Der winzige Schimmer noch weiter voraus und leicht nach Backbord versetzt, mußte die „Santos los Reyes Mayos“ sein.
Die Schebecke war von der Nacht verschluckt worden. Zapata empfand Erleichterung, daß er sie nirgendwo entdeckte. Immerhin hatte das Schiff des Sonderbeauftragten seiner Majestät bei Sonnenuntergang lediglich zwei Kabellängen achterlich gestanden.
Jorge war sich keineswegs im klaren darüber, was er von diesem Julio de Vilches zu halten hatte, der die Schatzschiffe nach Irland führte, statt in einen sicheren spanischen Hafen. Die Nähe des hochgewachsenen breitschultrigen Mannes mit den eisblauen Augen erfüllte ihn mit einem gewissen Unbehagen.
Die eigenwillig konstruierte schlanke Galeone „Isabella“ segelte achterlich an Backbord. Von ihr, fand Zapata, drohte keine Gefahr. Und das dritte von Don Julio de Vilches’ Schiffen kreuzte zur Zeit vermutlich am Ende des Konvois.
Weder Capitán Pigatto noch sein Erster Offizier oder der Bootsmann d’Alvarez hatten sich während der letzten beiden Stunden an Deck blicken lassen. Zweifellos bedeutete dies, daß die Señores in ihren Kojen lagen und schnarchten. Ihr Schlaf mochte jetzt noch besonders tief sein, deshalb hatte Jorge die Zeit vor Mitternacht für sein Vorhaben ausgewählt.
„Was ist?“ rief Villasante leise von der Back. „Hast du es dir anders überlegt?“
„Nicht die Spur“, erwiderte Zapata verhalten.
„Dann ist es gut.“ Der Wachgänger zeigte sich zufrieden. Vermutlich hatte er befürchtet, auf die paar Flaschen Rum verzichten zu müssen, die ihm versprochen waren.
Endlich erschienen Tito Menéndez, José Canalejas und Alberto Braña auf der Kuhl. Zapata hatte die drei einweihen müssen, da es ihm unmöglich war, allein mit der Jolle zur „Honestidad“ überzusetzen. Die beiden Wachen durfte er aus verständlichen Gründen nicht abziehen, es genügte, wenn er seinen Posten unerlaubt verließ.
Folglich waren sie sieben Mann, die Bescheid wußten. Jeder weitere hätte das Risiko der Entdeckung unnötig vergrößert, abgesehen davon, daß der Anteil des einzelnen zunehmend geschrumpft wäre. Und wer verzichtete schon gern auf einen guten Schluck! Noch dazu nach Tagen der Abstinenz.
Die Jolle war zum Abfieren vorbereitet. Zur Ausrüstung gehörten ein kurzer, über den Duchten festgezurrter Mast, der gut eine Mannslänge über den Bug hinausragte, sowie ein einfaches, dunkel gefärbtes Segel. Weder Zapata noch die anderen wollten sich für den Rückweg zur „Respeto“ allein auf die Riemen und die Kraft ihrer Arme verlassen. Mit dem guten Wind im Rücken war die Distanz bedeutend leichter zu überwinden.
„Fiert ab!“ raunte Jorge Zapata seinen Helfern zu.
Erstaunlich leise liefen die Taue durch die Taljen, die aus mehrscheibigen Blöcken bestanden. Zapata hatte sich dazu hinreißen lassen, mit Fett dem üblicherweise entstehenden Knarren abzuhelfen, wobei der bewußt die Gefahr in Kauf nahm, daß ein derart schmierig werdendes Tau im ungünstigsten Moment durch die Hände rutschen konnte.
Der Erfolg gab ihm recht. Selten war eine Jolle so leise ausgeschwenkt und mit Hilfe der Taljen zu Wasser gelassen worden.
„Gott segne den Schlaf des Capitáns“, murmelte jemand.
Zapata grinste flüchtig.
Ein leises Klatschen erklang. Die Jolle lag nun längsseits. Nacheinander und ohne Hast enterten die Männer ab. Jorge ging als letzter. Er benutzte einen mit Werg umwickelten Riemenschaft, um das kleine Boot von der Galeone abzustoßen, dann tauchten sie die Blätter ein und zogen langsam durch.
Sie brauchten sich nicht anzustrengen, sondern eigentlich nur abzuwarten, bis die „Honestidad“ vor ihnen aus der Nacht auftauchte. Nach wie vor segelte der Konvoi unter Vollzeug.
Flüchtig streifte der Schein der Hecklaterne die Jolle. Aber Capitán Pigatto stand weder draußen auf der Galerie noch hinter den bleiverglasten Scheiben seiner Kammer.
„Richtet den Mast auf!“ flüsterte Zapata.
Schweigend arbeiteten sie Hand in Hand, verankerten das solide Rundholz in der vorderen Ducht und reihten das Segel an. Zu dem Zeitpunkt tanzte nicht mehr sehr weit vor ihnen das Licht einer Laterne über der See, wurde aber größtenteils von Fock und Blinde verdeckt.
Bugspriet und Galionsfigur des Schiffes zielten auf die Jolle. Zapata, der nicht gedacht hatte, daß er so exakt auf Kurs lag, zog die Ruderpinne nach Backbord.
In der Dunkelheit gewaltig anmutend, wuchsen Bugspriet und Vorsteven über dem Boot auf. Doch da wurde es bereits von der Bugwelle erfaßt und zur Seite gedrückt.
Tito Menéndez schleuderte den Enterhaken, der sich leise knirschend in den Rüsten der Fockwanten verfing. Innerhalb weniger Augenblicke spulte sich das kurze, an einer vorderen Klampe belegte Seil ab, bevor es sich ruckartig straffte. Die Jolle legte sich über und tauchte bis ans Dollbord in die Wellen ein, aber Zapata hantierte so geschickt mit der Pinne, daß trotz der schnellen Drehung um 180 Grad kaum Wasser eindrang. Das wenige, was trotzdem am Boden zusammenfloß, östen die Männer sehr schnell wieder aus.
Ein kurzer, scharfer Zischlaut ertönte von der Kuhl her. Als Jorge hochsah, flog ihm ein Tau entgegen. Mit wenigen Schlägen befestigte er es an einer Klampe neben der Achterducht. Die Jolle lag nun höchstens zwei Ellen neben der „Honestidad“ und wurde von ihr mitgeschleppt.
Die Männer kletterten nach oben.
Grinsende Gesichter blickten ihnen über das Schanzkleid entgegen. Rufino Vaquero stand da, breitbeinig und die Arme in die Seiten gestützt. „Ihr sitzt ganz schön auf dem trockenen, wie?“ sagte er spöttisch. „So ein nächtlicher Ausflug kann euch einigen Ärger einbringen.“
„Der Capitán muß uns erst mal erwischen“, entgegnete Alberto Braña hochnäsig.
„Statt herumzumäkeln, solltest ihr uns lieber mit einem vernünftigen Begrüßungsschluck empfangen“, sagte José Canalejas.
„Ist alles vorbereitet.“
Vaquero bückte sich nach einer bereitstehenden Rumflasche, entkorkte sie mit den Zähnen und reichte sie Zapata, der einen kräftigen Schluck nahm und die Buddel an Braña weitergab. Als endlich die Männer der „Honestidad“ an der Reihe waren, schwappte der Rum gerade noch eine Fingerbreite hoch in der Flasche.
„Den Schluck hättet ihr auch trinken können“, sagte ein pockennarbiger Kerl tadelnd.
„Wenn du meinst!“ Menéndez nahm ihm prompt die Buddel aus der Hand, gluckerte den schäbigen Rest und warf die leere Flasche hinter sich über die Verschanzung. „Alsdann“, sagte er unternehmungslustig, „fiert die Vorräte ab.“
Vaquero deutete auf die neben dem Großmast ausgebreitete Plane, unter der sich die Umrisse mehrerer Fässer abzeichneten. „Erwartet nicht zuviel. Das ist alles, was wir entbehren konnten.“
Zapata lüftete die Persenning an einer Ecke an, bevor er sie ruckartig zur Seite zog. Da standen vier Fässer, genauer gesagt Fäßchen, von denen keins mehr als zwei Gallonen, also knapp über neun Liter, faßte. Die paar Flaschen daneben, gerade ein halbes Dutzend, ließen das Kraut wahrlich nicht fett werden.
Natürlich bemerkte Rufino Vaquero die verblüfften Blicke der Männer von der „Respeto“.
„Mehr läßt sich nicht losschlagen, ohne daß die Offiziere Lunte riechen“, erklärte er.
Braña und Menéndez zogen Gesichter wie sieben Tage Regenwetter. Offensichtlich hatten sie eine weit größere Ausbeute erwartet.
„Das soll wirklich alles sein?“ fragte Braña.
„Nehmt es – oder haut ab! Wir sind nicht verpflichtet, euch überhaupt was abzugeben.“
„Und ob.“ Jorge Zapata trat mit zwei schnellen Schritten vor und unterzog die Fäßchen einer genauen Begutachtung. „Hier“, sagte er und deutete auf eingeritzte Zeichen, „die drei stammen ohnehin aus unserer Proviantlast. Der Generalkapitän und Capitán Pigatto haben sie ungerechtfertigt ausladen und auf die anderen Galeonen verteilen lassen.“
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