Im Laufe etlicher Stunden bohrte er sich tiefer in die Matratze, ein rauchloses Glimmen, das sich schließlich verzweigte und irgendwann sogar zu einer winzigen Flamme wurde. Aber noch entstand kein Feuer. Flammen wie diese erloschen oftmals von selbst, weil sie sich in dem gepreßten Material kaum ausbreiten konnten. Tatsächlich fiel sie wieder in sich zusammen. Ein glimmender Ring blieb, gerade so groß wie der Umfang eines Goldstücks.
Der Zufall wollte es, daß Morales die Vorpiek betrat, als die Glut kaum mehr Kraft hatte. Erst der entstehende Luftzug fachte sie von neuem an. Wenig später durchstieß das Glimmen die Rückseite der Matratze und fand in dem grob gewebten Stoff bessere Nahrung.
Mehrere kleine Flämmchen huschten nach den Seiten davon, und eine erreichte jene Ecke der Matratze, die langsam den verschütteten Rum aufsog. Im Nu knisterte und knackte es, und ein irrlichtendes Leuchten griff gierig nach den Planken.
Die Glut breitete sich aus. Einzelne Flammen züngelten über den Boden, hell aufstiebend, solange der Rum ausreichte, aber ebenso rasch wieder in sich zusammenfallend.
Was blieb, war ein Glimmen in den Plankennähten. Und das weitete sich unaufhaltsam aus.
Schweißgebadet wachte Mario Morales aus tiefer Ohnmacht auf. Sein Kopf war so leer wie ein Schwamm, den kräftige Hände ausgedrückt hatten. Erst nach und nach kehrte die Erinnerung zurück.
Seltsamerweise fühlte er sich so wohl wie schon lange nicht mehr. In diesem Zustand hätte er es mit Gott und der Welt aufnehmen können. Der Rum hatte ihn wieder auf die Beine gebracht. Schade, daß die Flache leer war. Seine Finger ertasteten nur mehr Splitter und einen letzten Hauch von Feuchtigkeit.
Mario stemmte sich an dem Wergballen hoch. Auch jetzt spürte er keine Schmerzen, er stand lediglich auf wackligen Beinen. Doch solange er ausreichenden Halt fand, war das kein Problem.
Was hatte er überhaupt gewollt?
Richtig! Zapata mußte ihm neuen Rum geben.
Er vollführte eine schwungvolle Drehung, die ihn taumeln ließ. Zum Glück stand genug Zeug herum, an dem er sich abstützen konnte. Die Bewegung war wohl doch zu abrupt erfolgt, denn im nächsten Moment mußte er sich übergeben.
Ein Glimmen fiel ihm auf. Mühsam blinzelnd versuchte er, mehr zu erkennen. Aber erst als er vorübergehend die Stirn gegen die Planken gepreßt hatte, sah er deutlicher.
Das war Glut, die sich in den Fugen festsetzte.
Feuer in der Vorpiek!
Mario schluckte schwer. Niemand rechnete noch damit, daß der Schwelbrand von neuem aufflackerte.
Er mußte die anderen warnen. Jetzt genügten noch einige Eimer voll Seewasser, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Später, wenn das Feuer erst um sich griff, würde es nicht mehr so leicht einzudämmen sein.
Mario wollte schreien, aber nur ein gequältes Ächzen wurde daraus. Die Stimme versagte ihm den Dienst. Schlagartig waren die Schmerzen wieder da.
Haltlos torkelte er gegen die Tür, die unter dem Aufprall aufsprang. Er stürzte, raffte sich auf und stolperte weiter, wobei er die Tür bis zum Anschlag aufstieß. Sie federte in den Angeln zurück und schlug hinter ihm zu.
Mario merkte es nicht. Er hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Schlimmer als bei Windstärke elf oder zwölf schien der Boden auf ihn zuzuspringen, wich aber schon im nächsten Moment jäh wieder vor ihm zurück, als wolle er einen endlosen Abgrund freigeben.
Breitbeinig stand der Decksmann da, taumelte einige Schritte vorwärts, verharrte erneut und lief mit gesenktem Kopf weiter, haltlos, bis ihm die Tritte des Niedergangs Einhalt geboten. Er stürzte die ausgetretenen Stufen hinauf und blieb keuchend liegen.
Seine Finger verkrallten sich im Holz, die Fingernägel splitterten und die schwieligen Kuppen rissen auf und begannen zu bluten. Er merkte es nicht, auch nicht, daß er sich keuchend Stufe um Stufe in die Höhe zog.
Über ihm fiel Helligkeit durch die Grätings. Er hörte Stimmen, im einen Moment wie aus weiter Ferne, im nächsten schon zum Tosen eines Orkans anschwellend. Vergeblich versuchte er, die Aufmerksamkeit der Männer auf sich zu ziehen.
Feuer! wollte er schreien – er konnte es noch immer nicht. Seine Kehle war wie zugeschnürt.
Zum erstenmal empfand er Angst. Erbärmliche, nackte Angst. Was war mit ihm los? War er kränker, als er sich eingestand?
Die Luke wurde geöffnet. Jemand wollte hinuntersteigen, sah ihn und rief die anderen zu Hilfe. Mario Morales erlebte das Geschehen wie durch stetig dichter werdenden Nebel hindurch. Die Männer zogen ihn nach oben und legten ihn neben das Süll. Der Bootsmann schickte nach dem Arzt.
Seltsamerweise konnte er das meiste von dem verstehen, was die Kerle sagten, obwohl er selbst nicht mehr als ein dumpfes Stöhnen hervorbrachte.
„Das ist Mario. Er ist kaum wiederzuerkennen.“
„Er sieht aus wie der wandelnde Tod.“
„Seine Haut – so brüchig wie Pergament und so gelb wie – wie …“
„Safran“, sagte der Koch. Er beugte sich über den Decksmann und zog seine flatternden Lider hoch. „Der macht es nicht mehr lange“, fügte er mit dem Gemüt eines Fleischerhundes hinzu.
Dafür hätte ihm Mario den Hals umdrehen können. Doch das hatte Zeit. Später, wenn die Müdigkeit vorbei war, die sich in seinen Gliedern ausbreitete. Er gab sich ihr gerne hin.
Daß der Feldscher endlich erschien, sich neben ihn kniete und ihm das Hemd aufriß, war das letzte, was er noch wahrnahm.
„Und?“ fragte Kapitän Miguel Pigatto, nachdem der Feldscher eine Weile lang schweigend den Reglosen betastet hatte.
Der Mann blickte nur flüchtig auf. Sein Kopfschütteln sagte genug. Zögernd packte er die verschiedenen Instrumente wieder in seine Tasche.
„Woran ist er gestorben?“
„Sehen Sie seine Haut, Capitán. Das ist Ikterus, im Volksmund auch Gelbsucht genannt. Allgemein wird angenommen, daß diese Farbveränderung durch eine Entzündung der Leber entsteht, etwa hervorgerufen durch übermäßigen Alkoholgenuß oder andere ausschweifende Lebensweisen. Da es sich bislang um den einzigen Fall an Bord handelt, nehme ich an, daß eine ansteckende Gelbsucht auszuschließen ist, die vor allem durch Ratten und Mäuse übertragen wird.“ Er beugte sich über das Gesicht des Toten und sog prüfend die Luft ein. „Der Mann hat erst vor kurzem Rum getrunken.“
„Ausgeschlossen“, sagte der Capitán spontan. „Nicht eine Flasche befindet sich noch an Bord. Ich ließ zwar den Pulvervorrat in die achteren Räume verstauen, aber sämtlichen Rum von Bord schaffen. Schon mit Rücksicht auf das Verlangen des Generalkapitäns“, fügte er schnell hinzu, weil einige Männer plötzlich nicht mehr nur betrübt dreinblickten.
„Dann hat es Morales irgendwie verstanden, sich neuen Rum zu besorgen.“
„Wie und wann hätte er das tun sollen?“
„Sie sind der Kapitän, Señor Pigatto, wenn Sie das nicht wissen …“
„Der Mann ist wirklich tot?“
„Von dem erfahren Sie nichts mehr.“
Pigatto kehrte in einer unmißverständlichen Geste seine Autorität heraus. Die Fäuste in die Hüfte gestemmt, blickte er sich um.
„Ich will wissen, wer Morales den Rum gegeben hat! Also los, wer hat etwas zu sagen?“
Offenbar niemand.
Ungeduldig begann der Capitán wieder einmal, die aus seinen Nasenlöchern wachsenden Haare auszureißen. Das war eine Arbeit, die ihn endlos beschäftigen konnte. Lauernd musterte er seine Leute, von denen keiner gleichgültig wirkte. Aber die einen schienen wirklich keine Ahnung zu haben, und die anderen gaben sich offenbar alle Mühe, ihr Wissen zu verheimlichen.
„Du, Aparicio.“ Er wandte sich an den Koch. „Was weißt du?“
„Nichts, Capitán. Bei allen Heiligen. Wir haben keinen Rum an Bord.“
Pigatto begann eine unruhige Wanderung. Vor den versammelten Männern ging er auf und ab.
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