Guillermo Corel hatte sich unbeobachtet geglaubt. Deshalb zuckte er wie ein ertappter Sünder zusammen, als er die Back verließ und unerwartet angesprochen wurde.
„He, Guillermo“, sagte Rufino Vaquero, der Fockmastgast der „Honestidad“, „was hast du aus dem Wasser gezogen? Das war bestimmt kein Fisch.“
„Fisch?“ Corel konnte bis zum Umfallen arbeiten, aber im Denken, wenn er den anderen Rede und Antwort stehen mußte, war er um einiges langsamer. „Wovon sprichst du?“
„Von deiner Liebschaft mit der Seejungfrau“, sagte Vaquero grinsend.
„Hä?“ Mehr brachte der Bärtige nicht heraus.
„Spiel nicht den Unschuldigen“, sagte der Fockmastgast. Mit einem raschen Rundblick stellte er fest, daß sich bereits mehrere Männer um sie scharten. Wenn es darum ging, Guillermo zum besten zu halten, waren alle da.
Spöttisch fügte er deshalb hinzu: „Eine Seejungfrau sieht ungefähr so aus: ein Riesenbusen“, mit den Händen demonstrierte er die üppige Wölbung, die er meinte, „Haare so grün wie Seegras bis zum Po und ein Unterleib – du glaubst es kaum – so anschmiegsam wie …“ Er suchte nach Worten. „Wie … na, eben wie der schuppige Schwanz eines Fisches.“
Das Gelächter der Männer war umwerfend. Verdattert stand Guillermo Corel zwischen ihnen und versuchte vergeblich zu begreifen, ob Rufino es ernst meinte oder nur einen seiner berüchtigten Späße vom Stapel ließ.
„Ich kenne keine Jungfrau“, sagte er vorsichtshalber. Daß er rasch hinzufügte „Keine Seejungfrau“, ging in dem noch lauter aufbrandenden Lachen unter.
Erst als der Kapitän und der Erste Offizier an der Balustrade des Achterdecks erschienen, winkte Vaquero ab. Die allgemeine Heiterkeit verstummte schlagartig.
„Genug der Belustigung!“ rief der Capitán. „Geht an eure Arbeit, Männer!“
Guillermo Corel wollte schnurstracks nach achtern laufen. Aber der Fockmastgast hielt ihn mit eiserner Faust zurück. „Nicht so schnell, mein Freund“, raunte er ihm zu. „Erst will ich wissen, was du aufgefischt hast.“
„Einen Brief“, antwortete Guillermo. „War in einer Flasche drin.“
„Zeig her!“
„Ist für den Capitán bestimmt.“
„Warum? Was steht drin?“
Guillermo wirkte irritiert. „’ne ganze Menge“, sagte er. „Ist mächtig viel geschrieben.“
Vaquero rieb sich das Kinn. „Ich dachte immer, du kannst nicht lesen“, sagte er nachdenklich. „Woher willst du wissen, daß der Brief für den Capitán geschrieben wurde?“
„Ich weiß es eben.“
„Der Brief ist für mich“, behauptete Vaquero. „Er wurde auf der ‚Respeto‘ ins Wasser geworfen, nicht wahr?“ Das war unschwer zu erraten.
Guillermo Corel sperrte Augen, Mund und Ohren auf. Erst nach einer Weile klappte er den Mund wieder zu und schüttelte bedächtig den Kopf. Die Folgerung, zu der er gelangte, war durchaus logisch.
„Wenn dem so wäre, hättest du das sofort gesagt.“
„Stell dich nicht so an!“ drängte der Fockmastgast. „Mein Name steht auf dem Wisch. Ganz oben sogar, wo er hingehört.“
„Hm“, brummelte Guillermo, noch immer mißtrauisch. Trotzdem zog er das Papier unter seinem Hemd hervor und faltete es auf.
„Da! Siehst du!“ Vaquero deutete auf die verschnörkelten Buchstaben.
Der Decksmann runzelte die Stirn. „Schreibt man Vaquero mit ‚F‘?“
„Na klar.“
„Seltsam. Ich hätte Stein und Bein darauf geschworen, daß das erste Wort ‚Freunde‘ heißt.“
„Zeig schon her!“ Der Fockmastgast riß Guillermo das Papier aus der Hand. Blitzschnell überflog er die paar mit ungelenker Handschrift hingekritzelten Zeilen. Um seine Mundwinkel zuckte es verhalten.
„Wenn das der Capitán sieht, ist ein Donnerwetter besonderer Art fällig“, sagte er.
„Wieso?“ fragte der Decksmann. „Was ist mit dem Brief?“
Rufino Vaquero las vor.
„Freunde auf der ‚Honestidad‘, die ihr meine Nachricht aufgefischt habt“, stand da. „Ich weiß keinen anderen Weg als diesen. Helft uns! Wir sitzen verdammt auf dem trockenen, ohne einen einzigen Tropfen Rum ist das Leben beschissen …“
„Recht hat er“, murmelte Guillermo mit Inbrunst.
„Willst du den Rest noch hören?“ fragte Vaquero. „Dann unterbrich mich nicht dauernd.“
Der Decksmann zog eine beleidigte Miene. Aber er schwieg.
„Wenn die Nacht am schwärzesten ist, setzen wir zu euch über“, las Vaquero weiter. „Haltet einige Fäßchen und Flaschen Rum zur Übernahme bereit, aber achtet darauf, daß euer Capitán von der Sache keinen Wind kriegt. Pigatto und er sind Busenfreunde. – Mann“, sagte Vaquero, nachdem er geendet hatte, „kapierst du nun, was du beinahe angerichtet hättest? Wegen des Schwelbrands auf der ‚Respeto‘ wurden alle Rumvorräte von Bord geschafft. Die Glut ist inzwischen zwar gelöscht, aber Capitán Pigatto straft seine Leute auf besondere Weise: durch Entzug der Rumration.“
„Was haben wir damit zu tun?“
„Irgendwann könnte uns ähnliches widerfahren. Dann wären wir über jeden Freund froh, der uns aus der Patsche hilft.“ Rufino Vaquero schlug die Hand beiseite, die nach dem Papier grapschte, und steckte den Zettel selbst ein.
„So habe ich die Sache noch gar nicht gesehen“, sagte Guillermo betreten. „Was tun wir?“
Vaquero seufzte ergeben und verdrehte die Augen.
„Ist doch klar“, erwiderte er. „Wir erleichtern die Proviantlast.“
Jorge Zapata hatte es verstanden, sich für die Abendwache von 20.00 Uhr bis Mitternacht einteilen zu lassen.
Während er auf der Kuhl seinen Dienst versah, gingen Antonio Villasante und Téofilo Linares auf Back und Achterdeck Wache – beide waren Männer, auf die er sich verlassen konnte.
Antonio war einem guten Schluck ohnehin selten abgeneigt und das schale Wasser lief ihm, wie er sich ausdrückte, zu den Ohren raus. Und Téofilo schuldete Zapata einen Gefallen und mußte schon deshalb stillhalten.
Das Abendrot wich dem Dunkel der Nacht. Nur wenige Sterne standen am Himmel. Da die See weiterhin ruhig blieb und der Wind nicht weiter auffrischte, konnte Jorge Zapata mit den Bedingungen zufrieden sein.
Vor Wach antritt hatte er aus seiner langstieligen Tonpfeife einige heimliche Züge genommen. Der Tabaksaft biß auf der Zunge, und der inhalierte Rauch ließ seine Stimme belegt klingen. Doch das fiel niemandem auf.
Jorge Zapata war dem indianischen Tabak verfallen. Sobald er an einem Tag nicht rauchte, stellte sich prompt eine leichte Benommenheit ein, begleitet von Kopfschmerzen, die sich bis in den Nacken hinzogen. Zapata genoß, die Augenblicke, in denen er den Tabak ansteckte und die kleinen Rauchwölkchen aufstiegen.
Eines Tages, das hatte er sich längst geschworen, würde er seine in langen Jahren gesparten Reales für den Kauf einer Galeone ausgeben – für den Rest ließen sich bestimmt Geldgeber finden –, und dann würde er Schiffsladungen voll Tabak aus der Neuen Welt nach Spanien bringen. Manchmal träumte er sogar davon, daß alle Spanier mit Pfeifen in den Mundwinkeln herumliefen.
Ein scharfer Anruf schreckte ihn aus seinen Überlegungen auf. Antonio Villasante schüttelte verweisend den Kopf.
„Bist du eingeschlafen, Jorge? Wir gehen Runde um Runde, während du bloß am Schanzkleid stehst und ins Wasser stierst.“
War tatsächlich schon soviel Zeit vergangen? Zapata war sich dessen nicht bewußt. Aber die Dunkelheit ringsum war mittlerweile vollkommen. Téofilo Linares schlug soeben die Schiffsglocke an. Fünf Glasen. Das bedeutete, daß bis Mitternacht nur mehr eineinhalb Stunden fehlten.
Zapata blickte in die Runde. Voraus segelte die „Reputación“. Der Schein ihrer Hecklaterne riß lediglich den unteren Bereich des Besansegels aus der Finsternis und reichte gerade bis zur Galerie. Die Hecksee ließ nur mehr einen fahlen Widerschein erahnen.
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