Morales atmete kurz und hastig, um das Prickeln zu vertreiben, das sich in seinem Brustkorb ausbreitete. Aber diesmal wollte es ihm nicht gelingen. Sein Kopf fiel nach hinten. Ein knackendes Geräusch im Nacken löste einen zweiten Schweißausbruch aus. Trotz seiner Benommenheit fühlte der Decksmann, daß seine feuchten Hände abglitten. Mit letzter Kraft warf er sich wieder nach vorn und hakte die Arme bis zu den Ellenbogen in die Webeleinen ein. Die Wanten waren steif durchgeholt und prellten ihn bretthart zurück.
Verzweifelt kämpfte er gegen die Übelkeit an. Alles um ihn herum war in einem wilden Reigen begriffen – Spieren und Taue, Segel und sogar die Decksplanken verschmolzen zu einem Wirbel von Sinneseindrücken, die er nicht mehr auseinanderzuhalten vermochte.
Dröhnend pochte das Blut durch seine Adern. Mario stieß einen halb erstickten Aufschrei aus und sackte in sich zusammen. Daß auf der Kuhl Männer aufmerksam wurden und zu ihm aufenterten, bemerkte er schon nicht mehr.
„Morales soll sich zusammennehmen!“ brüllte Kapitän Pigatto vom Achterdeck her. „Verdammt, tut denn neuerdings jeder, was er will?“
Jorge Zapata, ebenfalls Decksmann, turnte über das Besanstengestag heran. Er war als erster bei Morales und schaffte es gerade noch, ihn am Kragen zu packen. Augenblicke später erhielt er Unterstützung von den anderen.
„Vorsicht!“ sagte er warnend. „Mario ist ein schwerer Brocken.“
Das stimmte allerdings. Morales war ein Fleischkloß, nicht sehr groß, aber stämmig, mit einem Schmerbauch, der weit über den Gürtel hing, und aufgequollenem Gesicht. Während der letzten Monate hatte er sich zusehends zu seinem Nachteil verändert, war noch fetter geworden als früher, und unter seinen ungepflegt wirkenden Bartstoppeln zeichnete sich ein bläulichrot aufgeplatztes Adernetz ab. Die kleinen, unruhig blickenden Augen lagen tief in den Höhlen. Sie waren von dunklen Ringen gezeichnet.
Besinnungslos hing er wie ein nasser Sandsack in den Wanten. Endlich schlug jemand ein Tau an und verknotete das eine Ende in mehrfachen Schlägen unter Morales’ Achseln. Auf diese Weise fierten die Männer ihn ab wie eine sperrige Last.
Kapitän Pigatto hatte seinen Platz auf dem Achterdeck verlassen und stieg auf die Kuhl hinunter.
„Was ist mit ihm?“ fragte er.
Sein Tonfall ließ weniger Sorge um die Gesundheit seiner Leute erkennen als vielmehr um den raschen Fortgang der Arbeiten im stehenden Gut. Einige Pardunen – Hanftaue, die die Stengen seitwärts und schräg nach achtern abstagten – waren mürbe geworden und drohten beim nächsten Sturm zu brechen. Nur fragte die Crew sich, ob das angekokelte Tauwerk aus der Vorpiek, das Pigatto durchholen ließ, tatsächlich mehr Vertrauen in seine Haltbarkeit verdiente.
Die Männer zögerten mit der Antwort. Schließlich war nicht zu übersehen, daß Morales schlichtweg abgenippelt war. Jorge Zapata schlug dem Bewußtlosen mit der flachen Hand ins Gesicht.
„Seid ihr schwerhörig?“ rief der Kapitän wütend.
„Morales ist krank“, sagte endlich Juan Barbara, der Segelmacher.
„Krank?“ Pigatto schnaubte verächtlich. „Überfressen hat er sich. Der Kerl wird jeden Tag fetter, kein Wunder, daß er die Arbeit nicht verträgt.“
„Sie tun ihm unrecht, Capitán“, widersprach Zapata.
„Ich weiß, was ich sehe.“
„Kaum ein Tag vergeht, an dem sich Mario nicht erbricht.“
Der Kapitän vollführte eine unmißverständlich herrische Handbewegung. „Das soll er mir selber sagen. Na los, holt ihn aus seinen faulen Träumen zurück!“
Juan Barbara kippte eine Pütz voll Seewasser über dem Bewußtlosen aus und reichte den Eimer zur Verschanzung weiter, damit die Männer dort ihn nochmals füllten.
Der zweite Schwall brachte Morales endlich so weit, daß er sich stöhnend herumwälzte.
Er schlug die Augen auf, sein Blick fiel auf den Kapitän, und noch halb wirr im Kopf, fragte er: „Bin ich in der Hölle?“
Das hätte er besser nicht getan, Miguel Pigatto hörte schlagartig auf, die aus seiner Knubbelnase herauswachsenden schwarzen Haare auszureißen. Drohend zog er die Brauen zusammen.
„Ich werde dir einheizen, Bursche, dir Feuer unter dem Arsch anzünden, daß du dir wünschen wirst, wirklich in der Hölle zu sein. Ist das klar?“
Morales nickte schwer.
„Bist du krank?“ fragte Pigatto lauernd.
Der Decksmann stieß einige hilfreiche Hände zur Seite und stemmte sich hoch.
„Es geht schon wieder“, sagte er.
„Das ist keine Antwort auf meine Frage. Bist du krank, Decksmann Morales?“
Mario zögerte. Dann schüttelte er stumm den Kopf.
„Dann verstehe ich nicht, was du auf der Kuhl zu suchen hast. Dein Platz ist in den Großstengewanten.“
Morales preßte die Lippen zusammen. Eine aschgraue Blässe überzog sein Gesicht, auf der Stirn perlten dicke Schweißtropfen, dennoch ging er schwankend zum Schanzkleid und schwang sich in die Wanten.
„Ihr anderen steht gefälligst nicht herum wie die Ölgötzen!“ Der Kapitän klatschte auffordernd in die Hände. „Soll ich euch ebenfalls auf den Sprung helfen?“
… ausnahmsweise keine besonderen Vorkommnisse , schrieb Philip Hasard Killigrew ins Logbuch der Schebecke und beendete damit die Eintragung. Sorgfältig verschloß er das Tintenfaß und verstaute den Federkiel.
Vorübergehend lehnte er sich zurück, verschränkte die Hände und lauschte den vielfältigen Geräuschen von Deck, die sich mit dem gleichmäßigen Rauschen des Kielwassers vermischten.
Der Atlantik zeigte sich von seiner ruhigen Seite. Ein handiger Wind ließ die Schatzgaleonen und ihre drei Begleitschiffe mit guter Fahrt nahezu exakt auf Nordkurs segeln. Die Azoren lagen hinter ihnen. Die letzte Positionsbestimmung hatte ergeben, daß der 40. Breitengrad überschritten war. Momentan befand sich der Konvoi ungefähr auf der Höhe von Madrid.
Hasard warf einen kurzen Blick aus dem geöffneten Fenster seiner Kammer. Die „Nuestra Señora de lagrimas“ lief querab und keine vierhundert Yards entfernt unter vollen Segeln. Ihrer kostbaren Ladung wegen lag sie ebenso wie die anderen neun spanischen Galeonen tief im Wasser. Achteraus folgten die „Patricia“ und die „Fortuna“.
Ein Lächeln entstand auf den Zügen des Seewolfs. Er dachte daran, welche Gründe umlaufen würden, sobald seine Flotte die Themsemündung erreichte. Angesichts der alles übertreffenden Schätze mußte die königliche Lissy schier aus dem Häuschen geraten. Dagegen verblaßten die „Überraschungen“, die Francis Drake von seinen Reisen mitgebracht hatte.
Aber bis dahin war noch ein langer und gefahrvoller Weg. Die Begegnung mit der spanischen Kriegskaravelle „El León“ unter Capitán José de Freitas und zuvor der Zwischenfall mit der schwer armierten „Aguila“ hatten gezeigt, daß es trotz aller Vorkehrungen keine absolute Sicherheit gab. Ein winziger Zufall konnte alles in Frage stellen.
Zumindest war der Schwelbrand auf der „Respeto“ gelöscht. Die Qualmwolke hätte sicher noch weitere ungebetene Gäste angelockt. Daß der Konvoi abseits der üblichen Routen segelte, war also kein Freibrief.
„Masten an der Kimm!“
Der Ruf schreckte den Seewolf aus seinen Überlegungen auf. Er griff sich den Kieker und eilte hinaus auf das Oberdeck.
Dan O’Flynn, der Mann mit den schärfsten Augen der Crew, stand an Steuerbord und blickte starr nach Osten. Die portugiesische Küste lag jedoch viel zu weit entfernt, als daß auch nur ein Hauch von ihr zu ahnen gewesen wäre.
Dan hörte am Klang der Schritte, daß der Seewolf neben ihn trat. Ohne sein Spektiv abzusetzen, sagte er: „Ein Dreimaster, Sir, eine Karavelle. Sie segelt auf Parallelkurs.“
„Wie lange schon?“
„Wenn ich das wüßte …“ Dan O’Flynn seufzte leise.
Читать дальше