„Natürlich nicht.“ Jorge Zapata konnte erst gar nicht fassen, daß er und seine Begleiter die unerwartete Begegnung mit dem Sonderbeauftragten seiner Majestät derart glimpflich überstehen sollten. Als der Profos nach der Jakobsleiter griff, atmeten sie jedoch auf.
„Sie sind sehr liebenswürdig“, sagte Carberry spöttisch. „Gracias!“
„Donnerwetter“, sagte José Canalejas erleichtert, als die Schebecke längst wieder auf Nordkurs lag und eine gute Kanonenschußweite entfernt ihre Laternen aufleuchteten. „Ich wäre bereit gewesen zu beschwören, daß wir jetzt an die Wanten gebunden werden.“ Dabei zuckte er zusammen, als spüre er schon die Peitschenhiebe des Zuchtmeisters.
„De Vilches scheint nicht so übel zu sein wie der Ruf, den er beim Generalkapitän und einigen Offizieren genießt“, sagte Zapata. „Wenn ihr mich fragt: daß wir nach Irland segeln, hat schon seine Richtigkeit.“
„Laß dich nicht täuschen“, widersprach Braña.
„Ha!“ Zapatas Stimme wurde schrill. „Der Generalkapitän hat uns den Rum wegnehmen lassen – war das vielleicht richtig? Ebenso könnte ich fragen, ob es richtig ist, daß er Capitán de Vilches’ Order anzweifelt.“
Er war drauf und dran sich in Rage zu reden und tobte sich dementsprechend mit den Riemen aus. Auch die anderen strengten sich an, schließlich wollten sie noch vor dem Wachwechsel wieder auf der „Respeto“ sein und den wenigen Rum verstaut haben. Dabei hätte der Wind allein sie schon gut vorangebracht.
Das Anlegemanöver klappte hervorragend. Während Canalejas das Segel abschlug und Braña die Jolle zum Aufheißen vorbereitete, mannten Menéndez und Zapata den Rum an Bord. Sie brachten tatsächlich das Kunststück zustande, Fäßchen und Flaschen in einer Luke im Vorschiff verschwinden zu lassen, ehe die neuen Wachgänger antraten.
Das einzige Problem war die Jolle. Sie hing immer noch außenbords.
„Was bedeutet das?“ Angel Berco, die neue Wache auf der Kuhl, baute sich breitbeinig vor Villasante und dem außer Atem geratenen Zapata auf und deutete auf das Boot.
„Wir hatten geglaubt, ein verdächtiges Schiff entdeckt zu haben“, sagte Antonio Villasante.
„Das habt ihr dann mit der schwer bestückten Jolle in die Flucht geschlagen“, spottete Berco. „Womöglich waren es gar marokkanische Schnapphähne. Verdammt, erzählt das euren ledigen Müttern, aber nicht mir.“
„Was glaubst du denn, he?“ rief Linares.
Nachdenklich leckte sich Angel Berco über die Lippen. „Wenn ich euch drei so ansehe, fallen mir verdammt viele Sünden ein. Unter anderen Umständen würde ich behaupten, ihr paktiert mit Piraten. Aber wir haben aufmerksame Bewacher …“
„Das allerdings.“ Jorge Zapata brachte von irgendwoher eine volle Rumflasche zum Vorschein. „Nimm das, aber halte dein Maul. Wenn nicht, ist es vorbei mit der Freundschaft.“
Angel Bercos Augen quollen förmlich aus ihren Höhlen. Er schluckte mehrmals und grinste dann breit.
„Das treibt ihr also während eurer Wache. Woher stammt die Flasche?“
„Von einem der Schiffe“, sagte Villasante. „Mehr braucht dich nicht zu interessieren.“
Berco nickte bedächtig. „Für ein solches Schweigegeld ist mir fast alles egal“, gestand er. „Zumindest im Moment.“
Der Rest der Nacht verlief ruhig und ohne Zwischenfälle. Jorge Zapata brachte die Fässer in Sicherheit – das heißt, ihm blieb keine andere Wahl, als sie an den Mannschaftsquartieren vorbei in die Laderäume einzuschleusen. Zwischen Gold und Silber würde niemand profanen Rum vermuten.
Zufrieden, doch auch ein wenig erschöpft, legte er sich schließlich aufs Ohr. Er schlief schlecht und schreckte mehrmals von Alpdrücken geplagt hoch. Das meiste, was er träumte, vergaß er sofort wieder, doch eine Szene haftete in seinem Gedächtnis, er gewann sogar den Eindruck, daß er sie stets von neuem träumte:
Die Crew verlangte, daß er mehr Rum besorgte, aber er floh, weil er sich nicht in eine Rolle drängen lassen wollte, die ihm letztlich nicht behagte. „Rum!“ riefen die Männer. „Bring uns Rum! Wir wissen, was du getan hast!“
Kein Versteck war so sicher, daß sie ihn nicht aufspürten. Ihm blieb nur noch, unter die Persenning zu schlüpfen, mit der die Jolle abgedeckt war .
Er hielt den Atem an und rollte sich zusammen, doch kräftige Fäuste packten durch die Plane hindurch nach seinen Schultern und schüttelten ihn .
„Bist du tot oder besoffen, Mann? Schlag endlich die Augen auf!“
Das Schütteln wurde heftiger. Unwillig brummend wälzte Zapata sich auf die andere Seite.
Ein schmerzhafter Hieb zwischen die Schulterblätter verriet ihm gleich darauf, daß er nicht mehr träumte.
Mario Morales lehnte halb über ihm. Der Decksmann sah zum Fürchten aus. Seine Haut hatte sich stärker gelblich gefärbt, das Gesicht was schweißüberströmt und verzerrt. Wirr hingen ihm die Haare in die Stirn. Die Augen wirkten eingefallen und waren von blutunterlaufenen Ringen umgeben, ihr Blick huschte unstet von einer Seite zur anderen.
„Wo?“ fragte Mario keuchend. „Sag schon!“
Was er wollte, war klar. Jorge Zapata erschrak über sein Aussehen. Flüchtig fragte er sich, ob er dem Mann wirklich einen Gefallen tat, wenn er ihm Zugang zum Rum verschaffte – Morales gehörte eher in die Hände eines Arztes.
„Heraus mit der Sprache, oder ich erzähle jedem, was du …“
„Schon gut, schon gut.“ Zapata warf sämtliche Bedenken über Bord. Zum Glück war niemand in der Nähe. Mario mußte selbst wissen, was ihm abträglich war und was nicht.
Jorge führte ihn ins Vorschiff, verlangte aber, daß Mario an einem Niedergang warten sollte, während er allein zwei Flaschen herbeischaffte. Der Gedanke, Morales das Versteck zu verraten, behagte ihm plötzlich nicht mehr.
Der Decksmann riß ihm die Flaschen aus den Händen. Mit den Korken hatte er indes Schwierigkeiten, beide saßen so tief, daß er sie mit seinen zitternden Fingern nicht lösen konnte.
„Hilf mir endlich!“ fauchte er Zapata an.
Jorge konnte nun nicht mehr zurück. Mit den Zähnen zog er einen der Korken heraus und spie ihn achtlos zur Seite. Morales setzte die geöffnete Flasche sofort an die Lippen und trank gierig. Daß dabei viel Rum über sein Gesicht lief, störte ihn nicht. Ein zufriedener Ausdruck trat in seine Augen.
„Was nun?“ fragte Zapata.
Morales drückte die beiden Flaschen an sich und schickte sich an, zu verschwinden.
„He!“ rief Jorge Zapata hinter ihm her. „Wo willst du hin?“
„Geht dich einen feuchten Dreck an“, erwiderte Morales abgehackt. „Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten. Damit hast du genug zu tun.“
An Bord einer Galeone von der Größe der „Respeto“ gab es wenig Räumlichkeiten, in denen sich jemand über längere Zeit hinweg ungestört wähnen durfte. Von den Laderäumen abgesehen, waren das lediglich die Vorpiek, die Bilge und die Achterpiek, wo häufig Dinge verstaut wurden, die man selten brauchte, angefangen von Farben und Hölzern über Werg, Segeltuchballen und Taue bis hin zu Teer und Pech fürs Kalfatern.
Da die Bilge als Raum an der tiefsten Stelle eines Schiffes häufig genug feucht oder gar mit Wasser angefüllt war, in dem hin und wieder sogar Kadaver von Ratten trieben, stapelte sich all der Kram zumeist in den äußersten vorn und achtern liegenden Räumen, eben der Piek.
Schon nach dem ersten kräftigen Schluck Rum hatte Mario Morales ein angenehmes Kribbeln im Magen verspürt, das rasch von einem wohligen Brennen verdrängt wurde. Die Wärme von innen heraus tat ihm gut.
Auf seinem Weg in die Vorpiek blieb er zweimal stehen, setzte die Flasche an und trank. Wie durch eine Fügung des Schicksals blieb er dabei allein.
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