Die drei Offiziere erschienen in der Kammer und bauten sich neben dem Schott auf. Eine Aufforderung, Platz zu nehmen, erhielten sie nicht. Dafür saß der Capitán hinter seinem Schreibpult, das fest mit den Planken verbolzt war, um bei Seegang nicht auf Wanderschaft zu gehen. Der Capitán stärkte sich mit Rotwein. Außerdem mußte er seine rauhe Kehle ölen. Seinen drei Offizieren bot er nichts an, die hatten ja auch keine rauhe Kehle.
„Ähem“, äußerte der Capitán, „habe Sie zur Besprechung beordert, um Entscheidung zu treffen.“ Seine Stimme klang heiser, und er mußte sie wieder ölen.
Die drei Señores wunderten sich. Entscheidungen hatte der Capitán bisher immer allein getroffen, ohne sie um ihre Meinung zu fragen. Darum hatten sie sich längst abgewöhnt, eine zu haben.
„Situation stellt sich wie folgt dar“, fuhr der Capitán fort. „Kommandant der Schebecke ist ein gewisser Capitán Julio de Vilches, Neffe des gleichnamigen Kommandanten der Kriegsgaleone ‚Casco de la Cruz‘, bei dem ich die Ehre hatte, drei Jahre als Erster Offizier zu fahren. Tadelloser Offizier und Seemann, dieser ältere Capitán de Vilches – ähem. Er wurde von seinem Neffen mir gegenüber gröblichst verunglimpft. Der Teniente ist Zeuge.“
„Jawohl, bin Zeuge“, krähte das Jüngelchen und reckte die Brust heraus, aber viel war da nicht, weil es eine Hühnerbrust war.
„Schebecke heißt ‚El Tigre‘, wurde als Kurierschiff der Admiralität in Dienst gestellt und führt zur Zeit einen geheimen Auftrag aus – offenbar als Begleitschutz eines für Seine Majestät bestimmten Konvois – ähem.“ Und wieder mußte die Kehle geölt werden.
„Habe den Verdacht“, setzte der Capitán seihen Monolog fort, „daß auf der Schebecke einiges nicht stimmt, obwohl der Kommandant versichert, einiges Ansehen bei der Admiralität zu genießen. Schwer zu durchschauender Bursche, dieser Julio de Vilches – ganz im Gegensatz zu seinem Onkel – ähem. Habe an Bord ‚El Tigre‘ einen Neger entdeckt. In der Montur unserer Seesoldaten. Ungeheuerlich, das!“ Die Erregung übermannte den Capitán, sein Schnauzbart sträubte sich, und die Kehle mußte nachgeölt werden.
„Und zwei Seesoldaten hatten Haken, statt richtiger Hände!“ platzte der Teniente heraus.
Da wollte auch der Zweite Offizier seinen Senf hinzugeben und sagte: „Melde, daß ich durchs Spektiv einen alten Grande auf dem Achterdeck sah, der ein Holzbein hatte.“
Der Capitán rülpste und stellte fest: „Ein Kurierschiff der Admiralität, das mit Krüppeln und einem Neger besetzt ist. Ferner einem Monster, dem der Helm zu klein war. Fällt Ihnen etwas auf, Señores?“
„Neger und Krüppel haben auf Schiffen Seiner Majestät nichts zu suchen!“ schnarrte der Zweite Offizier. „Sie sind eine Beleidigung für die Krone!“
Der Zweite Offizier war ebenfalls ein Adelssproß, einer von der arroganten überheblichen Sorte, bei der der Mensch unterhalb des eigenen gesellschaftlichen Ranges als Niemand galt. Die Jagdhunde dieser Señores waren höher eingestuft als die Niemande. Neger und Krüppel waren noch weniger als Niemande und hatten den Status von lästigem Ungeziefer.
„Sehr richtig“, sagte der Capitán zu der Feststellung seines Zweiten Offiziers. „Neger und Krüppel haben auf Schiffen Seiner Majestät nichts zu suchen. Daraus folgert, daß es auf diesem Schiff nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Stelle daher zwei Alternativen zur Debatte. Erste: Wir bleiben auf Ostkurs, laufen Cadiz an und erstatten der Admiralität Meldung. Zweite: Wir gehen wieder auf Gegenkurs, fordern restlose Aufklärung und eröffnen gegebenenfalls das Feuer auf verdächtiges Objekt – ähem.“ Die Kehle mußte wieder kräftig geschmiert und geölt werden. Der Pegel in der Rotweinflasche nahm rapide ab, die Röte auf der Nase des Capitáns zu.
„Feind muß gestellt und vernichtet werden!“ krähte der Junggockel von Teniente und reckte das Brüstchen noch weiter heraus.
Der Erste Offizier, nicht von Adel, aber altgedient und daher ein fähiger Seemann, sagte unwirsch: „Gilt jetzt die Order nicht mehr, daß wir uns bei Feindberührung sofort abzusetzen, jedes Gefecht zu meiden und in Cadiz Meldung zu erstatten haben? Ich weise ferner darauf hin, daß die ‚El Tigre‘ unter spanischer Flagge segelt und ihr Kommandant – wie Sie selbst ausführten, Señor Capitán – Ansehen bei der Admiralität genießt. Er hat einen Geheimauftrag, und das kann zu einem gehörigen Stunk führen, wenn wir uns da einmischen. Außerdem – und das dürfte Ihnen allen bekannt sein – werden als Kommandanten von Kurierschiffen nur besonders befähigte Seeoffiziere von der Admiralität auserwählt – eben weil sie sehr schwierige und häufig gefährliche Aufträge zu übernehmen haben. Hier wurde eben abfällig über Krüppel gesprochen …“
„Verbitte mir Kritik!“ schnarrte der Capitán.
„… aber ich hatte den Eindruck“, fuhr der Erste ungerührt fort, „daß die ‚El Tigre‘ von diesen Krüppeln in hervorragender Weise gesegelt wurde. Jedenfalls sieht man so etwas selten …“
„Papperlapapp!“ unterbrach ihn der Capitán ein zweites Mal. „‚El León‘ wird noch besser gesegelt. Haben Sie sonst noch was zu sagen?“
„Aus den von mir genannten Gründen“, erwiderte der Erste, „schlage ich vor, die erste Alternative vorzuziehen. Sie entspricht im übrigen unserer Order.“ Und ziemlich kaltschnäuzig fügte der Erste hinzu: „Ich habe jedenfalls keine Lust, wegen Nichtbefolgung der Order vor ein Kriegsgericht gestellt zu werden.“
Der Junggockel zuckte zusammen, und der Zweite Offizier sagte sofort: „Ich auch nicht!“
„Und wenn ich die zweite Alternative vorziehe?“ fragte der Capitán lauernd.
„Das haben Sie als Kommandant der ‚El León‘ zu verantworten“, erklärte der Erste Offizier kühl. „Vor einem späteren Kriegsgericht werde ich aussagen, daß ich Sie an die Order erinnert und geraten habe, sie zu befolgen.“
„Ja-jawohl“, stotterte der hühnerbrüstige Teniente, „die – die Order muß befolgt werden, da-das betonte auch mein Vater, der Generalkapitän, immer wieder.“
„Interessant, was ich für schlappe Offiziere habe“, knarrte der Capitán, und die Galle stieg ihm wieder hoch – auch der Rotwein, wie er mit einem Rülpser verkündete.
„Sollten Sie schlapp mit Gehorsam verwechseln“, sagte der Erste Offizier, „dann fühle ich mich geehrt, Señor Capitán. Gehorsam ist das Mark echten Soldatentums.“
Da der Capitán bei diesen Worten gerade sein soundsovieltes Glas leerte, verschluckte er sich und erlitt einen ernsthaften Erstickungsanfall, den der Erste Offizier sofort mit einem kräftigen Abklopfen des ehrenwerten Rückens bekämpfte.
Danach keuchte der Capitán mit röchelnder Stimme: „Wir laufen Cadiz an.“
Seine Bewährungsprobe stand ihm allerdings noch bevor. Und ob die „El León“ besser gesegelt wurde als die „El Tigre“ mit ihren „Krüppeln“ an Bord, das war auch noch nicht bewiesen.
„‚El León‘ im Auge behalten!“ befahl Philip Hasard Killigrew, als die Schebecke nordwärts brauste. „Und holt raus aus unserem Zossen, was drinsteckt! Dan! Berechne schon jetzt den Kurs, den wir steuern müssen, wenn wir den Konvoi erreicht haben und wieder ostwärts segeln, um diese verdammte Kriegskaravelle zu erwischen. Sie segelt Kurs auf Cadiz, darf Cadiz aber nicht erreichen, sonst können wir unser Geschenk für die königliche Lissy in den Schornstein schreiben!“
„Aye, aye, Sir!“ schmetterte Dan O’Flynn und verschwand im Kartenraum.
„Also doch“, sagte Ben Brighton grinsend. „Was – ‚also doch‘?“
„Klarschiff zum Gefecht.“
„Mann, in Sichtweite der ‚Respeto‘ konnten wir doch nicht über eine spanische Kriegskaravelle herfallen“, fauchte Hasard.
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