihm war selbst aufgefallen, daß die Schebecke gerade da aufschwamm, als er die Drehbasse zündete.
„Trotzdem kein schlechter Schuß“, sagte der Stückmeister. „Aus solchen Fehlern kannst du nur lernen.“
Während die See auch ins Achterschiff strömte und schäumend zum Bug hin und in die Büge abfloß, arbeiteten Spanier und Arwenacks Hand in Hand, um das Lecksegel zu spannen.
Probleme entstanden nur, weil der Muschelbewuchs nicht weit genug entfernt worden war und das Segel deshalb nicht richtig anlag. Aber das Ganze war ohnehin nur als Provisorium gedacht. Sobald die Lenzpumpen arbeiteten, mußten die Lecks von innen her notdürftig abgedichtet werden.
Hasard war sich darüber klar, daß er mindestens ein bis zwei Tage verlieren würde und der Konvoi während dieser Zeit nahezu unbeweglich vor der Küste Portugals lag. Außerhalb der üblichen Routen zwar, aber wer wußte schon, welche Überraschungen das Schicksal noch bereithielt?
Bevor der Tiefgang der „Respeto“ bedenklich wurde, dichteten sie auch das Leck im Achterschiff mit getränktem Segeltuch ab.
Danach sah es tatsächlich so aus, als wäre die Maßnahme erfolgreich gewesen. Die Rauchentwicklung ließ merklich nach, wenngleich nach wie vor Qualm aufstieg und mit der Hauptwindrichtung aufs offene Meer hinaus wehte.
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