„Das tust du nicht, Jorge, du bist kein Mörder – eher schon ein Brandstifter. Aber keine Sorge, kein Sterbenswort geht über meine Lippen, sofern du mir den Rum besorgst.“
Zapata kniff die Brauen zusammen. Nachdenklich musterte er den Mann, der jetzt die Hände hinter dem Kopf verschränkte und zu den Deckenbalken hinauf starrte.
„Warum hast du mich nicht verraten?“ fragte er.
„Wenn die Glut sich ausgebreitet hätte, wären wir abgesoffen“, sagte Morales. „Ich weiß das. Aber wir sind doch Freunde. Und Freunde helfen einander.“
Das gute Wetter und der handige Wind schienen tatsächlich anzuhalten, obwohl die dichte Wolkendecke eher eine Verschlechterung erwarten ließ. Wahrscheinlich regnete es über dem Festland.
Die Sonne stand inzwischen tief über dem westlichen Horizont. Zu sehen war sie nicht, wohl aber färbte sie die Wolken mit einem düsteren, bis in den Zenit reichenden Rot.
Die Schebecke segelte an Steuerbord der Schatzschiffe. Wie Hunde eine Schafherde, so hielt Philip Hasard Killigrew mit der „Wappen von Kolberg“ und der „Isabella“ die spanischen Galeonen zusammen. Besonders nach Einbruch der Dunkelheit galt es, die Augen offenzuhalten. Der Verlust der „Nobleza“ hatte diesbezüglich Zeichen gesetzt.
Mit prall geblähten Lateinersegeln glitt der schlanke Mittelmeerdreimaster majestätisch an den plumperen Schatzschiffen vorbei.
„Sollten uns wirklich einige Tage der Ruhe gegönnt sein?“ fragte Don Juan de Alcazar zögernd. Er stand neben Hasard auf dem Achterdeck und genoß den Anblick der Schiffe. Einst waren der Seewolf und er erbitterte Gegner gewesen, doch das lag lange zurück und mutete unwirklich an.
Die „Nuestra Señora de lagrimas“ lag querab. Als Folge ihres großen Tiefgangs gischtete die Bugsee bis zur Galionsfigur hoch. Bei stürmischerem Wetter schlugen die Brecher sogar auf die Back über.
„Ich habe mir auf diesem Törn abgewöhnt, den Tag vor Mitternacht zu loben“, erwiderte Hasard auf Don Juans Frage. Er dachte an die Zwischenfälle mit der „Nobleza“ und dem Sklavenschiff „Aguila“, an den Schwelbrand auf der „Respeto“ und die dadurch angelockte Kriegskaravelle „El León“.
„Alles hätte noch viel schlimmer ausfallen können“, sagte der Spanier. „Daran denkst du im Moment. Oder sollte ich mich irren?“
Stumm schüttelte der Seewolf den Kopf. Voraus segelten die „Honestidad“ und die „Respeto“ in exakter Kiellinie. Das Rot des Himmels schien selbst ihre Segel zu färben.
Zum erstenmal seit Stunden riß die Wolkendecke auf. Irrlichternd huschten Sonnenstrahlen über den Atlantik. Aber nur vorübergehend, denn gleich darauf lichtete sich der Dunst über der Kimm endgültig.
Das Tagesgestirn erschien als aufgeblähter Glutball, dessen unteres Drittel schon im Meer versunken war. Auf der Wasseroberfläche vermischten sich lila Farbtöne mit der bleiernen Schwärze der länger werdenden Schatten.
Die Schebecke segelte an der „Honestidad“ vorbei. Vierhundert Yards voraus stampfte die „Respeto“ durch die Wellen.
Hasard wollte sich gerade abwenden, als er ein flüchtiges Aufblitzen auf der Kampanje der Galeone bemerkte. Aber selbst ein Drehbassenschuß wäre deutlicher zu erkennen gewesen, davon abgesehen, daß sich bestimmt kein Spanier hinreißen ließ, auf die Schebecke zu feuern. Jedenfalls nicht auf die augenblickliche Distanz und nur mit einem einzigen Rohr.
Hasard zog sein Spektiv auseinander und blickte hindurch.
Neben der Hecklaterne der „Respeto“ stand eine einsame Gestalt, der Kleidung nach ein einfacher Decksmann. Mehr war auf die Entfernung nicht zu erkennen.
Im nächsten Moment blitzte es erneut auf. Zweimal kurz hintereinander.
„Was ist das?“ fragte Don Juan.
Der Mann auf der Galeone hielt ein poliertes Stück Metall oder etwas Ähnliches in Händen, mit dem er die Strahlen der sinkenden Sonne auffing und reflektierte.
„Signale“, sagte der Seewolf. Er zweifelte nicht daran, daß die Zeichen tatsächlich für die andere Galeone bestimmt waren.
Der Decksmann zeigte sich hartnäckig. Je näher die Schebecke aufschloß, desto deutlicher wurde, daß er eine Metallscheibe benutzte.
Endlich wurde ein auf der Back der „Honestidad“ hantierender Kerl aufmerksam. Die Blinde hatte ihn zeitweise in seiner Sicht behindert. Er schwenkte ein Tuch zur Antwort.
Der Decksmann auf der „Respeto“ bückte sich und hob ein seltsames Bändel auf den Handlauf der Balustrade. Wegen des schwindenden Tageslichts mußte Hasard zweimal hinblicken, ehe er erkannte, daß es sich um eine große Tauschlinge handelte, an der ein weiß gestrichenes Holzstück und offenbar eine Flasche befestigt waren.
Das Bündel flog mit Schwung außenbords.
Hasard richtete das Spektiv auf die Heckwelle der „Respeto“. Tatsächlich schwamm das Holz schnell auf. Inmitten der schäumenden Welle war es nur schwer zu erkennen.
Der Seemann auf der „Honestidad“ griff sich einen Bootshaken und kroch auf den Bugspriet. Währendessen warf der Decksmann auf der voraussegelnden „Respeto“ ein zweites Bündel über Bord. Auch dieses trieb genau der nachfolgenden Galeone entgegen.
„Ich möchte wissen, was die Burschen für Nachrichten austauschen“, sagte Don Juan. „Möglicherweise kriegen wir darin unser Fett ab.“
„Du siehst zu schwarz“, antwortete Hasard.
Der Spanier zog die Brauen hoch. „Harmlos ist das wohl nicht“, sagte er.
Sie beschränkten sich wieder aufs Beobachten. Der Mann auf der „Honestidad“ beugte sich so weit über, daß schon die kleinste Unregelmäßigkeit im monotonen Stampfen des Schiffes genügt hätte, ihn über Bord gehen zu lassen. Geschickt hantierte er mit dem Bootshaken, aber doch nicht geschickt genug, denn er verfehlte die treibende Tauschlinge, weil der Bug der Galeone just in dem Moment in die Höhe stieg.
Durchs Spektiv konnte Hasard die Enttäuschung des Mannes sehen, als das treibende Bündel von der Bugwelle gepackt und zur Seite geschleudert wurde. Im Nu wurde die Entfernung zu groß, als daß ein Nachfassen mit dem Peekhaken möglich gewesen wäre.
Der Kerl spuckte aus, fuhr sich mit dem Handrücken durch das bärtige Gesicht und blickte scharf voraus, wo das zweite Bündel auf den Wellen schaukelte. Das Schiff hielt genau darauf zu, und wenn er Pech hatte, würde die Tauschlinge mit den Anhängseln unter den Kiel gezogen werden.
„Er schafft es“, meinte Don Juan.
„Du brennst darauf, zu erfahren, welche Nachricht auf diese Weise übermittelt wird“, sagte Hasard, ohne den Kieker abzusetzen.
Der Spanier lachte leise. „Klar will ich wissen, was bei meinen Landsleuten vorgeht.“
„Dann geht es dir nicht anders als mir“, gestand Hasard. „Ich könnte zwar wenden lassen und versuchen, das verlorene Treibgut aufzufischen, doch würden wir damit nur verraten, daß wir die Sache bemerkt haben. Und wenn wir warten, bis die Galeonen vorbei sind, finden wir das Ding bestimmt nicht mehr. Die Nacht bricht schnell herein.“
Er hatte sich kurz ablenken lassen. Als er seine Aufmerksamkeit wieder auf die „Honestidad“ konzentrierte, war der Bärtige schon im Begriff, das Bündel hochzuziehen. Die Tauschlinge hing sicher an dem eisernen Haken.
Tau und Holzstück flogen in hohem Bogen in die See zurück, Augenblicke später folgte die entkorkte, um ihres Inhalts beraubte leere Rumflasche. Der Kerl auf der Galion entfaltete einen Zettel, drehte und wendete ihn mehrmals unschlüssig und schob ihn schließlich unter sein Hemd. Anscheinend war er des Lesens nicht oder nur sehr unvollkommen mächtig.
„Bestimmt gibt er den Wisch seinem Kapitän“, sagte Don Juan. Er konnte nicht wissen, daß genau das allen Beteiligten viele Unannehmlichkeiten erspart hätte.
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