„Wo liegt die Kammer genau?“ fragte Hasard. „Mittschiffs?“
Der Glatzkopf, der für ihn signalisierte, wandte sich flüchtig um. „An Steuerbord“, sagte er. „Unmittelbar über der Wasserlinie.“
„Dann los! Unsere einzige Chance ist es, das Pulver in die See zu werfen.“
Die Spanier kapierten. Aufgescheucht rannten sie durcheinander. Der eine oder andere sprang entsetzt außenbords und versuchte schwimmend, die Gefahrenzone zu verlassen. Eine Pulverexplosion würde das Schiff zerfetzen und jeden an Deck töten.
Jemand warf Hasard ein Zimmermannshandbeil zu. Er fing das kleine, leichte Beil geschickt auf und schwang sich über die Verschanzung. Hinter sich hörte er den Profos mit gewohnter Lautstärke Befehle brüllen. Die Wirkung war beachtlich. Die Dons, ein solches Organ nicht gewohnt, gehorchten willig. Vielleicht brauchten sie auch nur jemanden, der ihnen sagte, was zu tun war.
Drei, vier Kerle hingen schon an den Berghölzern oder den Püttings und droschen aus Leibeskräften mit Äxten und Beilen auf die Planken ein. Bob Grey, Don Juan und Ferris Tucker mischten von der Jolle aus kräftig mit.
Das Dröhnen und Hämmern steigerte sich zum Stakkato. Holz splitterte, die ersten Planken wölbten sich ab und wurden von kräftigen Fäusten einfach abgefetzt.
Ein Leck entstand, noch ausgezackter, als es ein Kettengeschoß reißen konnte. Aber es war zu klein, als daß die Pulverfässer schon hindurchgepaßt hätten.
Zwei Dons kletterten nach innen und halfen von der Kammer aus mit wuchtigen Hieben nach, das Loch zu vergrößern.
Ein Mann, oben, hinter der Verschanzung, begann lautstark zu beten. Seine Stimme übertönte sogar das Dröhnen der Äxte. Der Profos, dessen kantiger Schädel kurz über dem Schanzkleid erschien und in die Tiefe blickte, ließ ihn gewähren.
„Beeilt euch!“ erklang es aus der Pulverkammer. „Das Feuer schlägt durch.“
Rauch quoll aus dem Leck hervor. Obwohl er sofort verwehte, kündete er vom Tod.
Wie von Sinnen hackten die Dons auf die Planken ein. Endlich war das Loch groß genug. Flackernder Glutschein zeichnete sich in der dunkel gähnenden Öffnung ab.
Im nächsten Moment flog das erste, schon glimmende Pulverfaß in hohem Bogen heraus und landete zischend und dampfend neben der Jolle im Wasser. Unwillkürlich versteifte sich Hasard, doch der befürchtete ohrenbetäubende Donner blieb aus.
Sanft dümpelte das Faß auf den Wellen dahin. Der Wind, der in Luv gegen die Bordwand drückte, trieb es langsam wieder zurück. Aber ebenso langsam ging es auf Tiefe, bis nur mehr ein Teil der bauchigen Rundung wie ein Walbuckel aus dem Wasser ragte.
Insgesamt zwölf Fässer und mehrere Kisten voll Kartuschen wurden von den Dons in höchster Elle ins Freie befördert. Dann war die unmittelbare Gefahr für die „Respeto“ wenigstens vorerst gebannt. Die Männer ließen sich von der Kuhl Eimer herabreichen und schütteten Wasser ins Innere der engen Kammer.
Hasard konnte zusehen, wie die eben noch gierig um sich greifenden Flammen zusammenfielen und gleich darauf erloschen. Der Erfolg spornte die Spanier an, doch ihnen mußte klar sein, daß sie längst nicht gesiegt hatten.
In den unteren Decks der Galeone tobte die Feuersbrunst unvermindert.
Sechs Jollen unterschiedlicher Größe dümpelten vor der langsam in den Wind schwoienden „Respeto“. Niemand achtete darauf, die Position der Galeone zu halten, das war unwichtig geworden.
An Bord des Schatzschiffs befanden sich nur noch der Kapitän, der Bootsmann und drei einfache Decksleute, die Pigatto unbedingt ihre Loyalität beweisen wollten. Der Capitán dachte nicht daran, Capitán de Vilches in seinen Bemühungen zu unterstützen. Ihm war anzusehen, daß er liebend gerne von Bord gegangen wäre, dies jedoch aus Furcht, sein Gesicht zu verlieren, nicht tun konnte. Mit der Lösung des Zwiespalts war er wohl eine Zeitlang beschäftigt.
„Der erstickt an seiner eigenen Arroganz“, sagte Edwin Carberry kopfschüttelnd.
„Und wenn nicht, dann an seiner Dummheit“, ergänzte Bob Grey.
Die Vorbereitungen waren getroffen. Drei Taucher warteten in den Booten auf ihren Einsatz. Die Meinungen über Erfolg oder Mißerfolg des Unternehmens gingen indes auseinander. Vielleicht wäre es besser gewesen, möglichst viel Gold und Silber abzubergen und die Galeone ihrem Schicksal zu überlassen.
Don Juan de Alcazar beobachtete den Seewolf eine Weile von der Seite. Hasard hatte keine leichte Entscheidung gefällt. Aber der Einsatz war es wert. Rettete er die Galeone, durfte er gewiß sein, daß seine Schwierigkeiten mit dem Konvoi geringer wurden – versagte seine Methode, würden die Probleme bestehenbleiben. Dann würde vor allem der Generalkapitän, Don Ricardo de Mauro y Avila, der sich im Moment zurückhielt und Hasard die Drecksarbeit überließ, Aufwind erhalten.
Hasard gab das Zeichen. Auf dem Bootsmannsstuhl am Vorsteven saßen zwei Dons bereit, beim Festzurren des Lecksegels zu helfen. Denn falls dabei Schwierigkeiten auftraten, würde die „Respeto“ unweigerlich auf Tiefe gehen.
Tito Menéndez und die beiden anderen Taucher, die von Bord der „Reputación“ und der „Patricia“ stammten, pumpten ihre Lungen voll Luft und ließen sich unmittelbar am Rumpf der Galeone absinken. Das schwere Schabewerkzeug, das sie bei sich trugen, erleichterte es ihnen.
Schon unmittelbar unterhalb der Wasserlinie waren die Planken von schleimigen Algen überzogen. Einige Handbreiten tiefer begann der Muschelbewuchs, der sich als ziemlich hartnäckig erwies.
Die Männer mußten ihre ganze Kraft einsetzen, um wenigstens eine kleine Fläche zu säubern. Das Wasser behinderte sie ohnehin in ihren Bewegungen. Erschwerend wirkte sich aus, daß sie wegen der Anstrengung in kurzen Abständen auftauchen mußten, um neuen Atem zu schöpfen.
Dann gingen auch die Arwenacks ins Wasser. Mit Bohrkurbeln rückten sie dem Rumpf zu Leibe.
Erste, gerade fingerdicke Löcher entstanden, durch die das Wasser aber kaum mehr als tropfenweise einsickerte.
„Wenn wir so weiterarbeiten, lachen bald die Haie über uns“, schimpfte der Profos, als er kurz auftauchte und sich am Dollbord der Jolle festhielt.
Endlich konnten zwar Fuchsschwänze angesetzt werden, aber mit ihnen unter Wasser zu sägen, erwies sich schon wegen des Auftriebs als äußerst anstrengend.
Capitán Pigatto schimpfte und fluchte auf der Back herum und forderte Hasard auf, sämtliche Männer sofort wieder seinem Befehl zu unterstellen. Außerdem behauptete er, allmählich heiße Füße zu kriegen. Keiner der Arwenacks achtete auf ihn.
Irgendwo im Innern der „Respeto“ dröhnte eine Explosion. Etliche der Männer, die sich in Don Julios Nähe in trügerischer Sicherheit wähnten, versteiften sich jäh.
Das wenige Augenblicke später zu vernehmende Fauchen und Rumoren ließ das lähmende Entsetzen weichen und nicht wenige Männer die Flucht ergreifen. Kaum einer hörte noch auf Hasards Befehle. Die beiden Kerle auf dem Bootsmannsstuhl stürzten sich kopfüber in die Wellen, von den sechs Jollen blieben nur zwei neben der „Respeto“, und in einer davon saßen ohnehin die Arwenacks.
„De Vilches, Sie verdammter Idiot, sehen Sie nun, was Sie anrichten?“ brüllte Pigatto mit sich schier überschlagender Stimme. „Das war ein vergleichsweise harmloses Rumfaß. Die nächste Explosion werden wir nicht überleben. Das sind dann die Pulvervorräte.“
Hasard schrie nicht minder laut zurück: „Wenn Sie wirklich so besorgt sind, warum stehen Sie tatenlos herum? Sie und Ihresgleichen könnten längst das Pulver an Deck mannen.“
„Was ist, wenn er recht hat?“ fragte Ferris Tucker nachdenklich. „Wir wissen nicht, wie weit das Feuer schon vorgedrungen ist.“
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