Das Beiboot der Karavelle flog in Trümmern und Splittern auseinander. Zehn Fuß des Schanzkleides waren verschwunden. Der Großmast zitterte und schwankte, knallend brach Tauwerk.
An der Stelle, an der der Heckaufbau in das Mitteldeck überging, waren die Planken eingedrückt und zeigten weiße Splitter. Das Rohr eines Geschützes zeigte schräg in den Himmel. Jetzt kippte der Großmast mit dem Dreieckssegel nach Backbord, und fast augenblicklich zeigte sich am Bug der Karavelle keine schäumende Bugwelle mehr.
Al Conroy sprang mit drei Sätzen zum Besanmast der Schebecke, zündete die Lunte der schweren Drehbasse und jagte, ehe die Distanz zu groß wurde, eine Ladung hinüber auf das Deck der Karavelle, das plötzlich leergefegt schien.
An drei Stellen züngelten kleine Brände, in einem killenden Segel vergrößerten sich die Löcher an den Rändern, und der Wind wirbelte knisternde Funken durch die Luft.
Die Schebecke nahm binnen weniger Atemzüge wieder Fahrt auf. Gerade als Al Conroy und die Zwillinge auf die Steuerbordseite hinüberliefen und sich unter Tauwerk und Segel duckten, ertönte von der Backbordseite ein gewaltiger Donnerschlag.
Fast gleichzeitig krachte das erste Geschütz der Steuerbord-Karavelle.
Al Conroy blieb starr stehen und vergaß, seine Lunte herunterzunehmen.
Die Fünfundzwanzigpfünder der „Isabella“, dachte Hasard.
Fast im Ruder, offensichtlich nur ein paar Handbreiten daneben, schlug das Geschoß der Karavelle ein. Die Pinne wurde aus Pete Ballies Fäusten geprellt, aber er sprang nach Backbord und fing sie fluchend wieder ein. Im Lärm sah Hasard nur, wie Pete die Lippen bewegte.
Jean Ribaults Fünfundzwanzigpfünder traf die Karavelle mittschiffs. Die Arwenacks sahen das riesige Loch nicht, aber sie waren fast enttäuscht, daß sie nicht mehr zu feuern brauchten. Großmast und Besanmast kippten, die Rahruten brachen, das Segel faltete sich langsam zusammen. Das Schiff schien seitwärts zu hüpfen, schüttelte sich, schwankte nach Backbord und Steuerbord und kippte, sich schwer überlegend, nach Steuerbord.
Aus der Wand von Pulverdampf und Rauch schob sich die „Isabella“ hervor und segelte gleichauf mit der Schebecke.
Die dritte Karavelle blieb im Kielwasser der Schebecke, und in ihrem Kielwasser stampfte unverändert drohend die waffenstarrende Galeone.
Pete Ballie massierte seine Handgelenke.
„Das war knapp!“ schrie er.
Hasard und die Arwenacks nahmen die Hände von den Ohren.
„Knapp, aber wirkungsvoll. Gut gezielt, Al!“ schrie Hasard durch die aufgeregten Schreie und das befreite Lachen der Arwenacks.
„Und besser getroffen. Aber der schwere Brocken von Jean Ribault – er hat es ihnen gegeben, den Dons.“
Sowohl die Karavelle als auch die „Aragon“ führten einen Schlag nach Backbord durch, nach Nordwesten. Sie wollten Zeit gewinnen und sich eine andere Taktik überlegen. Oder halfen sie vielleicht den Männern in den wracken Karavellen?
Ben Brighton stand plötzlich neben Hasard. Sie peilten durch die Spektive zu den Karavellen hinüber. Keins der Schiffe lief noch Fahrt durchs Wasser. Nur noch die Segel der achterlichen Masten flatterten killend im Wind. Rauchwolken brodelten von beiden Decks in die Höhe.
Die Karavelle, die den schweren Treffer des Fünfundzwanzigpfünders erhalten hatte, schien langsam vollzulaufen. Ihr Rumpf lag bereits tiefer im Wasser als vor wenigen Minuten.
„Eins ist sicher“, sagte Ben und nickte, „heute segeln die keine weiten Strecken mehr.“
„Ich sage, daß sie weder heute noch morgen mehr als eine Kabellänge zurücklegen. Die einen werden sich ins Beiboot retten und hinüberpullen.“
„Die sind wir los!“ rief Batuti von der Kuhl her. „Für immer.“
Al Conroy, die Zwillinge und Don Juan de Alcazar wuchteten die Lafetten der leergeschossenen Culverinen zurück. Rohrputzer und Auswischer klapperten, grauer Rauch trieb aus den Mündungen.
„Unsere Silberschiffe?“ fragte sich der Seewolf laut.
„Sehen zu, wie wir ihr Geschäft erledigen“, erwiderte Ben Brighton.
Ob auch auf den Galeonen die Geschütze feuerbereit waren, konnte aus dieser Entfernung nicht erkannt werden. Aber unverändert bewegten sich die Schiffe in einer Linie weiter, als ginge das, was am achterlichen Ende des Konvois passierte, die Señores nichts an.
„Seltsam, überaus seltsam“, meinte Dan O’Flynn und zuckte ratlos mit den Schultern.
Die Galeone und die Karavelle waren nach Backbord abgefallen und kämpften sich nach Nordwesten, um in Luv der verfolgten Schiffe zu gelangen. Die Entfernung vergrößerte sich und war zu weit für ein Gefecht.
Vom Grätingsdeck aus sahen Ben und Hasard, wie auf dem wrack geschossenen Schiff ein Boot abgefiert wurde, wie die Seeleute in größter Eile das Beiboot bemannten und dann abstießen, um zu dem anderen Havaristen hinüberzupullen.
„Sie geben ihr Schiff auf“, murmelte Hasard und bemerkte, wie sich eine größere Rauchwolke auszubreiten begann. Der Wind drückte sie zunächst auf die Wellen hinunter, dann wirbelte sie, dünner werdend, in die Höhe.
„Eine verlustreiche Verfolgung für die Dons!“ rief Old Donegal triumphierend auf der Kuhl.
„Das hätte ich ihnen schon vor einem Tag sagen können“, polterte der Profos. „Vernagelte Rübenschweine, spanische.“
„Aber auf dich hört ja mal wieder niemand, wie?“ warf Bob Grey lachend ein.
„Genauso ist es“, knurrte Carberry. „Und was jetzt? Feierabend für heute, Sir?“
Hasard lachte laut und herzhaft, dann erwiderte er, für jedermann an Deck deutlich zu verstehen: „Nicht, bevor sich unsere beiden Freunde achtern nicht gegenseitig selbst versenkt haben, Ed.“
Al Conroy hob die leergeschossene Drehbasse aus der Gabelung, trug sie wie ein Kind in beiden Armen hinunter auf die Kuhl und hockte sich auf die Stufe des Niederganges. Dann fing er an, den Lauf zu putzen und das kleine Geschütz neu zu laden. Er verwendete wie immer äußerste Sorgfalt auf diese Arbeit. Er sagte sich, daß er genug Zeit dazu hatte.
Die „Wappen“ und die „Isabella“ blieben an Steuerbord der schnellen Schebecke und passierten gerade den Raum zwischen der letzten und vorletzten Galeone.
Länger als sechs Stunden würde es nicht mehr dauern, bis wieder die Nacht begann. Vermutlich rechneten sich die Spanier für die Dunkelheit mehr Erfolg aus.
Sie gaben nicht auf, diese Verrückten, obwohl sie mitangesehen hatten, wie treffsicher sich der Gegner wehrte.
Auch wenn es sich tatsächlich um englische Spione oder gar Piraten handeln sollte, als Spanier verkleidet.
Hasard junior beugte sich hinüber zu seinem Vater, stocherte mit einem Holzspan zwischen den Zähnen und sagte: „Daß wir Weihnachten zu Hause sein werden, das war wohl einer deiner gefürchteten Scherze, Dad?“
Hasard lächelte, packte seinen Sohn um die Schulter und zog ihn an sich.
„Ja, ein Scherz. Andererseits“, er ließ eine Pause eintreten und lehnte sich gegen das Schanzkleid, „wer weiß, was noch alles passiert. Was oder wer uns aufhält. Der Nordatlantik und die See zwischen England und den Niederlanden sind voller Schiffe. Es sollen auch böse Piraten darunter sein. Ich denke, daß wir allerhöchstens in einem Monat in London sind.“
„Nicht früher?“ fragte der Sohn.
Sie trugen mittlerweile ihre gewohnten Jacken über der spanischen Verkleidung. Der Wind hatte wieder aufgefrischt. Das Meer war von unzähligen weiß schäumenden Köpfen auf den Wellenkämmen übersät. Gurgelnd und heulend brach sich der Südost im Rigg. Die Leinwand stand prall und hart. Hasard hatte die Segel vom vordersten und hintersten Pfahlmast wegnehmen und die Rahruten abfieren lassen. Das Großsegel reichte. Jetzt waren sie so schnell wie die Galeonen – oder so langsam.
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