„Nein“, sagte Zapata.
„Dann schweig!“
Die Segel killten, als sich die „Respeto“ quer vor den Wind legte. Die Krängung nach Backbord war deutlich zu spüren.
„Tucht die Segel auf!“
Während die Crew noch verbissen arbeitete, segelten die nachfolgenden Schatzschiffe in Luv heran. Pigatto sah, daß die Boote klariert wurden. Offenbar glaubten die Kapitäne, schon jetzt die Mannschaft abbergen zu müssen.
„Die sollen kein solches Affentheater aufführen“, schnaubte Pigatto. „So wahr ich auf diesen Planken stehe, ich bringe die ‚Respeto‘ heil ans Ziel.“
Er ließ zu den Schiffen signalisieren, daß sie auf Distanz bleiben sollten. Gleiches galt für die Schebecke, doch Don Julio de Vilches scherte sich offensichtlich einen Dreck um die Wünsche des Capitáns.
Pigatto zupfte schon wieder in seinen Nasenlöchern herum. Daß plötzlich Blut an den Fingerspitzen klebte, schien ihn zu irritieren.
„Wenn de Vilches unbedingt meint, sich einmischen zu müssen, knall ich ihm einen Drehbassenschuß vor die Figur, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Linares, den Einpfünder auf der Back laden!“
Téofilo Linares wollte abwehren und sagen, daß es Wahnsinn sei, den Sonderbeauftragten seiner Majestät auf diese Weise zu provozieren, aber als er Pigattos Gesichtsausdruck sah, beeilte er sich, dem Befehl Folge zu leisten. So wenig ihm schmeckte, de Vilches’ Leute an Bord zu sehen, noch weniger gefiel ihm, der Meuterei bezichtigt zu werden. Und Miguel Pigatto war mit derartigen Anschuldigungen schnell bei der Hand.
Die voraussegelnde „Reputación“ halste, drehte in den Wind und bezog Warteposition. Auch auf der „Santos los Reyes Mayos“ und dem Flaggschiff des Generalkapitäns, der „Salvador“, war man auf den Qualm aufmerksam geworden. Beide Galeonen näherten sich auf Kreuzkurs.
Pigatto brüllte ein halbes Dutzend Namen. Die Betreffenden erhielten Zimmermannsbeile, Äxte und Sägen und sollten versuchen, von oben her zum Brandherd vorzustoßen.
„Wer den Qualm nicht mehr aushält, soll sich ablösen lassen. Aber ich erwarte, daß jeder sein Bestes gibt.“
„Da haben wir die Sauerei“, schimpfte Old Donegal Daniel O’Flynn inbrünstig. „Die Spanier sind zu blöd, ein mickriges kleines Feuerchen unter Kontrolle zu halten. Möchte bloß wissen, wie die das angestellt haben, daß die Galeone schon wieder qualmt.“
„Schwimm hin und frag sie“, riet Big Old Shane.
Old Donegals Granitgesicht wies schlagartig einige Falten mehr auf. Nachdenklich kratzte er sich den Kopf.
„Zu was sollte das gut sein?“
„Du erfährst vielleicht, was los ist.“
„Deshalb springe ich nicht wie ein Verrückter ins Wasser. Wie ich Hasard kenne, bringt er die Schebecke ohnehin auf Enterkurs.“
„Auf die Art geht es natürlich auch.“
Old Donegal bedachte den Schiffsschmied mit einem mißtrauisch forschenden Seitenblick.
„Du versuchst doch nicht etwa, mich für dumm zu verkaufen?“ fragte er lauernd.
„Ganz bestimmt nicht, Sir. Das läge mir jungem Spund fern.“ Tatsächlich hatte Old Donegal einige Jährchen mehr auf dem Buckel als Shane, doch mußte er schon besonders guter Laune sein, um das zuzugeben.
„Aaachtung!“ erklang es von irgendwoher.
Der Blick des Alten pendelte zwischen Shane und der „Respeto“ hin und her, ohne daß er sich schlüssig wurde, wem mehr Aufmerksamkeit zu widmen war.
„Du solltest zur Seite treten“, sagte der graubärtige Riese.
„Pah“, erwiderte Old O’Flynn, „ich höre schon gar nicht mehr hin, weil du ohnehin nur Stuß quasselst.“
„So wie Mary Snugglemouse, wenn du ihr den Kopf vollaberst.“
„Laß Mary aus dem Spiel. Was zwischen uns beiden ist, geht dich überhaupt nichts an. Soll ich dir sagen, was es dich angeht? Einen …“
„Ich weiß“, sagte Big Old Shane. „Aber vielleicht hättest du die Güte, die Augen trotzdem mal nach hinten zu richten.“
Old Donegal hörte auf, sich zu kratzen. Er fuhr sich mit dem Handrücken durchs Gesicht. Sein Blick ruhte auf der „Respeto“, die sich zunehmend in dichten Qualm hüllte.
„Eine schöne Schweinerei ist das“, murmelte er. „Wenn Zustände wie da drüben auf einem englischen Schiff herrschen würden …“
„Siiir! Old Donegal! Bist du tauuub?“
Pfeifend atmete der Alte aus. „Was brüllt Roger hinter meinem Rücken herum?“ fragte er. „Ich bin nicht schwerhörig. Wenn der Mister Takelmeister was von mir will, soll er sich gefälligst herbemühen. Ist ja keine Weltreise.“
Tief holte Big Old Shane Luft. Er hatte Mühe, nicht lauthals herauszuplatzen, schließlich sah er, was sich hinter Old O’Flynns Rücken abspielte. Die Männer, die damit befaßt waren, das Großsegel herumzuholen, schnitten die unmöglichsten Grimassen.
„Du solltest dich vielleicht doch …“
„… umdrehen? Nein. Ich stehe hier und beobachte das Geschehen auf der ‚Respeto‘. Schließlich hat sie ’ne Menge Kostbarkeiten geladen. Warum muß ich mich dabei stören lassen?“
„Weil …“ Big Old Shane gab es auf, dem alten Dickschädel zu verklaren, was los war. Er würde schon sehen, was ihm seine Sturheit einbrachte.
Roger Brighton und die anderen, die am Großmast hantierten, gelangten gleichzeitig zum selben Entschluß. Sie holten die Großrahrute endgültig herum.
Old Donegal Daniel O’Flynn fühlte sich recht unsanft von der Seite her angerempelt. Erstaunlich schnell wirbelte er herum. Seine Rechte zuckte mit der Krücke hoch, aber der Schlag ging ins Leere, weil niemand hinter ihm stand.
Der eigene Schwung ließ ihn taumeln. Ehe er sich’s versah, kippte er nach vorn, wobei die Männer an den Tauen eifrig nachhalfen, und hing unvermittelt bäuchlings über der Rahnock, die sehr schnell in die Höhe stieg.
Nun war die Reihe an ihm, lauthals zu brüllen.
„Das war Absicht! Ein Attentat auf den Admiral! Ich werde es euch heimzahlen, ihr heimtückisches Pack!“
Die Arwenacks prusteten vor Lachen. Selbst Hasard grinste, als er seinen Schwiegervater auf der Rahrute liegen und wie ein Ertrinkender mit Armen und Beinen rudern sah.
„Schimpfen, Sir, ist in deiner Lage unangebracht!“ rief der Profos. „Halte dich lieber gut fest.“
Old Donegal antwortete mit einer unanständigen Aufforderung. Und dann zeigte er den Burschen an Deck, daß er trotz seines Alters noch lange nicht abgewrackt war und in seinen Knochen noch genügend Kraft steckte, um es mit jedem Moses aufzunehmen. Nicht einmal seine Beinprothese setzte ihm dabei sonderlich zu.
Auf dem Bauch liegend, hangelte er sich auf der nur mehr leicht schräg stehenden Rahrute zum Mast hin. Einigen Männern stockte der Atem, als er sich dann von der Spiere gleiten ließ und vorübergehend nur mehr an einer Hand hing. Arwenack konnte kaum besser turnen, als der Alte es jetzt demonstrierte. Augenblicke später hing er an der Verstagung des Großmastes und hangelte rückwärts ab, die Beine über das Tau gekreuzt.
Bis er wieder auf den Planken stand, war er zwar sichtlich außer Atem, doch das tat dem Staunen der Arwenacks keinen Abbruch. Old Donegal Daniel O’Flynn grinste herausfordernd.
„Du kannst tatsächlich noch mit jedem Irrwisch mithalten“, sagte Carberry in echter Bewunderung.
„Die Feier wird auf später verschoben!“ rief Hasard vom Achterdeck. „Oder soll die ‚Respeto‘ vor unseren Augen sinken?“
Das wollte niemand. Schon gar nicht wegen der wunderbaren Schätze, die jede Galeone an Bord hatte.
Mittlerweile näherten sich auch einige der anderen Schiffe. Von der „Respeto“ aus wurde ihnen signalisiert, auf Distanz zu bleiben.
„Sieht so aus, als brauchte Pigatto diesmal keine Hilfe“, sagte Dan O’Flynn.
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