„Die Jolle hält Kurs auf die nachfolgende Galeone“, meldete Dan.
Der Seewolf glaubte es ihm unbesehen, obwohl die Nacht das kleine Boot schon verschluckt hatte. Mitunter fragte er sich nur, wie Dan O’Flynn so sicher sein konnte, Einzelheiten zu sehen, wo andere längst nichts mehr erkannten.
„Refft die Fock!“
Die Arwenacks waren eine hervorragend aufeinander eingespielte Crew. Das gelegentliche Hickhack zwischen ihnen war bedeutungslos und diente eher noch der Festigung der Gemeinschaft, weil einer des anderen Stärken, aber auch die Schwächen kannte.
Die Schebecke, vorher schon ohne Großsegel ziemlich langsam, verlor weiter an Fahrt. Das Rauschen der See unter dem scharf gehöhlten Vorsteven ebbte ab.
Hasard wollte herausfinden, was bei den Spaniern vorging. Nicht ohne Grund tauschten sie heimlich Nachrichten zwischen den Schiffen aus. Auf der Höhe der portugiesischen Küste galt es ohnehin, besonders vorsichtig zu sein. Das Mißtrauen einiger Kapitäne gegen den vermeintlichen Don Julio de Vilches und seine Forderung, Irland anzulaufen, war nach wie vor gegenwärtig.
Planten sie, in einer gemeinsamen Aktion einfach nach Osten abzudrehen und ihn vor die Wahl zu stellen, entweder auf die Galeonen zu schießen oder sie gewähren zu lassen? Als Sonderbeauftragter des Königs von Spanien durfte er nicht wagen, auch nur eines der mit Gold, Silber und edlen Steinen beladenen Schiffe zu den Fischen zu schicken.
War der Generalkapitän Don Ricardo de Mauro y Avila, ein übellauniger, mürrischer und rechthaberischer Mann, der momentan mit seinem Flaggschiff „Salvador“ den Konvoi anführte, zu entsprechenden Schlußfolgerungen gelangt?
„Ruder ein Strich Backbord!“
Der Mann an der Pinne bestätigte.
Mittlerweile hatte die Jolle die „Honestidad“ erreicht und war längsseits gegangen. Die Männer aus dem Boot, ohnehin nur vier an der Zahl, enterten auf. Während Hasard und Don Juan abwechselnd durchs Spektiv blickten und lediglich undeutliche. Gestalten erkannten, nannte Dan O’Flynn allen Ernstes Namen. Er behauptete, daß Zapata, Menéndez und Braña zur Bootsbesatzung gehörten. Wegen des längere Zeit anhaltenden, inzwischen aber gelöschten Schwelbrandes in der Vorpiek der „Respeto“ waren den Arwenacks einige der Spanier bekannt. Lediglich den vierten konnte Dan nicht identifizieren.
Lange Minuten vergingen, ohne daß Erwähnenswertes geschah. Die Schebecke segelte ungefähr auf gleicher Höhe mit der Galeone.
Endlich zeigte sich wieder Bewegung an Deck der „Honestidad“. Dan begann herzhaft zu lachen.
„Ich denke, diesmal haben wir unser Mißtrauen zu weit getrieben“, sagte er zu Hasard. „Don Ricardo hat uns wohl damit angesteckt.“
„Die Kerle fieren Ladung ab“, stellte der Seewolf fest.
Dan nickte und grinste bis zu den Ohren. „Wie es aussieht, Rumfässer. Klar, daß sie das in aller Heimlichkeit tun.“
„Warum haben wir daran nicht eher gedacht?“ fragte Don Juan.
„Weil wir keine Säufer sind, ist doch einleuchtend.“ Der Profos, der soeben zum Achterdeck aufstieg, hatte genug gehört und mischte sich prompt in das Gespräch ein. „Na ja“, sagte er im selben Atemzug, „von gelegentlichen Ausnahmen abgesehen.“
Hasard wandte sich zu ihm um. „Sag den Männern, sie sollen sich ab sofort ruhig verhalten. Wir bringen die Jolle auf. Es kann nichts schaden, wenn einige Dons uns scheinbar zu Dank verpflichtet sind.“
„Willst du ihnen den Rum abnehmen?“
„Bin ich ein Unmensch?“ stellte Hasard die Gegenfrage. „An Bord der ‚Respeto‘ herrschen wieder normale Zustände. Wir können schließlich nichts dafür, daß Capitán Pigatto vergessen hat, seine Crew nach dem Aufklaren standesgemäß zu versorgen.“
Wenig später segelte die Schebecke erneut unter vollem Tuch. Sie näherte sich der Jolle schräg von achtern. Da die Spanier offenbar nur Augen für die vor ihnen liegende „Respeto“ hatten, bemerkten sie den schnellen Dreimaster nicht.
Erst bei einer Distanz von wenig mehr als zwanzig Yards wurden sie aufmerksam. Vermutlich hatten sie das Rauschen der Bugwelle vernommen oder das kurze Flappen der Segel, als Hasard den Kurs angleichen ließ.
In ihrer Überraschung taten die Männer in der Jolle ziemlich das Dümmste, was ihnen einfallen konnte, sie versuchten, der Schebecke davonzulaufen und fielen nach Backbord ab.
Weit schafften sie es nicht. Der Dreimaster hatte genügend Höhe, um ihnen innerhalb kürzester Zeit vor den Bug zu segeln. Die Spanier hatten plötzlich alle Hände voll zu tun, eine Ramming zu vermeiden: höchstens vier Yards querab versuchten sie, gegen den Wind zu kreuzen.
„Beidrehen, oder wir setzen euch auf Grund!“ rief Carberry gerade so laut, daß die Dons ihn hören konnten. Aber erst als Al Conroy eine seiner Culverinen ausrannte, strichen die Spanier das Segel.
Carberry warf ihnen eine Leine zu.
„Belegen!“ befahl er, während er zugleich die Jakobsleiter ausrollte.
Hasard trat neben ihn. „Du weißt, wie du sie anpacken mußt?“
Der Profos verzog sein Narbengesicht zu einem vielsagenden Grinsen.
„Sanft“, sagte er. „Sehr sanft.“ Dabei rieb er sich bedeutungsvoll die Pranken.
„Vergiß das nicht“, mahnte der Seewolf. „Mir ist keinesfalls daran gelegen, daß Pigatto die Sache spitz kriegt.“
„Wenn dem so ist …“ Edwin Carberry baute sich zu einer vollen riesenhaften Statur auf: „Ich bitte, von Bord gehen zu dürfen, Sir!“
„Erlaubnis erteilt“, sagte Hasard.
Der Profos enterte ab. Die letzten Sprossen übersah er geflissentlich und sprang in die Jolle, deren Planken bedrohlich ächzten.
„Buenas noches, Señores“, sagte er herausfordernd. „Cómo está usted? – Wie geht es Ihnen?“ Als er nicht sofort eine Antwort erhielt, schnaubte er barsch: „Don Julio de Vilches empfindet es als ungewöhnlich, daß Sie zu mitternächtlicher Stunde und ohne Laterne von einer Galeone zur anderen segeln. Nur Schnapphähne und anderes Gesindel bemüßigen sich solcher Methoden.“
„Wir haben nichts Ehrenrühriges getan“, widersprach Jorge Zapata.
„Natürlich nicht“, sagte der Profos spöttisch und reckte angriffslustig das Rammkinn. „Die meisten Delinquenten behaupten das sogar noch vor ihrer Hinrichtung.“
„Señor …“ Braña schnappte jäh nach Luft.
Carberry winkte heftig ab. „Capitán Pigatto wird über die Störung wenig erbaut sein. Aber Capitán de Vilches hat beschlossen, ihn zu wecken, um die Angelegenheit zu klären.“ Sein Blick wanderte durch das Boot und blieb an den mittschiffs verstauten Fässern hängen. „Was ist das?“ fragte er scharf. „Pulver? Womöglich um eins der Begleitschiffe zu versenken? Wollt ihr Gold stehlen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden? Die Küste könntet ihr bei guter Seemannschaft mit eurer Nußschale erreichen.“
„In den Fässern ist Rum“, sagte Zapata kläglich. „Der Capitán hat den Alkohol an Bord verboten.“
„Dann wird es sich über unseren Fang besonders freuen.“
„Wir gefährden die Sicherheit des Konvois in keiner Weise“, widersprach Braña. „Wollen Sie wirklich, daß wir nur dafür bestraft werden, daß wir einen kleinen Teil unseres Rumvorrats zurückholen?“
Edwin Carberry rieb sich nachdenklich das Kinn. Das dabei entstehende schabende Geräusch war dazu angetan, den Dons eisige Schauder über den Rücken zu jagen. Danach musterte er die Fäßchen.
„Wieviel Rum?“ fragte er.
Jorge Zapata beeilte sich mit der Antwort.
„Das ist zuviel“, sagte der Profos.
Er bückte sich und wuchtete eins der Fäßchen hoch. Mit geradezu spielerischer Leichtigkeit setzte er es auf seine Schulter.
„Für die Großzügigkeit von Capitán de Vilches und mir ist das sicher kein zu hoher Preis“, stellte er fest.
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