Und jetzt raste sie – um im Bild zu bleiben – im gestreckten Galopp über die See. Dieses blasenförmige Segel zog den Dreimaster mit unheimlicher Kraft vorwärts.
Will Thorne hatte ein glückliches Lächeln auf dem verwitterten Gesicht, Roger Brighton grinste bis zu den Ohrläppchen.
„Kutscher!“ donnerte Hasard über die Kuhl. „Ein Fäßchen Rum für Will und Roger! Sofort! Wenn ich darum bitten darf!“
Er wandte sich den beiden zu, haute ihnen auf die Schultern und sagte begeistert: „Ihr verdammten Satansbraten! Wie seid ihr nur auf diese Wahnsinnsidee verfallen?“
Will Thorne sagte gar nichts und senkte nur den Kopf, aber Roger Brighton platzte heraus: „Das war Wills Idee, Sir. Er zeigte mir eines Tages ein paar Skizzen von dem Ding, erklärte mir, was das sein sollte, und fragte mich, was ich davon hielte. Ich nannte ihn einen Spinner, aber er ließ nicht locker, und dann fing ich an, nachzudenken und sagte mir: Warum eigentlich nicht? Probieren geht über Studieren. Versuchen wir’s doch mal. Dann haben wir einen Schnitt angefertigt und lange herumgefummelt, um den Bauch in das Ding zu kriegen – na bitte, hat doch geklappt!“
„Und wie!“ Hasard lachte den alten Segelmacher an. „Los, Will, heraus mit der Sprache! Wie bist du darauf gekommen?“
„Ganz einfach, Sir“, sagte Will Thorne, „im Grunde habe ich nur das Prinzip des Blindesegels übernommen, das mir aber wegen der Blinderah zu unhandlich erschien. Ich brütete lange an einer Lösung. Du kennst die Sonnenschirme der feinen Ladies, Sir?“
„Ja.“ Hasard nickte verdutzt.
„Als wir zuletzt in London waren“, fuhr Will Thorne fort, „sah ich eine solche Lady auf dem Deich mit so einem Schirm spazierengehen. Ein Schirm ist kreisförmig und kann in vier Viertel geteilt werden. Unser Segel ist in etwa einem solchen Viertel nachgebildet. Die Idee dazu kam mir, als die Lady auf dem Deich gewissermaßen mit dem Schirm vor den Wind ging. Da fuhr eine Bö hinein, und der Schirm segelte davon. Merkwürdigerweise sah ich die Schirmkrücke plötzlich als Mast – als unseren Vormast und an ihm das dreieckige Schirmsegment, das ich mir als Form eines Segels vorstellte. Das war die Idee. Mit Roger konnte ich sie verwirklichen. Er hatte zusätzlich die Idee, den Luv- oder Leehals – besser den Leehals – mit einer Spiere auszuspreizen und zu stützen, was dem Segel möglicherweise einen noch besseren Stand gibt. Dürfen wir das noch ausprobieren?“
„Natürlich.“
Die beiden Kerle hatten wirklich an alles gedacht – und es auch zur Hand. Roger Brighton rückte mit einer Spiere an, die länger und etwas dicker als ein Bootshaken war. An dem einen Ende hatte sie auch eine metallene Spitze, nur der Haken war abgesägt. Das andere Ende war mit einer ebenfalls metallenen Gabel versehen, der vergrößerten Ausgabe einer Dolle oder Rudergabel.
Roger schwenkte die Spiere nach Lee, schob die Spitze in das dortige Halsgatchen und stemmte das Gabelende an den Fockmast – die Gabel umfaßte ihn zur Hälfte. Jetzt konnte das Segel, wie Roger gleich darauf demonstrierte, hin und her geschiftet werden – etwas mehr nach vorn oder mehr seitlich. Tatsächlich stand es jetzt noch besser. Man brauchte es nur mit der Luvschot zu trimmen.
„Phantastisch“, murmelte Hasard, „einfach phantastisch.“
„So phantastisch nun auch wieder nicht“, schränkte Will Thorne bescheiden ein. „Bedenke bitte, Sir, daß wir dieses Segel nur raumschots oder vor dem Wind benutzen können. Und wenn wir noch mehr Wind haben, müssen wir den Vormast vorsichtshalber noch zusätzlich mit Preventern abstagen. Du siehst jetzt schon, daß er einen leichten Fall nach vorn hat. Zum Glück halten Pfahlmasten einiges aus. Ich habe übrigens berechnet, daß das neue Segel dreiviertel mehr Segelfläche hat als die Fock.“
„Es ist und bleibt phantastisch“, beharrte Hasard, „und das ohne jegliche Einschränkung. Ich gestehe, als ich das Ding sah, hielt ich euch beide für ziemlich verrückt. Da fehlte mir wohl offenbar die Vorstellungskraft.“
„Wenn ich in der Segelkammer sitze und nähe, habe ich Zeit, nachzudenken, Sir“, sagte Will Thorne still. „Ich kann mich konzentrieren, niemand stört mich. Du hast einen Traum, aus dem eine Idee wird. Und dann brauchst du die Idee nur zu verwirklichen. So einfach ist das.“
Hasard seufzte. So einfach war das!
Der Kutscher und Mac Pellew brachten das Fäßchen Rum, und Hasard überreichte es den beiden Helden des Tages. Für die war es Ehrensache, mit allen Arwenacks einen zur Brust zu nehmen, daß heißt, den Rum nicht allein und heimlich wegzugluckern.
Die Mucks waren schnell zur Hand und wurden gefüllt.
„Drei Hurras für Will und Roger!“ rief Hasard und hob seine Muck. „Sie mögen leben – und das neue Segel auch!“
Schon wollte er das erste „Hurra!“ anstimmen, da rief Ben Brighton: „Halt! Bitte um Verzeihung, Sir! Aber wir sollten das neue Segel auch taufen und ihm einen Namen geben. Neues Segel klingt mir zu nichtssagend.“
„Hurra zurück, bitte um Vorschläge!“ sagte Hasard.
Alle starrten zu dem Segel, Denkfalten auf der Stirn.
„Spitzbusen!“ röhrte der Profos in die Stille.
Das Gelächter und Gejohle folgte auf dem Fuße. Auch Sir John kreischte mit, und Arwenack hüpfte auf und ab in sichtlich guter Laune.
Einzig der Kutscher verzog keine Miene. Sie war sozusagen vereist. Außerdem war er noch sauer wegen des Suppenkessels. Immer dieser Profos. Und Einfälle hatte der!
Als wieder Ruhe einkehrte, räusperte er sich und sagte kühl: „Ich halte das, was da eben als Name für ein Segel geäußert wurde, für äußerst geschmacklos, wenn nicht für unanständig. Aber es ist ja allgemein bekannt, wer hier an Bord so etwas ausbrütet …“
Mac Pellew kicherte und empfing von seinem Kombüsengenossen einen verweisenden Blick, einen mit Frost und Eis drin, was den guten Mac aber nicht im geringsten störte.
„Ich finde“, tönte der dürre Griesgram – er war richtig aufgedreht –, „Eds Vorschlag vortrefflich, will sagen, er trifft genau den Kern.“
„Natürlich!“ fuhr ihn der Kutscher an. „Du hast ja auch nur Weiber im Kopf, was anderes paßt da nicht rein!“
„Hast du einen besseren Vorschlag?“ fragte Mac spitz.
„Jawohl!“ Der Kutscher reckte sich. „Windsbraut!“ Und er blickte sich triumphierend um. „Das klingt nach was! Da steckt Symbolik drin – das Brausen der Winde, das Jubeln der Braut, eine Sinfonie der Sphären, die sich jauchzend vereinen!“
„Du kriegst dich nicht mehr ein“, murmelte der Profos entgeistert. „Was ist denn das für ein Quasselkram? Hast du noch alle beisammen?“
„Das ist lyrisch“, erklärte der Kutscher von oben herab. „Davon verstehst du nichts, weil du ein Banause bist und nie von den Musen geküßt wurdest.“
„Kann ich auch drauf verzichten“, entgegnete der Profos trocken. „Eine Lady aus Fleisch und Blut und mit Spitzbusen ist mir lieber als deine Musentanten.“
„Mir auch!“ pflichtete Mac Pellew bei und reimte: „Am Busen der Musen kann man nicht schmusen!“
Der Kutscher hätte fast die Hände gerungen.
Aber die Arwenacks kicherten und gackerten. Es war wieder köstlich, den drei Streithähnen zuzuhören, wobei Mac und der Profos gegen den Kutscher zusammenhielten, der nun wahrlich den Boden etwas zu „lyrisch“ überspannt hatte.
Jedenfalls fiel die „Windsbraut“ des Kutschers bei der Abstimmung glatt durch – nur der Kutscher stimmte für sich selbst – und Carberrys „Spitzbusen“ als Name für das neue Segel wurde einstimmig angenommen, wobei sich Will Thorne der Stimme enthielt.
Die drei „Hurras“ für Will Thorne und Roger Brighton sowie den „Spitzbusen“ donnerten über die See und wurden mit Rum begossen, wie sich das gehörte. Der Inhalt einer Rummuck flog in das windgefüllte Segel, ausgeschüttet vom Namensgeber Edwin Carberry.
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