Unvermittelt blieb er stehen und stieß Antonio Villasante mit der flachen Hand vor die Brust.
„Heraus mit der Sprache!“
Villasante hielt dem stechenden Blick, ohne mit der Wimper zu zucken, stand. Langsam hob er die Schultern und ließ sie gleich darauf wieder sinken.
„Rede!“ fuhr der Kapitän ihn an.
„Ich habe keine Ahnung.“
„Natürlich nicht“, sagte Pigatto scharf. „Verdammt, ich lasse mich nicht für dumm verkaufen. Morales säuft sich zu Tode, und keiner will etwas gehört oder gesehen haben. Aber, so wahr ich hier stehe, ich kriege die Wahrheit heraus, und wenn ich erkenne, daß einer mich belogen hat …“ Die Drohung war unmißverständlich. Er brüllte, daß seine Stimme bis in den hintersten Winkel der Galeone zu hören war. Dem Befehl gehorchend, versammelten sich alle Männer auf der Kuhl, auf der es jetzt verdammt eng wurde.
„Ich werde jede Meuterei schon im Keim ersticken!“ schrie der Kapitän. „Woher stammt der Rum? Also gut, ich habe Zeit. Meinetwegen steht ihr hier, bis ihr schwarz werdet.“
Zornig stampfte er davon, zum Achterdeck, wo lediglich der Rudergänger noch auf seinem Platz verharrte.
Der Konvoi segelte unter blauem, nur leicht bewölktem Himmel. Der Wind wehte überraschend konstant, Segelmanöver waren daher überflüssig. Also konnte er es sich erlauben, abzuwarten. Der Rum interessierte ihn im Grunde genommen nicht mehr, doch wenn schon bei Kleinigkeiten der Ungehorsam begann, wie sollte das erst in ernsten Situationen aussehen?
Capitán Pigatto glaubte, daß er seinen Leuten immer genug Freiraum gelassen hatte, aber inzwischen orientierte er sich mehr und mehr am Vorbild des Generalkapitäns Don Ricardo de Mauro y Avila und gelangte zu der Überzeugung, daß ein härteres Durchgreifen der Disziplin bestimmt nicht schadete.
Er begann eine ruhelose Wanderung von Steuerbord nach Backbord und zurück. Nicht einer der Männer auf der Kuhl wandte den Kopf oder muckste sich gar. Wie angewachsen standen sie da – hölzerne Figuren in einem Spiel, bei dem es darum ging, Überlegenheit und Stärke zu beweisen.
Erst als der Rudergänger die Sanduhr umdrehte und die Schiffsglocke anschlug, wurde Pigatto bewußt, daß inzwischen eine halbe Stunde vergangen war.
Hielten die Kerle ihn zum Narren? Die absolute Reglosigkeit, mit der sie verharrten, war nicht normal.
Der Kapitän wirbelte herum, seine Finger verkrampften sich um den Handlauf der Balustrade, bis sein eigener Griff ihn schmerzte. Diesen Männern gegenüber fühlte er sich unterlegen. Von Anfang an, als er die Führung der „Respeto“ übernommen hatte, war er bei der Crew auf Widerstand gestoßen.
Seinen Vorgänger hatten Soldaten tot im Hafen von Cadiz gefunden, mit einem Dolch im Rücken. Hinter vorgehaltener Hand war von einem Streit an Bord getuschelt worden. Hatte tatsächlich einer der Männer gewagt, die Hand gegen seinen Kapitän zu erheben? Von keinem hatte er bisher mehr als vage Andeutungen darüber gehört. Dabei traute er eine solche Tat mehreren Kerlen zu.
Miguel Pigatto zuckte kurz zusammen, als er überrascht feststellte, daß seine Rechte auf dem Degenknauf lag. Fühlte er sich an Bord seines Schiffes nicht mehr sicher?
„Ihr fühlt euch stark, was?“ brüllte er zur Kuhl hinunter. „Aber euch wird der Spaß vergehen, dafür sorge ich.“
Er preßte die Lippen aufeinander. Ebensogut konnte er in den Wind reden. Keiner der Kerle gab durch eine Regung zu verstehen, daß er die Drohung ernst nahm. Miguel Pigatto spürte, daß er drauf und dran war, die Autorität zu verlieren. Er gab sich selbst nur der Lächerlichkeit preis, wenn er die Männer länger auf der Kuhl stehen ließ.
Wer von ihm war wohl fähig, von hinten zuzustechen? Juan Barbara, der Segelmacher, dessen Miene nie Rückschlüsse auf seine wahren Gedanken zuließ? Oder Villasante, nach außen aufrichtig wirkend und hilfsbereit, aber auch dem Rum zugetan und im Suff unberechenbar.
Mit einem lauten Fluch wischte der Kapitän alle diesbezüglichen Gedanken zur Seite. Er war im Begriff, sich selbst auf trügerisches Terrain zu begeben.
„Es ist genug!“ hörte er sich rufen. „Wer glaubt, ohne den verdammten Rum nicht leben zu können, der soll von mir aus saufen, bis er tot umfällt. Aber wenn ich einen erwische, dessen Arbeit darunter leidet, den lasse ich kielholen. Ich hoffe, wir haben uns verstanden. Du, Juan Barbara, nähst den Toten in Segeltuch ein. Nimm dir als Helfer, wen du willst. Sobald du fertig bist, übergeben wir Morales der See.“
Keiner der Kerle verschwand unter Deck. Die meisten blieben auf der Kuhl, sogar die Freiwache.
Miguel Pigatto gab sich Mühe, seine wachsende Unruhe zu verbergen. Eines Tages würden diese Burschen selbst eines nichtigen Anlasses wegen meutern.
„Señor Capitán!“ Decksmann Angel Berco stand irgendwann neben ihm und grinste schräg. „Alles ist fertig.“
„Wie? Ja.“ Pigatto wirkte fahrig, als er den Niedergang hinunterschritt.
Die Männer wichen vor ihm zur Seite und gaben den Weg frei, aber er spürte ihre Blicke auf seinem Rücken brennen. Der kurze Weg zum Großmast gestaltete sich zum Spießrutenlauf. Unheimlich war daran, daß niemand redete.
Jorge Zapata und Juan Barbara standen am Schanzkleid. Sie hielten die Planke, auf der der Tote lag.
Der Kapitän nickte kurz. Er hatte nicht die Absicht, große Worte zu sprechen.
„Der Weg des Fleisches ist vorgezeichnet“, sagte er. „Niemand weiß, wann wir die Segel streichen müssen – das ist allein Gottes Ratschluß. Uns Sterblichen obliegt es, ihm mit der nötigen Ehrerbietung zu begegnen, so wie ein Bauer seinem König oder ein Seemann seinem Kapitän. Mario Morales hat seine Pflicht getan, jedenfalls über lange Zeit hinweg. Er hat seinem Leben aber auch selbst ein Ende gesetzt, denn er war dem Rum verfallen, mehr wohl, als die meisten von uns gewußt haben. Wir nehmen Abschied von ihm. Santa Maria, madre de Dios, nimm diesen Mann auf in das Reich Gottes und schenke ihm ewigen Frieden.“
„Amen“, murmelten die Männer und bekreuzigten sich.
Kapitän Pigatto nickte dem Segelmacher zu, der daraufhin gemeinsam mit Zapata die Planke hochstemmte. Langsam, mit den Füßen zuerst, glitt der in angekohltes Segeltuch eingenähte Tote außenbords – für Barbara wäre es wie Verschwendung erschienen, ein unbeschädigtes Segel zu nehmen.
Einen Augenblick später tauchte Morales in die Wellen, schwamm aber trotz des beigefügten Gewichts noch einmal auf. Diejenigen Männer, die unmittelbar neben dem Schanzkleid standen und den Vorgang beobachteten, bekreuzigten sich spontan. Bis die anderen sich vordrängten, trieb der Leichnam jedoch schon in der Hecksee und sackte inmitten eines Schwalls aufsteigender Luftblasen endgültig in die immer noch wogende See ab.
„Feuer!“ brüllte jemand in dem Moment, als sich fast aller Augen auf die See richteten.
Dichter, schwerer Qualm quoll aus der Luke auf der Kuhl hervor. Noch verwirbelte der Wind den grauschwarzen Rauch und drückte ihn über das Süll hinweg auf die Planken, wo er auffaserte und schnell verwehte. Aber eine zunehmend dichtere Wolke drang von unten herauf.
Einige Augenblicke lang starrten die Männer fassungslos auf die Luke. Keiner wollte glauben, was er sah. Doch der Rauch blieb und wälzte sich langsam zur Back.
„Schnell!“ befahl der Kapitän. „Holt Pützen! Öst Wasser! Eine Kette bilden!“
Noch züngelten keine Flammen hoch. Aber dann wäre es ohnehin zu spät gewesen, die „Respeto“ retten zu wollen.
Capitán Pigatto riß die Luke auf. Als erster stieg er die schmalen Tritte hinunter. Beklemmend legte sich der Qualm auf seine Lungen. Er mußte husten und wedelte hilflos mit den Armen durch die Luft, ohne jedoch den Rauch vertreiben zu können. Die Sicht blieb miserabel.
Читать дальше