Hasard trat auf die beiden zu, verneigte sich leicht und lässig, lächelte freundlich und sagte: „Willkommen an Bord, Señor …“
„Capitán de Freitas“, schnarrte der Schnauzbärtige, „Kommandant der ‚El León‘ aus Cadiz und auf Patrouillenfahrt – ähem!“
Daß die Kerle immer in diesem Schnarrton sprechen müssen, dachte Hasard. Es sollte wohl schneidig klingen und den Befehlsgeber herauskehren, wirkte aber nichts weiter als lächerlich und aufgesetzt.
„Capitán de Vilches“, stellte er sich vor, „Kommandant der ‚El Tigre‘ und unterwegs aufgrund einer königlichen Geheimorder, über die ich keine weitere Auskunft geben kann.“
De Freitas starrte Hasard irritiert an, räusperte sich und sagte: „Verzeihung, wie war Ihr Name, Señor Capitán?“
„De Vilches, Julio de Vilches“, erwiderte Hasard gelassen, „bitte nicht zu verwechseln mit meinem Onkel gleichen Namens, der zur Zeit Kommandant der ‚Casco de la Cruz‘ ist.“ Ihm war sofort klargeworden, daß dieser Kerl den alten Geier von der „Casco“ kennen mußte: er war irritiert gewesen und hatte noch einmal nach dem Namen gefragt.
De Freitas runzelte die Stirn, brachte wieder ein „Ähem-ähem“ heraus und fügte hinzu: „Wußte gar nicht, daß Capitán de Vilches einen Neffen bei der Marine hat – ähem. Hat nie davon gesprochen.“
„Kann ich mir denken“, sagte Hasard schlagfertig und ohne mit der Wimper zu zucken. „Wir halten nämlich nicht viel voneinander. Er mißgönnt mir meinen schnellen Aufstieg zum Capitán, und für mich ist er ein alter dummer Esel, den man längst hätte pensionieren müssen. Wenn unsere Marine von Greisen geführt wird, können wir uns alle einsargen lassen!“
Das Teniente-Jüngelchen schnappte nach Luft, und dem Capitán sträubte sich mal wieder der Schnauzbart, und er brauchte einige Zeit, um diese unverfrorenen Äußerungen zu Verdauen.
Dann stotterte er: „Don Ju-Julio d-de Vilches ist ein – ähem – ehrenwerter Mann.“
„Geschmackssache“, entgegnete Hasard. „Wir Jüngeren in der Familie nennen ihn einen schlappen Mehlsack.“
Der Capitán lief allmählich rot an, und jetzt zischte er: „Solche Äußerungen, die – ähem – verunglimpfend sind, können Sie den Kopf kosten, Señor Capitán!“
„Über meinen Kopf brauchen Sie sich nicht zu sorgen, Capitán“, sagte Hasard kühl. „Und wenn Sie mich denunzieren wollen – bitte sehr. Zufällig genieße ich einiges Ansehen bei der Admiralität, sonst hätte man mir keinen Geheimauftrag anvertraut. Sonst noch Fragen? Meine Zeit wird knapp.“
Der Blick des Capitáns irrte über die behelmten und brustgepanzerten Arwenacks, die ihn ausdruckslos anstarrten. Er zuckte zusammen, als er Carberry entdeckte. Ein solches Ungetüm hatte er noch nie gesehen. Und als sein Blick auf den riesigen Batuti fiel, verlor er fast die Fassung. Ein schwarzer Affe an Bord eines Schiffes Seiner Majestät des Königs von Spanien! Un-er-hört!
Dem Jüngelchen hingegen liefen die Schweißperlen unterm Helm hervor und über die blassen Wangen. Das Kerlchen begann nervös mit dem Kopf zu zucken und dann mit den Knien zu zittern, denn da standen zwei Kerle, denen je eine Hand fehlte. Statt dessen trugen sie funkelnde Haken mit geschliffenen Spitzen.
Heilige Madonna, was für Berserker! Dem Jüngelchen wurde es ganz schwummerig.
„Ähem“, sagte da der Capitán. „Sie befehligen ein recht merkwürdiges Schiff, Señor Capitán.“
„Allerhöchst verdächtig!“ kommentierte das Teniente-Jüngelchen eifrig und wurde rot, als es von dem eisigen Blick des fremden Kommandanten getroffen wurde.
„Können Sie das beurteilen, Teniente?“ fragte Hasard scharf. „Außerdem wurden Sie nicht um Ihre Meinung gebeten. Oder ist es bei Ihnen an Bord üblich, daß sich subalterne Offiziere mit dummen Bemerkungen in die Gespräche der Kommandanten einmischen?“
Das Jüngelchen wurde noch röter und hätte sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen.
De Freitas fühlte sich bemüßigt, seinem Teniente beizustehen.
„Ich pflichte Teniente de Calheiro bei“, sagte er hastig. „Dieses Schiff wird üblicherweise von nordafrikanischen Piraten gesegelt.“
„Mir bekannt“, sagte Hasard trocken. „Und was soll daran merkwürdig oder ‚allerhöchst verdächtig‘ sein? Ich will Ihnen was verraten, damit Sie ruhig schlafen können und sich nicht den Kopf über Dinge zerbrechen, die Sie aus Gründen der Geheimhaltung gar nichts angehen. Dieses Schiff, eine Schebecke, wurde von der Admiralität als Kurierschiff für besondere Aufgaben übernommen und mir unterstellt. Der Grund für diese Maßnahme war, daß es bis jetzt kein schnelleres und tüchtigeres Schiff für diese bestimmten Zwecke gibt. Falls Sie etwas von Schiffen verstehen, dann sollten Sie wissen, daß die Admiralität keine bessere Wahl hätte treffen können. Aber Sie können ja der Admiralität bei Gelegenheit mitteilen, daß Sie dieses Schiff für merkwürdig und allerhöchst verdächtig halten. Man wird höheren Orts entzückt über Ihre Ansichten sein. Das wär’s wohl. Sie dürfen sich verabschieden, Señores!“ Hasard nickte kühl und wandte sich dem Achterdeck zu.
Die beiden „Señores“ standen wie begossene Pudel da und verschwanden von Bord, als der Profos mit einem Knurrlaut zu der Pforte im Schanzkleid wies. Kaum hatte die Jolle abgelegt, da brauste die Schebecke unter voller Preß hinter dem Konvoi her.
Capitán de Freitas steckte voller Gift und Galle. Er war heruntergeputzt worden wie ein dummer Junge – und das im Beisein dieses Jünglings von Teniente. Daß er selbst diese scharfen Antworten des anderen Capitáns herausgefordert hatte, ging ihm nicht ein. Voller Wut starrte er hinter der Schebecke her, die regelrecht davonstob. So etwas dämmerte ihm, daß dieses Schiff allen anderen derzeitigen Seglern an. Geschwindigkeit haushoch überlegen war. Das brachte ihn noch mehr in Rage.
„Hätten Sie nicht das Maul halten können?“ schnauzte er den Teniente an, während die Jolle zur „El León“ zurückgepullt wurde. Der Teniente saß an der Pinne und steuerte Schlangenlinien. „Kurs halten!“ brüllte der Capitán. „Sie Idiot, Sie!“ Endlich hatte er jemanden, an dem er sich austoben konnte.
„A-aber“, stotterte der Jüngling, „Sie – Sie sagten doch selbst, die – die Schobacke sei …“
„Schebecke!“ brüllte der Capitán.
Vor Schreck verriß der Jüngling die Pinne, eine Welle klatschte achtern gegen die Bordwand und überduschte die beiden Señores Offiziere, so daß ihnen das Wasser in die Halskrausen lief. Die Bootsgasten beugten sich vor, um ihr schadenfrohes Grinsen zu verbergen.
„Wahnsinnig geworden?“ brüllte der Capitán und wischte sich das Seewasser aus dem Gesicht. „Zu dämlich zum Steuern, der Scheißkerl! Weg da! Ich übernehme!“ Rigoros wurde der Jüngling zur Seite gestoßen, und der ehrenwerte Capitán steuerte selbst.
Der Teniente de Calheiro stand dicht vorm Heulen. Sein Vater war Generalkapitän in der Armada. Er würde sich bei ihm beschweren über diesen rüden Capitán de Freitas, jawohl, das würde er. Es gehörte sich nicht, einen Teniente in Anwesenheit des niederen Decksvolkes derart anzupöbeln, zumal es dessen Autorität untergrub.
„Das melde ich meinem Vater!“ giekste das Jüngelchen in einem Anflug von Trotz.
Na, das war Wasser auf die wutmahlende Mühle des Capitáns. Und so folgte denn ein Anschiß dem anderen, bis die Jolle bei der „El León“ längsseits glitt und der Capitán sich heiser gebrüllt hatte.
An Deck röchelte er den Bootsmann an, die Jolle sofort aufhieven zu lassen. Dann stürmte er zum Achterdeck und berief eine Lagebesprechung der Offiziere ein, Sie fand in seiner Kammer statt. Inzwischen sollte die „El León“ auf Ostkurs gehen.
Читать дальше