Durchs Spektiv zeigte sich die Kimm in leichtem Dunst, die Trennlinie zwischen Ozean und Himmel wirkte milchig verschwommen. Zum Teil vermischten sich das Blaugrau des Atlantiks und das Grau tiefhängender Wolkenbänke.
Hasard suchte den Horizont ab, ohne fündig zu werden. Erst nach eigner Weile entdeckte er den fahlen Punkt in der endlosen Wasserwüste.
„Ja, es ist eine Karavelle“, wiederholte Dan O’Flynn.
Egal ob es sich um Spanier, Portugiesen oder sonstwen handelte, wer immer querab segelte, hatte den Konvoi wohl kaum gesichtet. Trotzdem ließ Hasard Ruder legen und den Galeonen einen entsprechenden Befehl signalisieren. Wenig später liefen alle Schiffe nach Nordnordwest.
„Die Karavelle fällt ab“, meldete Dan. „Sie wäre um einiges schneller als wir.“
Er sah die Masten noch als winzige Striche am Horizont, als kein anderer mehr etwas wahrnahm. Danach waren die spanischen Seeleute und die Korsaren wieder allein.
Die Webeleinen verwandelten sich unter seinen Händen in züngelnde Nattern, die sich hartnäckig seinem Griff zu entwinden trachteten. Der Schweiß brach Morales aus allen Poren. Außerdem wurden die Schmerzen in seinem rechten Oberbauch wieder stärker, als durchbohre jemand mit glühenden Messern die Eingeweide.
Er biß die Zähne zusammen, damit er nicht laut aufschrie.
Weiter! drängte alles in ihm. Laß dir die Schwäche nicht anmerken! Hinauf in den Mars und dann in die Stengewanten!
Er war nicht krank. Das ganz bestimmt nicht. An seinem Zustand war vor allem Kapitän Pigatto schuld, schließlich hatte er zugelassen, daß die Rumvorräte von Bord geschafft worden waren. Seither verschlimmerte sich Marios Befinden mit jedem Tag. Kein Wunder, solange es nur abgestandenes, schales Wasser zu saufen gab. Damit löschte kein Seemann auf Dauer seinen Durst.
Mario fragte sich jedoch zunehmend häufiger, warum nicht auch die anderen solche Wirkungen zeigten.
Weiter!
Der Capitán brachte kein Verständnis für derartige Mangelerscheinungen auf. Er war einer von denen, die Wasser wie Wein soffen und vermutlich wegen der in ihrem Magen nistenden Läuse oft aufgekratzt wirkten. Wie ein Furz, der die Därme blähte, aber den Ausgang nicht fand. Der Vergleich, der sich ihm aufdrängte, erheiterte den Decksmann. Ein gequältes Lachen drang über seine Lippen.
Er hatte den unteren Rand des Marses fast erreicht, als ihn eine neue Schmerzwelle in die Wanten warf. Im Nu war er klatschnaß geschwitzt.
Er hörte seltsame, abgehackte, schrille Laute, aber er begriff nicht, daß er selbst sie ausstieß. Ein krampfhaftes Würgen ging von seinem Magen aus und abscheulich bittere Galle stieg in ihm hoch.
Seine Hände verkrampften sich um die Leinen. Aus eigener Kraft war er weder fähig, die beiden Schritte zu tun, die ihn von der viereckigen Bodenöffnung des Großmarses trennten, noch wieder abzuentern.
Diesmal verlor er nicht die Besinnung. Scheinbar eine kleine Ewigkeit verging, bis endlich Männer neben ihm waren, um ihm auf die Kuhl zu helfen. Mario Morales zitterte wie Espenlaub.
„Schafft ihn unter Deck!“ bestimmte Tomas d’Alvarez, der Bootsmann der „Respeto“. „Gebt ihm zu trinken und eine Extraration Pökelfleisch.“
Morales hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Zapata und der Segelmacher stützten ihn und führten ihn den engen Niedergang hinunter. Bis er in seiner Koje lag, schien das Schiff in einen Orkan geraten zu sein, so sehr drehte sich alles um ihn her.
„Mir war noch nie so mies.“ Er stammelte kurzatmig. „Das ist wie Sterben …“
Jorge Zapata musterte ihn halb besorgt, halb ungläubig. Daß ausgerechnet der stämmige Mario so etwas behauptete, wollte ihm nicht in den Sinn.
Juan Barbara brachte eine Kruke voll Trinkwasser und ein großes Stück Pökelfleisch.
Morales trank hastig. Er verschüttete so viel dabei, daß wohl nur ein kleiner Teil wirklich durch seine Kehle lief. Anschließend rülpste er laut und biß von dem Pökelfleisch ab, auf dem er herumkaute, als sei es zäh wie Leder.
Die Röte, die ihm jäh ins Gesicht schoß, wirkte nicht weniger unnatürlich als die vorangegangene Blässe. Morales wollte etwas sagen – er schaffte es nicht, denn von einem krampfhaften Würgen geschüttelt, übergab er sich.
„Was hat er?“ fragte Barbara überrascht.
Jorge Zapata zuckte mit den Schultern. Als er sich Morales wieder zuwandte, erschrak er. Der Decksmann hatte sich erneut verfärbt. Ein unnatürliches Gelb überzog seine Haut und ließ die Wangenknochen kantig aus dem sonst aufgequollenen Gesicht hervorstehen.
„Sieht nach Fischvergiftung aus“, sagte Zapata.
„Unsinn.“ Der Segelmacher winkte heftig ab. „Wir haben seit Tagen keinen Fisch gegessen.“
„Mario ist krank, sieh ihn dir an. Hoffentlich ist das nicht der Ausbruch einer Seuche, die uns alle erwischt.“
Zapata wollte einen Schritt beiseite treten, aber völlig unerwartet schossen Morales’ Hände vor und die Finger verkrampften sich in Jorges Hemd und um seinen Gürtel. Der Kranke entwickelte ungeahnte Kräfte, er zog Zapata einfach zu sich herunter.
„Du mußt mir helfen!“ raunte er.
Im letzten Moment fing Jorge sich an der Koje ab, sonst wäre er neben Morales auf die Decken gefallen.
Ohne darauf zu achten, fuhr Mario drängend fort: „Ich brauche Rum, Jorge. Das Wasser widert mich an.“
„Wir haben nicht ein Fäßchen mehr an Bord.“
„Ich weiß.“ Morales unterbrach sich gequält und rang nach Luft. Fahrig wischte er sich den Schweiß von der Stirn. „Du mußt mir eben welchen besorgen.“
„Das ist unmöglich.“ Jorge Zapata wollte sich erheben, aber der Kranke ließ ihn nicht los.
„Tu mir den Gefallen“, verlangte Morales.
„Der Kapitän läßt mich auspeitschen, wenn er mich erwischt.“
Abgesehen davon, daß die gelbe Gesichtsfarbe blieb, ließ allein schon der Gedanke an den Rum den Kranken sichtlich wieder aufleben. Sein Blick wanderte zu Juan Barbara hinüber.
„Du wirst an Deck gebraucht, ich kriege hier schon alles klar.“
Obwohl der Segelmacher verstand, daß Morales ihn nur loshaben wollte, drehte er auf dem Absatz um und verschwand.
Mario versuchte ein Grinsen. Sein Gesicht verzerrte sich zur Fratze.
„Ein Fäßchen Rum“, sagte er noch einmal eindringlich. „Mehr verlange ich nicht von dir. Das ist bestimmt ein akzeptables Angebot.“
„Akzeptabel?“ Jorge Zapata verstand tatsächlich nicht, auf was der Kranke hinauswollte.
„Eine Hand wäscht die andere. So ist das unter guten Freunden. Oder siehst du das anders?“
„Der Capitán hat angeordnet, sämtlichen Rum …“
„Scheiß drauf!“ Morales winkte heftig ab. „Eine Galeone ohne Rumvorräte ist ein halbes Totenschiff. Ich bin zu schwach, um allein zu einem der anderen Schiffe zu pullen …“
„Du redest im Fieber“, unterbrach ihn Zapata. „Ich werde dir jedenfalls nicht helfen und dabei die Peitsche riskieren.“
„Der Capitán hat auch das Rauchen verboten“, sagte Morales scharf. „Ich verstehe ohnehin nicht, wie ein vernünftig denkender Mensch den Qualm von brennendem Tabak in sich hineinschlucken kann.“
„Na und?“ Zapata gab sich arglos.
„Was meinst du“, fragte Morales lauernd, „wie viele Männer rauchen heimlich in der Vorpiek? Ich kenne einen.“
Jorge Zapatas Miene erstarrte zu Eis. Aber sein Gegenüber war noch nicht am Ende angelangt.
Erstaunlich munter fuhr er fort, und es war die Aussicht, endlich wieder Rum zu erhalten, die ihn neue Kräfte gewinnen ließ: „Der Capitán dürfte höchst erfreut sein, zu erfahren, daß du deine Pfeife noch längst nicht der See übergeben und daß du erst vor wenigen Stunden einen abscheulichen Tabakgeruch in der Achterpiek hinterlassen hast.“
Diesmal war es Zapata, der sich verfärbte. Er riß sich endlich los und griff nach dem Dolch hinter seinem Gürtel. Morales lachte überheblich.
Читать дальше