„Wie lange willst du noch warten, Sir?“ fragte er.
Wollten sie wirklich Vigo anlaufen, wenn auch nur mit einem Schiff, mußten sie bald daran denken, einen neuen Kurs abzusetzen. Dan schätzte die Entfernung auf einen Tag, einen Törn von etwa vierundzwanzig Stunden also.
Die Überlegungen der Seewölfe wurden unterbrochen.
Ihre Köpfe fuhren herum, als der Knall einer abgefeuerten Drehbasse an ihre Ohren drang.
„Das war auf Don Ricardos Flaggschiff“, stellte Ben Brighton fest. „Ein Signal.“
Aus einer Bugdrehbasse hatte der spanische Kapitän einen blinden Schuß abgeben lassen. Hasard und Dan hoben die Spektive an die Augen und peilten hinüber zur „Salvador“. Nach genauerem Hinsehen erkannten sie den Zweiten Offizier, Bernardo de Murcia, der aufgeregt seine kurzen Arme schwenkte.
Hasard rief zur Back: „Zeigt ihm, daß wir verstanden haben. Wir gehen näher. Jan, zwei Strich nach Steuerbord abfallen.“
„Aye, aye, Sir!“ rief Jan Ranse zurück.
Während die Schebecke den Kurs änderte und auf das erste Schiff des auseinandergezogenen Verbandes zusegelte, löste sich an Backbord, auch auf der Back, auf der „Concordia“ der nächste Signalschuß. Dumpf hallte der Lärm der Explosion über die Wellen. Eine dicke Rauchfahne wirbelte am Bugspriet der Galeone vorbei.
„Die Dons kriegen wohl alle gleichzeitig Hunger, wie?“ rief Carberry, der gerade an Deck erschien. „Kann uns nicht passieren.“
„Vielleicht meinen sie wirklich beide gleichzeitig dasselbe“, sagte Hasard und zuckte mit den Schultern. „Aber es ist durchaus vorstellbar, daß die Dons in Wirklichkeit etwas anderes wollen. Wir werden es in ein paar Minuten genau wissen.“
Ben Brighton hob die Hände an den Mund und rief im Befehlston: „Ab sofort kehren auf unserem Schiff wieder echt spanische Verhältnisse ein, verstanden, ihr falschen Dons?“
„Dann mußt du dem Plappergei auch noch gutes Spanisch beibringen“, riet Batuti lachend. „Was hast du vor, Sir?“
„Abwarten“, entgegnete der Seewolf. „Zuerst sprechen wir mit unseren Freunden.“
Es dauerte nicht länger als eine gute Viertelstunde, bis die Schebecke in Rufweite querab der „Salvador“ segelte. Die Arwenacks, die seit langen Tagen mit ihrer Maskerade keine Schwierigkeiten hatten, winkten.
„Don Ricardo!“ schrie Hasard vom Grätingsdeck zur Kampanje hinauf. „Was gibt es?“
„Es wird knapp mit Wasser und Proviant, Don Julio“, rief der Kapitän der „Salvador“ zurück. „Zwei, bestenfalls vier Tage, und dann hungern wir alle.“
„Wissen Sie, wie es auf den anderen Schiffen aussieht?“ rief Hasard und sah ein, daß er mit seiner Meinung recht behalten hatte.
„Von der ‚Concordia‘ weiß ich es genau. Die Männer sind ebenso übel mit den Vorräten dran.“
„Das heißt, daß wir unsere spanischen Freunde an Land in Anspruch nehmen müssen!“ rief Hasard. „Ärgerlich, diese Verzögerung.“
„In Vigo gäbe es Wasser“, empfahl der andere Kapitän.
„Aber ich hörte“, antwortete Hasard, innerlich über dieses vorgeschlagene Ziel hocherfreut, „daß der Hafen von Vigo zu klein für unsere vielen Schiffe sei.“
„Dann sollten wir nur mit ein paar Schiffen einlaufen und die Vorräte auf See oder in einer Bucht übergeben.“
„Recht so!“ schrie der Seewolf. „Sie sind dabei, Don Ricardo?“
„Mit Freude. Wir haben, meine ich, die größten Fässer und die größten leeren Laderäume und Proviantlasten.“
„Einverstanden. Wir befragen die anderen Kapitäne!“ rief Hasard. „Meinen Sie, daß, uns eingeschlossen, ein halbes Dutzend Schiffe ausreicht?“
„Das will ich meinen, Señor Capitán.“
Der Bug der Schebecke setzte nur weniger stark als der runde Bug der Galeone in die hohen Wellen ein. Gischt und Sprühregen überschütteten die Back und die bugwärtige Hälfte der Kuhl. Hasard ließ abdrehen und gab nach einem kurzen Gruß an Don Ricardo in bestem Spanisch seine Befehle.
Die Schebecke ging in den Wind. Die Seewölfe warteten, bis die „Concordia“ heranstampfte. Wieder rief Hasard den Kapitän und seine Offiziere an, die auf dem Quarterdeck standen und sich weit über das Schanzkleid lehnten.
Auch auf der „Concordia“ waren Proviant und Wasser knapp. In zwei bis drei Tagen würden die wichtigsten Vorräte aufgebraucht sein. Auch die Männer dieses Schiffes erklärten sich gern bereit, nach Vigo einzulaufen und dort zu bunkern.
„Dann hören wir auch, was es Neues von Philipp gibt, unserer Majestät“, tönte es laut von der Galeone.
„Schon möglich. Ihr seid auch dabei. Dann sind wir schon drei Schiffe“, rief Hasard und beendete den Nachrichtenaustausch.
Die „Concordia“ passierte die wartende Schebecke.
Don Juan de Alcazar schlug Hasard auf die Schulter und sagte: „Ich weiß, daß du den Dons nicht traust. Glaubst du ihnen?“
Hasard hob die breiten Schultern unter dem spanischen Tuch.
„Mir bleibt kaum etwas anderes übrig“, erklärte er.
„Gewißheit ist eine herrliche Sache“, sagte der Spanier. „Aber wir sollten eine Stichprobe verlangen. Ganz einfach auf irgendein Schiff dort überwechseln, entern und eine scharfe Kontrolle der Vorräte durchführen.“
„Ein guter Rat. Welches Schiff sollten wir uns aussuchen?“ fragte der Seewolf nach einer Weile.
„Ganz gleich. Irgendeine der Galeonen dort hinten“, meinte Don Juan. „Keiner von uns weiß, wieviel Wasser und Proviant sie am Anfang der Fahrt in den Laderäumen hatten.“
„Stimmt.“
Die falschen Spanier warteten, bis ein Schiff nach dem anderen an ihnen vorbeisegelte. Überall erhielten sie die gleichen Auskünfte. Bis nach Irland würden weder Wasser noch Proviant reichen, auf keinen Fall.
Hasard sammelte ein Enterkommando um sich und sagte schließlich: „Wir sehen uns die ‚Santa Helena‘ unter Deck genauer an. Einverstanden?“
Der Profos nickte und stieß den Schiffszimmermann an.
„Und wehe, wenn wir volle Fässer und fette Schinken in der Proviantlast finden. Wird wohl ein aufregender Landgang werden, nicht wahr, Sir?“
Jetzt grinste Hasard breit und fast fröhlich.
„Wenn sechs Schiffe in Vigo auftauchen, dann wird es im Hafen recht lebendig werden, Freunde. Und daß wir unsere Rolle ausgezeichnet spielen, haben wir ja schon beweisen müssen.“
„Die Dons in Vigo werden uns dabehalten wollen!“ rief Old Donegal. „So gute Spanier wie uns gibt’s sonst nirgendwo.“
„Hoffentlich“, murmelte Hasard und gab Befehl, die Schebecke längsseits zur „Santa Helena“ zu steuern.
Hasard saß neben Don Juan auf dem Achterdeck der Schebecke und stemmte seine Sohlen gegen die Stufen des Steuerbordniederganges. Sein rechter Arm hing über dem Schanzkleid. Die vier Galeonen, die der „Salvador“ folgen und einen geringfügig veränderten Kurs laufen sollten, scherten gerade aus der Kiellinienformation aus und fielen um einen Strich nach Steuerbord ab.
Leise bemerkte der Seewolf zu seinem spanischen Freund: „Den Spaniern von der ‚Honestidad‘ oder den anderen wird es nicht schwerfallen, den Gouverneur zu überzeugen. Wir müssen versuchen, unsere Rolle richtig zu spielen.“
„Wenn Don Jaime über das Kaff herrscht“, meinte Don Juan, „wird es nicht schwer sein, ihn zu überzeugen. Er ist nicht der Klügste. Ich bin sicher, du willst unseren Aufenthalt so kurz wie möglich halten?“
Hasard nickte mit Bestimmtheit.
„Keine Minute länger als unbedingt nötig. Wir werden alle anpacken müssen. Meinst du, daß sie insgesamt ein Dutzend Schiffe versorgen können?“
„Wasser und Wein? Da sehe ich keinen Engpaß“, erwiderte Don Juan. „Wenn man den Bauern und Händlern mehr Zeit läßt und gut zahlt, kriegen wir alles.“
Читать дальше