Über die feurige See donnerte ein Schlachtruf, wer ihn hörte, verstand ihn zwar, begriff aber nicht seine Bedeutung.
„Ar-we-nack!“ dröhnte es. „Ar-we-nack – Ar-we-nack!“
Die Schebecke glitt durch das Feuer der Sonne, hob sich scharf ab und verschwand nordwestwärts in der hereinbrechenden Dunkelheit.
Trümmer schwammen auf der See, zerspellte Holzfässer, zerborstene Spieren, Fetzen von Segeltuch, Tauwerkreste – und Tote, aber auch ein paar Verwundete, die sich irgendwo festkrallten und dennoch wußten, daß ihr Leben zerrann wie Sand in einem Stundenglas.
Capitán de Freitas lag wie betäubt auf seinem Schott – bäuchlings. Er hob erst den Kopf, als er spürte, daß eine Hand an seinem Floß zerrte – auf der rechten Seite in Höhe seiner Beine. Er drehte sich etwas und blickte dorthin.
Da schwamm einer und hielt sich am Floß fest. Er sah die Schultern und den Kopf des Mannes – und zuckte zusammen.
Es war der Teniente de Calheiro. Er hatte einen blutigen Schnitt über der Stirn.
„Hau ab, du Pisser!“ fauchte der Capitán. „Verschwinde!“
„Sie hatten noch mit mir sprechen wollen“, sagte der Teniente zwischen zusammengebissenen Zähnen. „Hier bin ich.“
„Ich sagte: verschwinde!“ knurrte der Capitán. „Hier gibt’s nichts mehr zu besprechen. Klar?“
„Sind Sie verletzt?“
„Was soll die Frage?“
„Wenn Sie nicht verletzt sind, wäre es anständig von Ihnen, mich auf das Floß zu lassen. Es hat genug Platz für zwei. Ich glaube, mein rechter Fußknöchel ist gebrochen.“
„Interessiert mich nicht!“
„Sie verweigern einem Verletzten die Hilfe?“
„Das interessiert mich einen Scheiß!“ brüllte der Capitán, und es hallte über das Wasser.
„Darf ich mich wenigstens an dem Floß festhalten?“
„Nein!“ brüllte der Capitán. „Das ist mein Floß! Such dir was anderes! Hier schwimmt genug rum, an dem du dich festhalten kannst!“
„Sie Mörder!“ schrie der Teniente. „Sie dreckiger, gemeiner Mörder! Sie wollen Offizier und Kommandant sein? Ein Nichts sind Sie! Ein feiger Versager, ein Säufer, der sein Schiff geopfert hat und sich jetzt davonstehlen will …“
„Halt’s Maul!“ heulte der Capitán und riß ein Messer aus dem Gürtel. „Oder ich stech dich ab wie eine Sau!“
Drei, vier Überlebende waren herangeschwommen, darunter ein stämmiger, breitschultriger Bootsmann. Sie hatten alles gehört, und die heilige Wut flammte in ihnen.
Sie verteilten sich um das Floß.
„Schau an!“ höhnte der Bootsmann. „Unser sauberer Kommandant! Ein feines Floß hat er sich unter den Nagel gerissen! Ich dachte immer, die Kapitäne hätten die Pflicht, mit ihrem Schiff unterzugehen – wegen der Ehre! Wo ist sie denn, diese Ehre? Und dem Teniente verweigern Sie die Hilfe, Sie Scheißkerl?“
„Verschwindet!“ brüllte der Capitán. „Das ist ein Befehl!“
„Hat kein Schiff mehr und will noch befehlen!“ rief der Bootsmann.
„Jetzt ist er Kommandant auf ’nem Floß!“ schrie ein anderer. „Und er meint, er könnte uns immer noch schikanieren, dieser versoffene Lumpenhund, der uns diese Scheiße hier eingebrockt hat!“
Sie schwammen auf das Floß zu.
Der Capitán hockte auf den Knien, drehte sich nach allen Seiten und hatte das Messer angehoben, bereit, die Klinge niedersausen zu lassen, sobald eine Hand nach dem Floß griff.
Es war eine erbärmliche Situation.
„Hindern Sie die Kerle daran, mein Floß anzufassen, Teniente!“ kreischte der Capitán. „Tun Sie Ihre Pflicht! Das sind Meuterer – dreckiges Gesindel, das zu gehorchen hat!“
„Leben Sie wohl, de Freitas“, sagte der Teniente ruhig. „Gott wird Sie richten.“
Auf dem Rücken liegend, paddelte er vom Floß weg. Sein rechtes Bein war gefühllos. Er spürte keine Schmerzen. Als er gegen eine Spiere stieß, klammerte er sich an ihr fest. Sein Kopf war ganz klar, so klar wie noch nie. Er wußte, daß er sterben würde. Und er nahm es hin. Er nahm es hin wie ein Mann.
Um das Floß entbrannte der Kampf, das heißt, um das Floß ging es nur indirekt. Ihr eigentliches Ziel war der Kommandant. Er sollte büßen. Von dem jungen Teniente hatten sie nicht viel gehalten – auch der hatte sich aufgebläht und den Befehlsgeber herausgekehrt. Aber in diesen letzten Stunden war er zu einem ganzen Kerl geworden.
Er hatte sogar den Kommandanten herausgefordert, nachdem von diesem der Erste Offizier hinterrücks erschossen worden war. Und jetzt hatte es dieser Kommandant sogar fertiggebracht, den verletzten Teniente vom Floß wegzujagen.
Der Capitán schlug mit dem Messer wie ein Wahnsinniger um sich. Dazu kreischte und heulte er.
Sie untertauchten das Floß und stemmten es an der einen Seite hoch. Mit einem irren Schrei verlor der Capitán den Halt und rutschte ins Wasser. Dabei verlor er das Messer.
Die vier Männer warfen sich über ihn und drückten ihn unter Wasser. Er zappelte und strampelte. Luftblasen blubberten nach oben. Dann wurden die Bewegungen langsamer und erstarben schließlich.
Sie hatten ihren Kommandanten ersäuft wie eine junge Katze.
Dann zogen sie das Floß zu dem Teniente, redeten nicht viel, sondern griffen einfach zu und packten ihn auf das Floß.
Sie sahen es alle. Sein rechter Fußknöchel war nicht gebrochen, sondern zerschmettert.
„Danke“, sagte der Teniente leise, „aber hier ist auch Platz für euch.“
„Och, wir schwimmen lieber, Teniente“, sagte der Bootsmann. „Uns genügt’s schon, wenn wir uns festhalten können.“
„Der Capitán ist ertrunken?“ fragte der Teniente.
„So nennt man das wohl“, brummelte der Bootsmann.
„Der Teufel hat ihn geholt“, sagte ein anderer.
„Haben Sie Schmerzen, Teniente?“ fragte der Bootsmann.
„Nein, überhaupt nicht. Ich fühle mich – so frei …“
Es war das letzte, was der Teniente in seinem Leben sagte. Sein Kopf fiel zur Seite. Es war vollbracht.
Der Bootsmann drückte ihm die Augen zu. Sanft ließen sie ihn ins Wasser gleiten, zogen sich auf das Floß und hockten sich hin.
Zwei Tage später wurden diese vier Männer von Fischern auf einer Schaluppe abgeborgen – als einzige Überlebende der Kriegskaravelle „El León“. Sie hatten vereinbart, nichts über ihr Schiff und die Ursache seines Untergangs verlauten zu lassen. Sie erzählten irgendeine Geschichte von einem morschen Frachter, der ihnen unter dem Hintern wegsoff.
Die Schaluppe segelte nach Huelva. Dort gingen die vier Männer von Bord, und ihre Spuren verloren sich.
Die Admiralität verbuchte die Kriegskaravelle „El León“ als vermißt, und schließlich wurde sie auf die Verlustliste gesetzt.
Mit Mann und Maus auf See geblieben …
ENDE
Kapitän Miguel Pigatto, ein muffiger Querkopf mit stechendem Blick und unangenehmen Launen, verstand es, seinen Leuten derartige Gedanken auszutreiben, in dem er sie bis zum Umfallen schuften ließ. Mit jedem Tag kehrte er mehr den Schinder heraus, den die Crew allmählich zu hassen lernte.
Mario Morales, im Begriff, in den Wanten des Großmastes aufzuentern, spuckte wütend aus, als der Kapitän unter ihm wieder neue Befehle brüllte.
„Sklaventreiber“, murmelte er heiser und mit ausgedörrter Kehle. „Die Krätze wünsche ich dir an den Hals!“
Für die Dauer einiger Atemzüge verschwammen der Mast und die Taue vor seinen Augen. Instinktiv klammerte sich Mario an den Webeleinen fest, den dünnen, geteerten Tauen, mit denen die Wanten horizontal ausgewebt waren, so daß Stufen entstanden. Ihm brach der Schweiß aus allen Poren, im nächsten Moment begann er verkrampft zu zittern. In seinen Eingeweiden schienen Dolche zu bohren. Jeder dieser Anfälle war schlimmer als der vorangegangene, und die Abstände zwischen ihnen immer kürzer.
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