Die Legende vom „Eisenfresser“ sackte in sich zusammen wie eine zerstochene Schweinsblase.
Da war ein zernarbter und mehrfach gezüchtigter Decksmann auf der „El León“, einer, der fast schon zuviel Pulverdampf gerochen, das Pfeifen der Kugeln gehört und das Blitzen von Klingen gesehen und überstanden hatte.
Und der spuckte verächtlich über Bord.
Dabei dachte er an die Peitschennarben auf seinem Rücken, an die Neunschwänzige, die über seinen Rücken getanzt war – auf Befehl eben dieses Kommandanten, der sich jetzt die Seele aus dem verdammten Leib kotzte.
„Damit du weißt, was Disziplin bedeutet!“ hatte dieser Kommandant gebrüllt. Gebrüllt? Nein, gegeifert hatte er das!
Disziplin? Was war das?
War dieser kotzende Kommandant diszipliniert?
O nein! Der warf sich beim Anblick einer drohenden Breitseite schon auf die Planken – bevor der erste Schuß gefallen war. Und dann erbrach er sich. Und vermutlich schiß er sich auch noch in die Kürbishosen.
Da hob der narbige Decksmann den Kopf und lachte den Himmel an. Er zerbarst vor Lachen. Und es schallte über die See und klang wie Teufelsgelächter.
Die Männer auf der „El León“ erschauerten.
Sie erschauerten noch mehr. Denn der Decksmann brüllte: „Ist das Ihre Disziplin, Señor Capitán? Oder was ist das? Haben Sie etwa Angst? Der Feind hat doch noch gar nicht geschossen! Er hat Ihnen nur seine Breitseite gezeigt! Ein Pirat! Na und? Und wann machen Sie gefechtsklar? Oder wollen Sie kneifen? Das konnte ich auch nicht, als Sie mir Ihre sogenannte Disziplin mit der neunschwänzigen Katze einbleuen ließen und grinsend zuschauten!“ Der Decksmann keuchte, und es schüttelte ihn vor erbitterter Wut. Und er reckte die Faust hoch und brüllte: „Verrecken sollen Sie, Sie dreckiger Schinder!“
Es war der Profos auf der „El León“, der den Decksmann erschoß. Er schoß ihm aus nächster Nähe den Kopf mit der Ladung eines Tromblons ab.
Der Decksmann war nur der erste Tote.
Der Erste Offizier taumelte aufs Achterdeck, und es war doch Blut, das ihm aus einer gräßlichen Kopfwunde über das Gesicht lief. Er sah den Gegner und das schwarze Tuch an der Besangaffel.
Und er rief mit gellender Stimme: „Alle Mann auf Gefechtsstation. Klarschiff zum Gefecht! Beeilung, Männer!“
Erst da erwachte die Besatzung der „El León“ wieder zum Leben. Wie erstarrt war sie gewesen. Und dann der vom Schuß geköpfte Decksmann!
Das war nicht der Beginn zu einem siegreichen Gefecht. O nein, das war das Präludium zu Untergang und Tod.
Der nächste Tote war der Erste Offizier.
Taumelnd richtete sich der Kommandant auf, und das Erbrochene hing ihm zum Teil noch in der Halskrause. Er begriff vor allem nicht, daß ihn der Gegner geschont hatte, daß er sich in ritterlicher Form als Feind zu erkennen gegeben hatte: mit dem Niederholen der spanischen und mit dem Vorheißen der schwarzen Flagge, mit dem Ausrennen der Stücke und mit dem Zurückhalten der Feuereröffnung, weil der Gegner noch nicht gefechtsbereit war.
Nein, das drang alles nicht bis in den versoffenen Kopf des Capitáns vor. Er registrierte nur, daß der Erste Offizier das Kommando an sich gerissen hatte, daß von ihm der Befehl zum Klarschiff zum Gefecht gegeben worden war.
Aber diesen Befehl hatte er, der Kommandant, zu geben, nicht dieser billige Erste, der noch nicht mal von Adel war und seine Ernennung zum Offizier nur der Fürsprache irgendwelcher Narren zu verdanken hatte. Allenfalls zum Bootsmann war dieser Kerl geeignet. Zu mehr nicht. Und jetzt maßte er sich den Befehl über die „El León“ an – dieser Emporkömmling!
„Geben Sie mir Ihre Pistole!“ zischte er den Dritten Offizier an, der sich gerade aufgerappelt hatte und ihn kindisch anglotzte.
„Jawohl“, hauchte das Jüngelchen erschreckt.
Es hatte überhaupt keinen Durchblick mehr. Und alles war so furchtbar. Zitternd überreichte es die Pistole, eine doppelläufige Schußwaffe, die Vater Generalkapitän dem Sohnemann vor einem Jahr mit ernster Miene gewissermaßen verliehen hatte – mit der Ermahnung, sie tapfer zu führen und der Feinde Schar zu eliminieren. Jawohl, eliminieren, hatte er gesagt.
Es war eine schöne Waffe und kostbar ziseliert.
Vom Verkaufserlös dieser Waffe hätte eine Tagelöhnerfamilie mit acht Kindern glücklich und satt ein Jahr lang leben können. Alles hat eben seinen Preis – das Leben von Wanzen genauso wie eine mit Silber ausgelegte Tötungsmaschine. Das hängt alles nur von den Maßstäben ab. Der Wert der Pistole war viel höher als der „Wert“ der Wanzen, sprich Tagelöhnerfamilie.
Der Capitán riß die Pistole brutal an sich, spannte den Hahn, und dann schoß er. Und gleich darauf noch einmal. Und dann warf er die Pistole schnell dem Jüngelchen wieder zu, das dämlich genug war, es aufzufangen und in den Gürtel zu schieben.
Im Rücken des Ersten Offiziers, der an der Balustrade am Abschluß des Achterdecks gestanden hatte, waren plötzlich zwei ausgefranste, verbrannte Löcher. Der Erste Offizier bäumte sich auf, verharrte sekundenlang auf den Zehenspitzen – und kippte dann nach vorn über die Balustrade auf die Kuhl hinunter. Dort schlug sein Körper dumpf auf.
An Bord der Kriegskaravelle „El León“ ging das Grauen um.
Das Jüngelchen – das hatte es immerhin inzwischen gelernt – stürzte ans Leeschanzkleid und erbrach sich.
Dann ermannte es sich, fuhr herum und kreischte: „Das war Mord!“
„Halt’s Maul, du Säugling!“ beschied der Kommandant. „Außerdem werde ich bezeugen, daß du geschossen hast, klar? Es ist deine Waffe. Sie steckt in deinem Gurt – ha-ha-ha-ha!“ Das Lachen klang noch schauriger als zuvor bei dem Decksmann.
Das Jüngelchen wurde weiß wie Quark.
Das war nicht das Leben, von dem es geträumt hatte, das wilde tolle Leben mit Sieg und Ruhm, mit schmetternden Fanfaren und knatternden Flaggen, mit Lorbeer und Orden, mit errötenden Frauen vor stolzen Helden! Das war Schlamm und Dreck, Erbrochenes und Blut, ein zerfetzter Kopf und ein durchschossener Rücken, Haß und Gemeinheit, List und Tücke!
Von einer Sekunde zur anderen wurde das Jüngelchen zum Mann. Und das Blut schoß zurück in das weiße Gesicht, das plötzlich hart erschien. Die Rechte fuhr zum Degengriff und riß die Blankwaffe heraus.
„Los! Wehren Sie sich, Sie Lump!“ zischte der Teniente. „Sie haben den Ersten Offizier hinterrücks erschossen – mit meiner Waffe! Aber ich habe noch eine! Diese hier!“ Und der Degen zuckte hoch, funkelnd in der Abendsonne – und blutig von ihr gefärbt.
Bei Capitán de Freitas wechselte die Gesichtsfarbe in schleimiges Grau, und er wich zurück.
In diesem Moment brüllte der Ausguck aus dem Vormars: „Gegner hat weit voraus gewendet und ist auf Gegenkurs gegangen! Steuert in Luv auf uns zu!“
Der Capitán schluckte. Dann fuhr er den Teniente an: „Gehen Sie auf Ihre Gefechtsstation bei den Batterien! Das ist ein Befehl! Wir sprechen uns später noch!“
Der Teniente zögerte einen Moment, stieß darauf den Degen in die Scheide zurück und verließ das Achterdeck mit versteinertem Gesicht.
Der Capitán atmete auf und befahl einem Läufer, ihm seine Waffen aus der Kammer zu bringen – Wehrgehänge und Pistolen. Der Läufer sauste ab.
Von allen diesen Vorgängen kriegten Hasard und seine Mannen nichts mit – bis auf die Tatsache, daß sich der sehr ehrenwerte Kommandant der „El León“ angesichts der drohenden Steuerbordbreitseite schleunigst in Deckung geworfen hatte, ebenso die anderen Señores auf dem Achterdeck.
Das hatte sehr lustig ausgesehen – und so gar nicht kriegerisch. Klar, die Arwenacks gingen auch in Deckung, wenn Vorsicht der bessere Teil der Tapferkeit war. Mit Vorsicht lebte man länger.
Читать дальше