Der Seewolf winkte ab.
„Das gilt nicht für uns“, sagte er.
Aber das war schlichtweg ein Irrtum, wie sich gleich darauf herausstellte.
„Ich vermute, daß die Crew dort drüben lieber abbrennt, als uns noch einmal an Bord zu lassen“, sagte der Profos, wobei er sich gleichzeitig erwartungsvoll die Hände rieb.
Hasard begann sich zu fragen, wie Pigatto reagieren würde. Er traute dem muffigen, undurchsichtigen Kerl beinahe jede Reaktion zu.
„Wir gehen langsamer ran“, entschied er. „Das Großsegel aufgeien!“
Dadurch erhielten die Arwenacks Zeit, das Geschehen auf der Galeone zu beobachten, soweit dies durch den dichten Rauch überhaupt noch möglich war.
Die Distanz betrug rund dreihundert Yards. Die Schebecke segelte mit nahezu achterlichem Wind, also fast rechtwinklig zur „Respeto“.
„Gleich kracht’s“, sagte Dan.
Der Profos kniff die Brauen zusammen und musterte ihn eindringlich.
„Bei wem?“ wollte er fragen, doch das Wort blieb ihm im Mund stecken. Drüben, auf der Back der „Respeto“, blitzte und donnerte es, und weit vor der Schebecke schlug der „Blitz“ ein. Gerade auf halber Distanz zwischen beiden Schiffen stieg ein jämmerliches Fontänchen in die Höhe.
Ungläubig rieb sich Carberry die Augen.
„Ein Mückenschiß“, sagte er. „Diese olivenfressenden Rübenschweine haben wohl zu lange in der prallen Sonne gestanden? Was bilden die sich ein? Denen sollte man den Achtersteven polieren, bis ihre Haut so rot ist wie die eines Pavians.“
Er wußte nicht, daß genau in dem Moment Capitán Pigatto weitaus schlimmere Worte benutzte und kein gutes Haar an Linares ließ, der viel zu früh gefeuert hatte.
„Beidrehen bei zweihundert Yards!“ befahl der Seewolf. Das lag auf jeden Fall außerhalb der Reichweite der Drehbassen.
„Du willst ihnen nicht beistehen?“ fragte. Dan.
„Sie wollen uns nicht“, sagte Hasard. „Oder soll ich den Drehbassenschuß als freundliche Einladung auffassen?“
„Diese Miesmuschel von Kapitän ändert seine Meinung bestimmt noch.“ Der Profos zeigte sich zuversichtlich, was nicht zuletzt auch daran lag, daß es ihn gehörig in den Fäusten juckte. „Wartet nur erst, bis die da drüben langsam, aber sicher geröstet werden. Dann wird es Pigatto hoffentlich eine Ehre sein, sich von uns retten zu lassen.“
Die Sicht unter Deck und damit auch die Bedingungen für die Crew der „Respeto“ waren ein wenig besser geworden. Vor den Stückpforten der Steuerbordseite wirbelte die frische Brise den Qualm heftig durcheinander und trieb ihn in dichten Schwaden quer durchs Schiff. Ein Gestank nach Teer und Farben lastete überall.
Das Dröhnen wuchtiger Axthiebe und das Kreischen der Sägen hallten durchs Schiff. Die Männer verausgabten sich, um von oben her schleunigst an den schwelenden Brandherd zu gelangen. Nach wie vor trugen sie nasse Tücher vor den Gesichtern, weil der Rauch so einigermaßen erträglich wurde.
Niemand hätte geglaubt, daß die alten Planken derart widerstandsfähig sein würden. Noch dazu federten sie unter den Hieben.
Die erste Öffnung, aus der dichter schwarzer Qualm nach oben quoll, war dennoch schnell geschaffen. Schwitzend und fluchend versuchten die Männer, sie so weit zu vergrößern, daß sie bequem nach unten steigen konnten.
Verbissen hieb Zapata auf die Planken ein. Seine Augen tränten, der Hals brannte, aber darauf achtete er nicht. Er war wütend – auf sich selbst, auf die anderen und die Umstände …
Unvermittelt fiel der Segelmacher ihm in den Arm.
„Das Loch ist groß genug. Du hast hoffentlich nicht die Reales vergessen.“
„Keine Angst“, zischte Zapata. „Ich denke dran.“
Der Rauch von unten her wurde dichter. Zu erkennen war herzlich wenig, nur ein düsteres Glühen inmitten der wogenden Schwärze. Mindestens fünf oder sechs verschiedene Brandnester zeichneten sich ab. Durch die Luftzufuhr begannen die Flammen aufzulodern und schneller um sich zu greifen.
Der Bootsmann brachte eine Jakobsleiter und zwei Eimer. Viel erreichte er nicht, als er das Wasser von oben her auskippte. Es zischte und dampfte und die Glut färbte sich vorübergehend dunkler, aber die Flammen züngelten danach sofort wieder auf. Der Qualm wurde dichter.
„Jemand muß hinuntersteigen.“ Tomas d’Alvarez rollte die Leiter aus. Er griff sich einfach den ihm am nächsten stehenden Mann und schickte ihn in die Vorpiek. „Du bist dran, Barbara, geh schon!“
Decksleute mannten weitere wassergefüllte Eimer herbei und nahmen die leeren mit zur Kuhl. Ob sie auf den Niedergängen eine Kette bildeten, um sich möglichst nicht gegenseitig zu behindern, war nicht zu erkennen.
Barbara stieg in die Piek hinunter. Die Hitze, die ihm entgegenschlug, war oben noch nicht in dem Ausmaß wahrzunehmen gewesen.
„Die Eimer!“ rief er, als er auf einer der letzten Sprossen stand. D’Alvarez reichte sie ihm nach unten.
„Wie sieht es aus?“
„Wenn ich mehr erkennen könnte, wäre ich froh.“
Ringsum prasselte und knisterte es und waberte die Glut. Glühend zeichneten sich die Umrisse von Matratzen und Wergballen, von Fässern und Kisten ab.
Barbara schüttete das Wasser aus einem Eimer auf den Boden. Er brauchte einen Fleck, auf dem er sicher stehen konnte. Den Inhalt der zweiten Pütz kippte er sich über den Kopf. Die Hitze war daraufhin nicht mehr ganz so unerträglich.
Jemand stocherte von oben herab mit einem Bootshaken in der Glut herum. Ein bis eben noch zusammenhaltender Ballen brach daraufhin in zwei Teile auseinander und entließ einen Schwall nach allen Seiten davonstiebender Funken. Sengend legte sich die Hitze auf Barbaras Gesicht.
„Wollt ihr Idioten da oben mich umbringen?“ brüllte er mit sich überschlagender Stimme. „Ich brauche verdammt noch mal mehr Wasser.“
Der Bootshaken krachte neben ihm auf die Planken, kippte langsam und fiel in die erneut auflodernden Flammen. Barbara verspürte das mulmige Gefühl, daß das nicht zufällig geschah. Er wurde in seinen Grübeleien aber sofort unterbrochen, weil die Kerle eine Talje angeschlagen hatten und nun in schnellerer Folge gefüllte Pützen zu ihm herunterließen.
Die Flammen leckten an einigen Balken empor und züngelten bereits unter der Decke entlang. Die Hitze wurde immer unerträglicher. Juan Barbara wußte, daß er nicht mehr lange durchhalten würde, trotzdem versuchte er zu retten, was zu retten war. Je weiter das Feuer sich ausbreitete, desto schwieriger würde seine Bekämpfung werden.
Eimer um Eimer kippte er mit Schwung auf den Boden und gegen die Wände. Es zischte und knisterte, und Dampf und Qualm vermischten sich zu einer immer dichteren Suppe, vom Feuer gespenstisch flackernd erhellt.
Ein zweiter Mann stieg hinunter. Weil in dem Moment ein Teerfaß hell aufloderte, erkannte der Segelmacher Jorge Zapatas kantiges Gesicht.
Der Teer brannte mit greller Flamme und unter stärkster Rauchentwicklung. Kurz entschlossen kippte Zapata einen vollen Eimer auf die brennende, zähflüssige Masse. Es gab ein dumpfes, fauchendes Geräusch wie bei einer Verpuffung, und glühender Teer spritzte nach allen Seiten.
Barbara, der unmittelbar neben dem Faß gestanden hatte, schrie entsetzt auf. Die Glut fraß sich durch seine Kleidung. Er hatte plötzlich genug damit zu tun, die winzigen Flammen auf seinem Hemd auszuschlagen.
Zapatas Angriff traf ihn deshalb unvorbereitet, er brachte nicht einmal mehr die Arme abwehrend hoch, als der Decksmann ihm einen Eimer an den Kopf schmetterte. Der Schlag war hart genug, ihn von den Beinen zu fegen.
Noch im Sturz begriff er, daß er um sein Leben kämpfen mußte. Zapata hatte viel zu verlieren, und er hatte sich offenbar entschlossen, den Mitwisser aus dem Weg zu räumen.
Wieder schlug er zu. Der stechende Schmerz, der jäh durch seine Schulter zuckte, raubte dem Segelmacher den Atem, obwohl unmittelbar über den Planken der Rauch nicht so dicht war. Verzweifelt wollte er sich herumwälzen und nach den Beinen des Gegners treten, doch Zapata war schneller.
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